Versenkte TV-Serienschätze Da schau her!

Genervt vom deutschen TV-Trash? Unsere Sender versenken großartige, witzige, spannende Serien im Nacht- oder Nischenprogramm. Oder kaufen sie erst gar nicht ein. SPIEGEL ONLINE zeigt sie - inklusive kreuzbravem Drogendealer, cholerischem Kammerjäger und gefeuertem Ex-Spion.

"Burn Notice" oder Wie man 007 mobbt

Stellen Sie sich vor, Sie sind James Bond und irgendwo im Mittleren Osten undercover auf einer heißen Spur. Es wimmelt nur so von zwielichtigen Gestalten - und mitten in der heiklen Verhandlung mit dem Ganoven-Boss ereilt Sie die Nachricht, dass Sie gefeuert wurden, "burned", wie es im Slang amerikanischer Agenten heißt.

Was machen Sie? Sie lächeln verlegen. Und rennen.



Michael Weston gelingt es nach Zustellung seiner "Burn Notice" im denkbar ungünstigsten Moment, seinen Häschern zu entkommen. Abgebrannt landet er in seiner alten Heimatstadt Miami, wo ihn der Geheimdienst geparkt hat, um ihn besser im Auge behalten zu können. Die Lage ist prekär: Westons Konten sind eingefroren, keiner seiner Kollegen redet noch mit ihm.

Schwierig, unter diesen Umständen herauszufinden, warum er so plötzlich zur persona non grata wurde. Unterstützung gibt's nur von einer schießwütigen Ex-Freundin, einem versoffenen Kumpel mit guten Halbwelt-Kontakten und Westons liebenswürdiger, aber hochgradig manipulativer Mutter, die ihren Sohn durch gezieltes Einfordern von Gefälligkeiten zum Robin Hood der Nachbarschaft macht - während er verzweifelt versucht, die Intriganten zu ermitteln, die ihn matt gesetzt haben.

Weston, gespielt von Serien-Beau Jeffrey Donovan in seiner ersten Hauptrolle, kommentiert das Geschehen mit lakonischer Stimme aus dem Off - und erklärt nebenbei, wie das Agentenhandwerk funktioniert. Sprachwitz, wohldosierter Slapstick und liebevoll entworfene Charaktere machen diese anarchische Mischung aus "Miami Vice" und "Magnum" zum leichten und höchst unterhaltsamen Vergnügen.


"Burn Notice", Fox Entertainment, bislang eine Staffel als UK-Import auf DVD erhältlich

"Saxondale" oder Der Ratt'n'Roll-Revolutionär

50 Jahre und kein bisschen scheiße? Ach Tommy, gaukelst du dir da nichts vor?

In den Siebzigern war Thomas Gregory Saxondale als Rock-Roadie die coole Sau vom Dienst, tourte um die Welt mit Genesis, Pink Floyd, Rush. Jetzt, als Fiftysomething, lebt Saxondale, Titelfigur der gleichnamigen BBC-Comedy-Serie, eher gemütlich als glamourös: Kammerjäger in der englischen Provinz, geschieden, eine Tochter im Teenie-Alter, seine Freundin eine füllige Waliserin, die in ihrem Laden namens "Smash the System" selbstentworfene Anarcho-Mottoshirts vertickt.



So ganz kommt Tommy mit der eigenen Verspießerung aber nicht klar, also muss die Rock'n'Roll-Revolution halt im Kleinen rollen. Das bedeutet: Fick das System, selbst wenn es als renitenter Taubenschwarm oder konkurrierende Kammerjäger-Kette daherkommt. Voller Inbrunst verachtet Tommy schlipstragende Ex-Weggefährten, Dance-Music-Aficionados oder Audi-polierende Nachbarn, die er gern mal mit ätzenden Aphorismen bedenkt. Selbst seine Anti-Agressions-Therapie geht der Mann mit Zorn und Eifer an.

In der Rolle dieses Peter Pan der Prog-Rock-Ära: Steve Coogan. Gemeinsam mit Co-Autor Neil Maclennan schuf der ungemein scharf- und feinsinnige britische Comedian eine an popkulturellen Referenzen reiche, warmherzige und nuancierte Charakterstudie eines Mannes, der glaubt, die Coolness seiner Jugend konservieren zu können - und hinreißend scheitert.

So ähnlich wird's ja vielen von uns ergehen, irgendwann. Besser, man lacht jetzt schon mal drüber.


