US-Dokumentation über Katarina Witt Hollywood on Ice

Jahrelang schwieg sie, jetzt redet sie wieder: Ex-Eislaufstar Katarina Witt ist Subjekt eines neuen US-Dokumentarfilms. Der sieht darin vor allem den Stoff für ein Hollywood-Drama, samt Stasi-Wirrungen. SPIEGEL ONLINE sprach mit ihr.

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Eigentlich ist alles gesagt, längst schon. Ihr VIP-Leben zwischen Ost und West, ihre Stasi-Akte, die Frage, ob sie damals "Opfer" war oder "Begünstigte": Elf Jahre ist es her, dass ihr Leben zuletzt groß ausgewalzt wurde. "Danach", sagt Katarina Witt, "habe ich mich geweigert, weiter in der Öffentlichkeit darüber zu reden."

Doch jetzt sitzt sie in einer Limousine, jagt in Manhattan von einem Interviewtermin zum anderen und redet wie ein Wasserfall - übers strahlende Wetter, deutsche Befindlichkeiten und, wer hätte es gedacht, ihre Vergangenheit.

Die Amerikaner entdecken Witt gerade völlig neu, so neu, wie man es als vorbelasteter Deutscher gar nicht könnte: An diesem Dienstag hat im US-Sportsender ESPN ein Dokumentarfilm über sie TV-Premiere, der erste seit langem, bei dem sie freiwillig mitgemacht hat. "The Diplomat" heißt der, die Diplomatin - ein netter Euphemismus über ihre Erfolgszeiten und das, was dahinter steckte.

Wie neu das zumindest für die Amerikaner ist, zeigt schon der Einstieg des Films: Der erklärt einem die deutsche Teilung vorsichtshalber noch mal ganz von vorne, mit bunten Grafiken und Schwarzweißfotos. Denn das erste US-Testpublikum "hatte noch nie von der Berliner Mauer gehört", berichtet die Filmemacherin Jennifer Arnold, die gemeinsam mit Senain Kheshgi Regie führte und das Buch schrieb.

"Während des Kalten Krieges war Deutschland zweigeteilt", ist da also zu lesen, wie in einer Erste-Klasse-Schulfibel. "Westdeutschland war kapitalistisch und Ostdeutschland sozialistisch."

Kati Witts Geschichte - erzählt durch die amerikanische Linse

So einfach war das. Und so kompliziert. Wie die US-Zuschauer hatten auch Arnold und Kheshgi nichts mit deutsch-deutscher Politik am Hut. "Die Regisseurinnen sind ohne Vorbehalte an mein Leben herangegangen", sagt Witt. Unter anderem, indem sie deutsche Zeitungsartikel über Witt via Google übersetzten.

Und so wird Witts Geschichte jetzt doch noch mal erzählt - durch die amerikanische Linse. "Ich hatte das Gefühl, sie haben versucht, sich in mich hineinzuversetzen", sagt sie.

In 50 Minuten Laufzeit zeichnet "The Diplomat" Witts Aufstieg nach. Die ersten Übungshüpfer am Seil von Trainerin Jutta Müller; die ersten EM-Siege; die Vereinnahmung zum DDR-Aushängeschild; die Stasi-Bespitzelung, Vorgang "Flop"; die biederen Geschenke des Staates, um sie bei Laune zu halten; der Verrat durch Freunde; der Druck der Wettkämpfe; die olympischen Goldmedaillen; die geografische und emotionale Distanz zum Mauerfall, von dem Witt bei Dreharbeiten in Spanien erfuhr.

Alles oft protokolliert, debattiert, abgehakt. Doch fehlt diesmal die deutsche Rechthaberei, die sie sonst immer verfolgte: Goldmädchen, Verräterin, was denn nun? Die Regisseurinnen vermeiden es, diese Frage zu beantworten, sie sehen in dem Stoff stattdessen ein Hollywood-Script: Es sei ihnen um die "klaren, dramatischen Elemente von Katarinas Leben" gegangen, sagt Kheshgi.

Das gefällt Witt. Eine frische Sicht, eine neue Dramaturgie für sich selbst kann vielleicht doch noch mal gut tun. Gerade jetzt, mit 47 Jahren.

Ein Federstrich entscheidet über Katis Zukunft

Tatsächlich gibt es Aha-Momente: "Zum Beispiel, wie wichtig die zweite Goldmedaille bei den Olympischen Winterspielen 1988 für mich war." Denn hinter dem Eisdrama verbarg sich ein persönliches Drama: Die SED-Führung machte Witts Zukunft vom Sieg abhängig.

