RTL-Doku über NSU-Terrorist Böhnhardt "Nicht mein Uwe"

Die Lehrerin Brigitte Böhnhardt arbeitete mit verhaltensauffälligen Schülern, ihr eigenes verhaltensauffälliges Kind entglitt ihr. Eine RTL-Dokumentation schildert das Abdriften des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt in die rechte Szene. Eine Antwort auf die verzweifelten Fragen der Familie findet sie nicht.

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Brigitte Böhnhardt hat eine Mission. Sie spricht mit Carol Ann, Desirée und Marcel, die auf einem biederen Sofa in ihrem Wohnzimmer in einem sanierten Plattenbau am Rande Jenas sitzen. Sie will den Jugendlichen erklären, wie das Unerklärliche passieren konnte: Wie ihr Sohn Uwe erst auf die schiefe Bahn, dann in die rechte Szene geriet - und schließlich in den Untergrund ging. 13 Jahre lang zog er mordend und raubend durch Deutschland: Uwe Böhnhardt war Mitglied des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU).

Brigitte Böhnhardt spricht mit eindringlicher Stimme, wie sie wohl auch als Lehrerin in der DDR vor ihren Schülern gesprochen hat. Die Teenager sollen verstehen, dass sie ihren Sohn nicht aufhalten konnte, dass sie als Mutter alles gegeben hat - und dass sie nichts dafür kann, dass er zu einem Serienmörder wurde. Auch der Zuschauer soll das verstehen - und vor allem sie selbst.

Andreas Kuno Richter hat das Gespräch inszeniert und aufgezeichnet, entstanden ist die RTL-Dokumentation "Der verlorene Sohn" in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Richter hat Filme über die Stasi und über Neonazis im Arbeiter- und Bauern-Staat gedreht. Für "Der Verrat", einen Film über jugendliche Stasi-IM, erhielt er den Bayerischen Fernsehpreis.

Für Richters Projekt sprach das Ehepaar Böhnhardt zum ersten Mal vor der Kamera, damals wollten sie nicht erkannt werden, saßen mit dem Rücken zur Kamera. Die Interviews, die beide danach gaben, wurden bereits ausgestrahlt. So wirken Jürgen und Brigitte Böhnhardt in Richters Film noch verzweifelter, noch hilfloser als in den Gesprächen, die folgten.

Uwe Böhnhardt war ein absolutes Wunschkind, acht Jahre jünger als der Bruder. Die Eltern lassen dem Jüngeren mehr durchgehen. "Sicher haben wir ihn auch verwöhnt, das will ich durchaus zugeben", sagt Brigitte Böhnhardt. "Er war eben der Kleine, der Liebling in der Familie. Beim Größeren waren wir strenger in der Erziehung."

"Wir haben uns ganz doll bemüht, und der Sohn entgleitet einem einfach"

Uwe habe zwei Leben geführt - eines mit den Kameraden, eines zu Hause, wo er nie aggressiv oder unhöflich war, wo es keine Kränkungen oder Beleidigungen gab. "Wir waren für ihn Mutti und Vati, nicht der oder die Alte", betont Brigitte Böhnhardt, als wäre dies ein Indiz dafür, dass ein Mensch ein guter sein muss.

"Uwe kam aus keiner asozialen Familie, in der Gewalt herrschte", sagt sie. "Wir haben uns ganz doll bemüht, und der Sohn entgleitet einem einfach." Der Einbruch sei mit der Wende gekommen, sucht die Mutter nach Erklärungen. Das DDR-Schulsystem sei über den Haufen geworfen worden, Uwe musste die sechste Klasse wiederholen. Neue Klasse, neue Schule, zwei Jahre älter als die anderen Schüler, von heute auf morgen keine Freunde mehr, "das hat ihm schwer zu schaffen gemacht." Man spürt den Kummer und die Last der Eltern, auch wenn der Zuschauer aus ihrer Mimik nicht lesen kann.

Uwe Böhnhardt schwänzt die Schule, klaut in der örtlichen Kaufhalle Süßigkeiten und Zigaretten, er knackt Autos, fährt deren Tank leer und randaliert. Erwischt ihn die Polizei, holen ihn seine Eltern bei der Polizei ab, sie signalisieren ihm stetig: "Wir lieben dich trotzdem."

