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MDR-Völkerschlacht: Napoleon im Live-Ticker

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MDR-Experiment Völkerschlacht live mit Ingo Zamperoni

Vor genau 200 Jahren tobte die Völkerschlacht bei Leipzig - zum Jubiläum spielt der MDR den Krieg nach, als würde er gerade eben stattfinden. Das klingt nach Geschichtsporno, ist aber tatsächlich unterhaltsames, leidenschaftliches Fernsehen.

In der lustigen Großfamilie der ARD-Anstalten ist der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) so etwas wie der etwas peinliche Onkel aus dem Osten. Man hört und sieht nicht viel von ihm, und wenn, dann schaltet man rasch weiter. Ist er wirklich so blöde? Tut er nur so? Man weiß es nicht und, Hand aufs Herz, will es auch nicht wirklich wissen. Bekannt ist nur, dass er hin und wieder in krumme Geschäfte verwickelt ist und gerne debile Volksmusik hört. Als ausnahmsweise mal richtig was los war im Sendegebiet, vor genau 200 Jahren, da existierte der MDR noch gar nicht. Die Berichterstattung holt die Anstalt nun mit regelrechten Festspielen zum Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig umso schwungvoller nach.

Zustände wie in der Champions League

Nun ist diese Völkerschlacht eine sehr komplexe Angelegenheit, nicht nur für Historiker. Das gilt vor allem für ihre Folgen. Einigkeit herrscht darüber, dass es eine Befreiung von napoleonischer Fremdherrschaft war - die übrigens Deutschland nebenbei radikal liberalisiert hatte. Und wer hat den militärischen Sieg in einen historischen Sieg verwandeln können? Die völkischen Nationalisten? Die Republikaner? Zumal allein die Besetzung der Hauptrollen des Kriegstheaters selbst sogar noch verworrener und undurchschaubarer war, als es die Dramaturgie des MDR-Nachmittagsprogramms "Hier ab vier" jemals sein könnte. Für die Franzosen kämpften Polen, Rheinländer und Italiener. Auf der Gegenseite waren die wichtigsten russischen Generäle zwei Deutsche und der Schwede ein Franzose. Zustände wie in der Champions League.

Dabei war Napoleon, als das Ende seiner Ära erzwungen wurde, beileibe kein geschlagener Mann. Allerdings hatte er im Jahr zuvor seine einst stolze Grande Armée beim desaströsen Rückzug aus Moskau restlos in den verschneiten Weiten Russlands verloren. Als er im Herbst 1813 seinen nachrückenden Feinden in Mitteldeutschland erneut entgegentrat, tat er das mit völlig unerfahrenen Truppen - und mit Verbündeten, die dem französischen Kaiser alles andere als treu ergeben waren. Am Morgen des 16. Oktober begann mit einer russischen Kanonade ein viertägiges Schlachtfest, an dem fast 600.000 Mann beteiligt waren und das rund 120.000 Soldaten nicht überlebten. Die Völkerschlacht bei Leipzig zwang die Franzosen zum endgültigen Rückzug hinter den Rhein.

Unter dem Motto "Die Völkerschlacht erleben - Geschichte live im MDR" versammelt sich nun ein ganzes Regiment verschiedener Formate, von einem Zeichentrickfilm des langjährigen Grafikers der Gruppe Die Ärzte ("1813 - Gott mit uns") bis zur vierteiligen Dokumentation über einen Hobbykrieger auf dem Weg zum Reenactment ("Mit der Muskete ins Wochenende"), das natürlich auch gewürdigt wird. In den 90 Minuten (ohne Halbzeit!) von "200 Jahre Völkerschlacht" werden mehr als 6000 Menschen die Gefechte südlich von Leipzig nachspielen, kommentiert von der Bestsellerautorin Sabine Ebert ("1813 - Kriegsfeuer").

Rolf Seelmann-Eggebert im Gespräch mit Napoleons Gattin

Höhepunkt des Spektakels aber ist das Experiment "MDR Topnews", jeweils vier Sendungen im "Brennpunkt"-Stil vom 14. bis zum 17. Oktober um jeweils 19.50 Uhr. Ingo Zamperoni moderiert, als wäre er erst jetzt über die Truppenbewegungen informiert worden - so richtig mit "Meldungen, die eben reinkommen", und epischen Filmchen aus dem Internet: "Russische Reservetruppen auf dem Marsch in Richtung Leipzig, aufgenommen am späten Nachmittag". Es geht um Soldatenschicksale, den Frontverlauf und um Machtpolitik, gerade so, wie wir das etwa vom jüngsten Irak-Krieg kennen. Ein Live-Ticker informiert über aktuelle Ereignisse: "+++ Napoleon lässt Siegesglocken läuten +++ Alliierte dementieren Erfolg Napoleons +++ Engländer testen neues Waffensystem +++", während Rolf Seelmann-Eggebert in Versailles Napoleons Gattin Marie-Louise von Österreich interviewt. Zugeschaltet sind ARD-Korrespondenten aus Moskau und Wien und sogar von der Berliner Börse, wo vor allem die Rohstoffpreise steigen.

Wie von anderen Edutainment-Formaten gewohnt, wird die historische Akuratesse hin und wieder der unterhaltsamen Zuspitzung geopfert. Dafür gibt's Reportagen aus dem Lazarett und Handy-Videos direkt vom Kampfgeschehen, dazu Info-Grafiken und animierte Schlachtpläne sowie die digitale Nachhut aus YouTube, Facebook und Twitter. Das Ergebnis ist ein dröhnendes multimediales Völkerschlachtdenkmal, stellenweise so fugenlos dargeboten und mit einem dermaßen konsequenten Spaß am Gemetzel, dass sich bisweilen ein "Krieg der Welten"-Effekt einstellt. Nicht auszuschließen, dass am 16. Oktober 2013 der eine oder andere MDR-Zuschauer in Möckern oder Wiederitzsch mit der vagen Hoffnung die Gardinen beiseiteziehen wird, nun General Blücher mit seiner Kavallerie durch den Garten galoppieren zu sehen.

Wer dieses Spektakel für pure Geschichtspornografie hält, hat nicht ganz unrecht. Nun kann aber, wer sich daran stören will, gerne weiterführende Bücher lesen. Da warten ganze Bibliotheken. Nicht jeder Sender würde sich mit fliegenden Fahnen und so viel Leidenschaft in ein so aufwendiges Experiment stürzen. Der peinliche Onkel hat hier etwas gewagt und - anders als Napoleon - gewonnen. Am Ende ist er gar nicht peinlich. Er tut nur immer gerne so.