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11. August 2011, 11:03 Uhr

Voyeurismus-Fernsehen

Öffnen Sie dieser Frau nie die Tür!

Von und Daniela Zinser

Britt Hagedorn oder Vera Int-Veen wollen Ihnen helfen? Obacht! Die Damen tun nur so, um sich dann gnadenlos an Ihrem Elend zu weiden. Eine wahre Armada dieser fiesen Voyeurismusmaschinen hält derzeit Einzug ins Privat-TV. Ein Überblick - von der Deko-Terroristin bis zur sadistischen Samariterin.

Sie heißen Britt, Vera oder Tine. Sie sind gekommen, um zu helfen. Und sie gehen nicht wieder weg. Im Gegenteil, sie machen sich immer breiter. Sie führen asoziale Teenager in die Gesellschaft zurück, sie renovieren Hartz-IV-Empfängern ihre hässlichen Wohnungen, sie vermitteln Menschen mit Schwabbelbauch an andere Schwabbelbäuche, sie machen Jagd auf Schmarotzer. Der Trend zum Coachen und Therapieren, zum Kuppeln und Denunzieren setzt sich im deutschen Privatfernsehen immer mehr durch.

Was früher eher an den Programmrändern von RTL oder Sat.1 stattgefunden hat, in den Doku-Soaps, Reality-Shows und Haudrauf-Talks des Nachmittags, ist längst auf die zentralen Sendeplätze der Primetime geschwappt. Überall laufen sie auf einmal auf, die beflissenen Helferinnen, die tätscheln, belehren, mahnen. Und manchmal zur Hatz blasen.

Sie sind die Elends-Scouts des deutschen Fernsehens. Sie führen den Gaffer vor dem Fernsehgerät in Wohnungen, in denen sich der Müll türmt, sie führen ihnen Männer vor, deren einzige weibliche Bekanntschaft die eigene Mutter ist, und sie präsentieren Hartz-IV-Empfänger, die zu doof sind, das Geld einzusacken, das ihnen eigentlich zusteht. Vergiftete Nächstenliebe muss man sowas wohl nennen. Denn mit dem Argument, helfen zu wollen, sammeln die Fernsehfrauen bizarres Bildmaterial, an dem sich der Zuschauer weiden darf.

Perfider war deutsches Privatfernsehen noch nie. Ob Britt Hagedorn und ihre Moppel-Vorführungen in "Schwer verliebt", Sabina Hankel-Hirtz und ihr Verwahrlosten-Bootcamp in "Das Messie-Team" oder Tine Wittler und ihr Streich-und-Roll-Kommando "Einsatz in 4 Wänden": Mit dem neuen weiblichen Samaritertum eröffnen RTL, RTL II und Sat.1 ihrem Medium neue Dimensionen der Diffamierung und Demütigung.

SPIEGEL ONLINE stellt Ihnen im Folgenden die skrupellosesten Voyeurismusmaschinen vor.

Vera Int-Veen: Die Schädlingsbekämpferin

Falls die Voyeurismus-Doku irgendwann zum klassischen Genre avancieren sollte, wird man sie als alte Meisterin des Fachs feiern. Vera Int-Veen hat schon bloßgestellt und gedemütigt, als das deutsche Privatfernsehen noch jung war: Zwischen 1996 und 2006 führte sie in mehr als 2000 Folgen ihrer Talkshow "Vera am Mittag" Freaks und Aussätzige aller Art vor. Danach versuchte sie diese Freaks und Aussätzigen in "Schwiegertochter gesucht" zu verkuppeln, und in der Sendung "Helfer mit Herz" überschüttete sie diese schließlich mit Geschenken.

Vor kurzem kam bei RTL dann noch "Mietprellern auf der Spur" hinzu, eine Mischung aus Horror-Deko-Show und Menschenjagd. Aus den Freaks und Aussätzigen waren angebliche Schmarotzer geworden. Die 43-Jährige zeigte in der gerade abgelaufenen Staffel des Formats Wohnungen, die zwar von Menschen bewohnt worden sind, aber allesamt so aussehen, als wären sie durch einen biblischen Schädlingsbefall verwüstet worden. Deshalb hatte Vera alle Hände voll zu tun: Sie tröstete hysterisch schreiende Hausbesitzerinnen - und versuchte, die inzwischen geflüchteten Parasiten aufzuspüren.