Uwe sei mit dem Leben nicht mehr klar gekommen. "Er war ein Problemfall", betont die Mutter. "Damals war man heilfroh, wenn einer von sich aus sagte: 'Nee, ich will nicht mehr!'" Uwe Böhnhardt geht freiwillig in ein Heim, bis er sechs Monate ins Gefängnis muss. Er kommt raus, lebt als Skinhead, grölt faschistische Parolen.

"Ich hatte verhaltensgestörte Kinder im Dienst - und eines zu Hause"

Seine Eltern fühlen sich machtlos. Für die Mutter ist es doppelt schmerzhaft: "Ich hatte verhaltensgestörte Kinder im Dienst - und eines zu Hause. Ich habe mir große Mühe gegeben mit meinen Schülern - und zu Hause habe ich es nicht geschafft." Es sind Zitate, die die tiefe Ausweglosigkeit der Familie belegen und die Dokumentation "Der verlorene Sohn" tragen, daraus hätte ein Psychogramm entstehen können.

Doch der Film hält nicht das, was der Titel verspricht. Filmemacher Richter rückt Schüler wie Carol Ann, Desirée und Marcel in den Vordergrund. Sie sind im Alter von 16, 17 Jahren - so alt wie Uwe Böhnhardt es war, als er sich radikalisierte. Und sie besuchen die Lobdeburgschule, auf der Uwe Böhnhardt zum Problemfall wurde.

Richter begleitet die Jugendlichen im Rahmen eines Videoworkshops, Thema: Rechtsradikalismus. Leiter ist Thomas Grund, genannt Kaktus, der als Sozialarbeiter in Jena-Winzerla Uwe Böhnhardt und seine Freunde Uwe Mundlos und Beate Zschäpe kennenlernte. Er zeigt ihnen ein Video von 1991, als er Beate Zschäpe, damals 16, interviewte. Sie geriert sich verlegen, fast schüchtern, und maulfaul.

Es ist eine kurze Sequenz, die unterstreicht, was Böhnhardts Mutter im Film über Zschäpe sagt: "Niemals hätte ich sie der rechten Szene zugeordnet. Niemals!"

Die jungen Videomacher treffen für Richters Dokumentation aber auch den Aussteiger Manuel Bauer (er war Neonazi in Sachsen, kannte das untergetauchte Trio nicht), Sebastian Krumbiegel von den "Prinzen" (wurde 2003 von Skinheads zusammengeschlagen), die Pfarrerin Maria Krieg, den Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, und den Vize-Präsidenten des Deutschen Bundestags, Wolfgang Thierse.

Wie kann sich ein Mensch so unbemerkt radikalisieren?

Die Interviewpartner mögen zur Aufklärungsarbeit bezüglich Rechtsradikalismus beitragen, für ein Psychogramm des NSU-Terroristen Böhnhardt sind sie überflüssig. Die eindringlichen Schilderungen von Böhnhardts Mutter über den verlorenen Sohn geraten in den Hintergrund. Die Fragen, die sie aufwerfen, bleiben unbeantwortet: Wie kann sich ein Mensch so unbemerkt radikalisieren, seinen Hass so unterdrücken?

Dabei finden sich in Brigitte Böhnhardts eindringlicher Ansprache immer wieder Hinweise dafür, dass es Momente gab, die das Umfeld hätten aufschrecken müssen.

Natürlich hätten sie zu Hause mit Uwe gesprochen, sagt Brigitte Böhnhardt. Über den "rechtsradikalen Müll", den er verbal produzierte und irgendwann einfach nicht mehr daheim abladen durfte; oder über die Klamotten, die die Eltern irgendwann nicht mehr duldeten, und die er sich deshalb in Mundlos' Wohnung anzog.

"Ich kann ihn mir nicht als eiskalten Mörder vorstellen, nicht mit einer Pistole in der Hand, nicht mein Uwe", sagt Brigitte Böhnhardt an einer Stelle. Es sind Zitate, die die Schüler Carol Ann, Desirée und Marcel tief erschüttern, gar zum Weinen bringen. Den Zuschauer erreichen sie nicht.


"Der verlorene Sohn", Sonntag 15. Juli, 23.25 Uhr, RTL

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