"Saxondale", BBC-Serie, insgesamt zwei Staffeln, auf DVD erhältlich

"Breaking Bad" oder Der Stoff, aus dem Alpträume sind

Dieser Mann weiß, was eine Finanzkrise ist: Walter White, Chemielehrer an der Highschool, krebskrank, von der Chemotherapie geschwächt. Zu Hause warten eine schwangere Frau, ein behinderter Sohn. Allein die Kosten der medizinischen Behandlung würden die Familie ruinieren.



Die Idee, Crystal Meth, eine aggressive Spielart der Droge Speed, im großen Stil herzustellen und an die Mafia zu verkaufen, steht deshalb nicht für kriminellen Eskapismus, sondern für bürgerlichen Realitätssinn. Bryan Cranston spielt den Todkranken als biederen Jedermann, den die Verhältnisse zum Äußersten treiben.

In Zeiten des globalen Wirtschaftskrise skizziert "Breaking Bad" eine Biografie, in der die zweckorientierte Vernunft in Paradoxien zerfällt. Anständigkeit und Gewalt, Seriosität und Korruption: Der Spätkapitalismus treibt die gesellschaftlichen Widersprüche auf die Spitze, und dort, auf dem Gipfelpunkt der Absurdität, balanciert Mr. White sein verrücktes Leben aus.


"Breaking Bad", Sony Pictures, bislang eine Staffel auf DVD, auch in Deutschland, erhältlich

"Big Bang Theory" oder Chaostheorie als WG

Für alle, die sich in der Schule mit Physik und Mathe quälten, gibt es jetzt eine Wiedergutmachung in Serienform. Die Sitcom "Big Bang Theory" erzählt vom Alltag zweier Jungwissenschaftler, deren WG-Leben von einer sexy Nachbarin aufgemischt wird.

Vor allem Darsteller Jim Parsons brilliert in der Rolle des Sheldon als asoziales Wunderkind, der quantenphysikalische Probleme löst, wie andere Schuhe binden, ansonsten aber verloren ist in einer Welt, in der man Dates hat, Rechnungen bezahlt und die Grippe bekommt.

Die Folge, in der Sheldon das Bett hüten muss, ist denn auch einer der Höhepunkte der ersten Staffel: Selten hat man die Selbstbezogenheit des genialen Menschen so liebenswürdig und zugleich scharfsinnig vorgeführt bekommen wie hier.

Das alte Genie-braucht-Wahnsinn-Klischee wird dabei immer wieder demontiert. So wenn zum Beispiel eine Physikerkollegin ganz pragmatisch ein Sexdate anberaumt. Cooler kann man Lust und Intellekt nicht vermitteln.


"Big Bang Theory", ProSieben, ab dem 11. Juli immer samstags, 14.40 Uhr. Man sollte aber das englische Original schauen: Warner Home Video, Staffel 1 als UK-Import.

"The Wire" oder Verbrechen mit System

Der Abschiedsbrief, den Serienschöpfer David Simon nach fünf Staffeln "The Wire" an sein Publikum schrieb, geriet zum Manifest.

"Wir sind eine Gesellschaft ohne den Willen, unsere eigenen Probleme ernsthaft zu erörtern", schrieb Simon den USA ins Stammbuch, "wir suchen einfache Lösungen". Genau die hat "The Wire" nie angeboten - und das setzt die Serie, eigentlich doch nur ein Polizei-und-Gangster-Drama, von fast allem ab, was TV-Autoren je hervorgebracht haben.

In den 60 Folgen der Serie aus der Hafenstadt Baltimore geht es um: Drogenhandel (aus der Sicht der Kleindealer, der Bosse, der Junkies, der Polizei und der großen Politik), das US-Schulsystem, die Auswirkungen der Globalisierung auf amerikanische Frachthäfen. Um Menschenhandel, Korruption, die Zeitungskrise. Vor allem aber um die Unfähigkeit verzahnter Systeme wie Polizei, Justiz, Politik und Geschäftswelt, gemeinsam Lösungen zu schaffen - etwa für das Drogenproblem der amerikanischen Unterschicht. Und um meist vergebliche Versuche, diesen Systemen ein Schnippchen zu schlagen.

Dass es gelungen ist, diesen oft brutalen Amerika-Essay in Serienform immens unterhaltsam zu machen, ist Simons eigentlicher Verdienst - und der seiner phantastischen Darsteller. "Wir sind ebenso überrascht wie Sie, immer noch hier zu sein, am Ende, nach unseren eigenen Regeln", schrieb Simon seinen Fans. Uns überrascht das gar nicht.


"The Wire", insgesamt fünf Staffeln, alle als UK-Import auf DVD erhältlich

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.