Ihre Methoden waren dabei möglicherweise besonders rabiat: Momentan nimmt die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) eine Folge der letzten Staffel unter die Lupe. Geklärt werden soll, ob sich Int-Veen ohne Erlaubnis Zutritt zur Wohnung einer Frau verschafft hat. In der fraglichen Sendung stellt das Team den 17-jährigen Roy aus Sachsen-Anhalt auf der Straße. Auf das Ansinnen, die Wohnung zu betreten, in der er mit einem Bruder und seiner pflegebedürftigen Mutter lebt, antwortet er zunächst undeutlich. Schließlich erwidert der Junge auf die Frage "War das ein Ja, oder war das ein Nein?" mit einem "Ja".

Die Schnittfolge in der fertigen Folge suggeriert allerdings, dass sich die Antwort auf die Erlaubnis zur gemeinsamen Wohnungsbesichtigung bezieht. Es sei aufgrund des Rohmaterials aber auch möglich, dass der Junge eine ganz andere Frage bejaht habe, erklärte die NLM. Letzteres legt ein Bericht auf "Bild.de" nahe, wo das Rohmaterial gezeigt wurde. Dort war auch zu sehen, wie der Junge nach dem Eindringen des RTL-Teams auf die Straße flüchtet. Kein Problem für Int-Veen: Während sie ihr Kamerateam dem Flüchtenden hinterherschickt, frohlockt sie: "Geil!"

Der Mieter als Ratte, die Moderatorin als leidenschaftliche Kammerjägerin - böser kann deutsches Privatfernsehen eigentlich nicht mehr werden. Christian Buß

Sabina Hankel-Hirtz: Die Playmobil-Therapeutin

Sabina Hankel-Hirtz, 47, ist Terrortherapeutin für Menschen, die keinen Geschmack, dafür aber reichlich Probleme mit der Mülltrennung haben. Ihr Prinzip kann man mit den Initialen ihres Doppelnamens benennen: H.H. - Herabwürdigen und Heulenlassen. Für "Das Messie-Team - Start in ein neues Leben" auf RTL II lässt sie 32-jährige Frührentner und Ex-Klavierstimmerinnen so lange aufsagen, wie verachtenswert ihr Leben ist, bis sie heulend "Bitte räum mein Leben auf!" wimmern.

Davor lässt sie sich durch Häuser voller Maden und Katzendreck leiten - um die Messies bestmöglich vorzuführen. Mit Suggestivfragen wie "Hier ist es ja auch nicht wirklich sauber, oder?" werden sie auf die knallharte Tiefenanalyse vorbereitet, denn: "Er ist nicht einfach die fette, faule Sau, sondern da steckt mehr dahinter." Während das Haus von Profis entmüllt wird, lädt Hankel-Hirtz zur zehnminütigen Therapie und spielt Familienkonstellationen mit Playmobilfiguren nach.

Praktischerweise hat sie ein paar Semester Psychologie studiert und ist obendrauf klinische Hypnosetherapeutin und klientenzentrierte tiefenpsychologische Körpertherapeutin mit eigener Praxis. Alsdann stellt sie dumme Fragen ("Wie fühlst du dich, wenn du das hier siehst?"), analysiert das Offensichtliche ("Regina hat Angst vor Verlust") und nennt so penetrant den Vornamen der Behandelten, dass es fast schon Hypnose ist. In Lederjacke, Stiefeln und mit Reibeisenstimme macht sie dabei klar: Eigentlich bin ich Rockerin (Sängerin der Thrash-Metal-Band "Holy Moses") - und wenn ich dich zum Trost umarmen muss, dann nur mit Gummihandschuhen. Daniela Zinser