Gewann sie Gold, durfte sie Profi werden und weiter um die Welt reisen. Verlor sie, würde sie die DDR nicht mehr verlassen können - wie Gabriele Seyfert, die Tochter ihrer Trainerin. Ein Federstrich entschied: "Das ist eigentlich ein Kapitel", murmelt Jutta Müller, plötzlich gar nicht mehr so streng wie üblich, "wo man jetzt immer noch ein bisschen traurig darüber ist."

Witt gewann - mit der berühmten Carmen-Kür, die "The Diplomat" fast vollständig zeigt. Doch jetzt weiß man, um was es wirklich geht, was diese Minuten unerwartet dramatisch macht. "So unkompliziert ist das gelaufen", nuschelt dagegen der letzte DDR-Staatschef Egon Krenz, der einzige der alten Garde, der sich interviewen ließ, aufgedunsen, selbstgefällig.

Auch Ingo Steuer kommt ausführlich zu Wort, der frühere Freund und lange umstrittene Eislauftrainer, der Witt als IM "Torsten" für die Stasi bespitzelte. "Das ist eigentlich so'n schwarzer Fleck in meiner Geschichte", sagt er lakonisch, "den man aber nicht ausradieren kann." Er sei so jung gewesen, nicht mal 18.

"Ingo und ich haben nie darüber persönlich geredet", sagt Witt, überrascht von dem Offenbarungseid. "Ich habe ihm, als er öffentlich in der Presse verurteilt wurde, verziehen und vergeben, damit war dies für mich erledigt und abgeschlossen."

Weshalb es dann am Ende doch noch ein sehr politischer Film geworden ist. Würde sie heute etwas anders machen? "Nein, gar nichts", sagt Witt, während die Limousine den nächsten Termin ansteuert. "Und Fehler die man gemacht hat, lassen einen dazulernen und wachsen."



insgesamt 6 Beiträge
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quark@mailinator.com 06.08.2013
1. ;-)
Schade, Testo hilft auch nicht gegen's Alter, aber es macht'n starkes Kinn :-) ... Aber ich mag sie trotzdem :-).
Tahlos 06.08.2013
2. Und
das will wirklich irgendjemand sehen?
didaskalos 07.08.2013
3. Das schönste Gesicht des ....
Jetzt hatte mal die komplexbeladene, biedere, gleichgeschaltete, disparate, mausgraue DDR einen attraktiven "Star" mit einem - auch international gesehen - erheblichen (!) Glamour-Effekt (und man muss sich mal Honeckers Mimik betrachten, wenn er sie ……). Und dann diese politische Parabel sondergleichen, wie einerseits stolz und ideologisch vereinnahmend usw., andererseits verkrampft, apparatschik-mäßig, ideologisch verunsichert, letztendlich hilflos dieser ArbeiterundBauernstaat samt seinen "Sicherheitsorganen" damit – mit solch einem Phänomen wie "Kathi" – damals umging ! (Die Einzelheiten sowohl ihrer Privilegien als auch die der MfS- Überwachungsmaßnahmen sind bekannt.) Ein - abseits anderer, gewichtigerer politisch staatlicher Repressionen usw. - exemplarisches Lehrstück in Sachen DDR-Geschichte, was sie u.a.in diesen Bereichen ausmachte, incl. von Elementen, die man heute (verharmlosend) als Realsatire bezeichnet ….
commonsense2 07.08.2013
4. Katarina Witt fuehlte sich als Genosse der DDR verpflichtet
Medailen zur Ehre des sozialistischen Vaterlandes en gro zu gewinnen, als Vorbild fuer sozialistische Pflichterfuellung fuer die Jugend dazustehen, natuerlich auch als Stasiinformant auf diesem Gebiete sich "gefaellig" zu zeigen. Sie gehoerte zu den Privilegierten, die auch in der DDR in Sonderlaeden sog. Westwaren einkaufen konnten, ein passables Auto zur Verfuegung gestellt bekam, und wohnungsmaessig so versorgt war, wie es die einfachen Arbeitsbienen der DDR sich nur traeumen konnten. Sie waren froh, in klitze kleinen Wohnungen der als modern geltenden Plattenbauten unterzukommen, ansonsten verkommene Altbauwohnungen, da zur Instandhaltung fuer Gebaeude kein Geld vorhanden war. Mit dem Untergang war sie einer der Wendehaelse, d.h. sie verlegte den Wohnsitz in den Westen, lange Zeit in das ehemals verhasste Zentrum des Kapitalismus, die USA. Natuerlich moechte sie nicht gern an ihre Zeit als Vorzeigesportlerin und pes. Bekannte von Honnecker erinnert warden.
detleferl 07.08.2013
5. Die Diplomatin?
Hier scheint mir mit dem Begriff ¨Diplomat¨ ähnlich Schindluder getrieben zu werden wie mit dem Begriff ¨Banker¨. Wird man diesen Film auch einmal in Deutschland sehen?
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