Britt Hagedorn: Eine Heuchlerin für jeden Anlass

Britt Hagedorn hört einfach nicht auf zu reden. Mit Kollegin Int-Veen ist sie als einzige von den Nachmittags-Talkshows der Neunziger übriggeblieben. Ihr Prinzip: einfach Britt. Das heißt: frisch, fröhlich, frech - und abwaschbar. "Britt - Der Talk um eins" heißt ihre Talkshow, "Mein Mann kann" ihre Spielshow, "Schwer verliebt" ihre Kuppelshow, alles bei Sat. 1. Und immer geht es irgendwie um Beziehungen oder darum, wenigstens jemanden zu finden, den man betrügen könnte. Ob 17-Jährige, die nur Sex kriegen, wenn der HSV ein Tor schießt, oder 47-Jährige, die noch nie einer Frau ihre Briefmarkensammlung zeigen durften - Britt ist für alle da.

Britt lächelt für jeden und hört keinem zu, weil sie eh nicht weiß, wer das eigentlich ist, ihr da gegenüber. Aber in zehn Jahren Talkbusiness mit mehr als 17.000 Gästen hat sie gelernt, so zu tun, als fände sie das ganz spannend. Die 39-Jährige heuchelt Spaß und gibt die gute Freundin. Sobald ein Kandidat in einer ihrer Shows sich so richtig nackig gemacht hat, drückt sie ihm die Klamotten in die Hand und komplimentiert ihn hinaus. Denn auch wenn vorher nichts "bäh" genug sein konnte, das will nun wirklich niemand mehr sehen.

Britt ist der PVC-Boden des Privatfernsehens: überall verleg- und immer abwaschbar. Wer sich darauf aber ausgekippt hat, muss selber aufwischen. Daniela Zinser

Helena Fürst: Anwältin der Angst

Das nennt man einen Rollenwechsel: Als sogenannte "Sozialfahnderin" knöpfte sich Helena Fürst 2008 in der Sat.1-Sendung "Gnadenlos gerecht" mit Schaum um den Mund und bösen Sprüchen auf der Zunge sogenannte Hartz-IV-Betrüger vor, jetzt verteidigte sie für den Konkurrenzsender RTL als "Anwältin der Armen" jene, die sie zuvor jagte. Hat die metallicrotgefärbte Empörungsmaschine etwa eine 180-Grad-Wendung vollzogen?

Nein, nicht wirklich. Weiter schnarrt die Stimme der 37-Jährigen wie ein ungeöltes Scharnier, weiter putzt sie ihre Gegner runter, weiter verbreitet sie um sich herum eine Atmosphäre der Angst. Wenn Fürst mit wehendem Mantel ins Hartz-IV- oder Schuldner-Elend einfällt, um an den eigentlichen Hauptpersonen vorbei ihre Aufräumstrategie in die Kamera zu dozieren, dann sehen die Betroffenen nur noch blasser, lebensunfähiger und erbärmlicher aus als sie eigentlich sind. Voyeurismus-TV at its worst.

Es hat sich also nichts geändert. Ist Helena Fürst mit Kamerateam im Rücken im Anmarsch, gilt immer noch die Regel: Wohnung verbarrikadieren. Christian Buß

Tine Wittler: Die Deko-Terroristin

Tine Wittler, die Mutter aller Einrichtungsshows, ist eine Art menschgewordener Ikea-Katalog. Ihr Prinzip: Du wohnst nicht, du lebst nicht, du existierst nicht mal - ohne mich. Unaufhaltsam dringt sie in menschliche Behausungen ein, um sie zwangszuverschönern. Dabei ist sie selbst ihre aufwändigste Deko.

Seit 2003 ist sie im "Einsatz in 4 Wänden" bei RTL - vor kurzem haben die neuen Folgen begonnen, mit einem "spezial" hintendran, was heißt: Hier geht es um ganze Häuser und ganz harte Fälle. Die Dramatik wird im Folgentitel kaum verschleiert: "Die Höllen-Hütte des Bastel-Opas" oder auch "Die Gruselgruft der Messie-Mutter". Im Gegensatz zu ihrer RTL-II-Kollegin Sabina Hankel-Hirtz vom "Das Messie-Team" will Tine Wittler aber nicht therapieren, sondern tünchen. Am liebsten marmoriert oder in Wischtechnik.

Dabei verhehlt die 38-Jährige ihren Abscheu nicht ("Was ist das denn da bitte?") und wird ganz schön verbalrabiat, wenn der Messie einfach nicht ausmisten will ("Die kann weg, jetzt ist Schluss!"). Wie es den Eigenheimbesitzern dabei geht, ist ihr wurscht. Tine geht's super. Am Ende müssen sich alle sehr freuen, sonst werden sie geknuddelt. Und danach können sie nie mehr einen Ikea-Katalog auch nur anheben. Daniela Zinser

Julia Leischik: Sadistische Samariterin

Den Spannungsaufbau hat sie sich bei Heidi Klum abgeguckt: In ihrer gerade abgelaufenen RTL-Detektiv-Soap "Vermisst" reiste Julia Leischik über den ganzen Globus, um verlorengegangene Söhne, Mütter und Ehemänner einzusammeln. Und genau in dem Moment, als der Auftraggeber vor laufender Kamera darüber informiert werden sollte, ob denn nun die geliebte vermisste Person gefunden wurde oder nicht, zog sie die Ja-nein-vielleicht-Folternummer ab, mit der Klum ihre Casting-Küken in Nervenzusammenbrüche zu treiben pflegt.

Mehr als bei all den anderen hier aufgeführten Moderationsmaschinen liegt bei der 40-jährigen Leischik Samaritertum und Sadismus ganz dicht beisammen; das Taschentuch reicht sie mit vergiftetem Lächeln an ihre Opfer weiter. Ob ihr das wohl peinlich ist? Kaum anzunehmen. In einer Folge führt sie ihre Recherche nach Peru, wo die Mitleidsmatrone gnadenlos auf Deutsch auf kleine freundliche Indios einredet. Selbstzweifel sind der Frau offensichtlich fremd.

Für die Fernsehsaison 2011/2012 geht Leischik nun zum Konkurrenzsender Sat.1 - was für Ausgewogenheit im deutschen Voyeurismus-TV sorgt: Schließlich ist zuvor Kollegin Helena Fürst von dort zu RTL gewechselt. Christian Buß

Frauke Ludowig: Die Promi-Klette

Frauke Ludowig, 47, nutzt mehr als alle anderen die Mittel der Moral und Scheinmoral für ihre Moderationstechnik. Ihr Prinzip: Auf einen Sockel stellen - und dann anspucken. Ihr tägliches Boulevardstück "Exclusiv - Das Star-Magazin" gibt sie seit 1994 bei RTL. Dafür steht sie auf einem roten Teppich vor sonnengelbem Hintergrund im Studio und kann sich fühlen wie bei der Oscar-Verleihung oder all den Adelshochzeiten, die sie schon live gesehen hat.

Überhaupt hat Frauke Ludowig schon alles gesehen. "Krawallmodels" (Naomi Campbell), "porentiefreine Engel" (Claudia Schiffer) und Menschen, die nie sie selbst sein konnten (Rex Gildo). Damit die Zuschauer auch einordnen können, was die Prominentenstars so treiben, scheut Ludowig die Wertung nicht. Dabei bevorzugt sie allerdings das Indirekte. Sie fragt gerne - und scheint die Antwort immer schon zu wissen: "Ist Amy Winehouse rassistisch?" Jeder Promi-Schwachpunkt wird ausgeleuchtet: Wie sieht Heidi Klum nach der Geburt des vierten Kindes aus, wie lebt Paris Hilton mit ihrer "peinlichen" Familie und wie Jörg Kachelmann nach dem Prozess?

Direkt gefragt wird selten, man will es sich ja nicht verscherzen mit den Stars. Lieber wird der Filmbeitrag hinterher hämisch betextet, mit dem Unterton: Also das geht nun wirklich nicht! Das wirkt wie eine verbitterte Variante der "Gala" - wäre die Moderatorin doch selbst der viel bessere Star! Aber sie muss immer noch zu Beginn jeder Sendung aufklären: "Ich bin Frauke Ludowig." Daniela Zinser

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