Wahl-Schlussrunde bei ARD und ZDF Ein bisschen Nordkorea, ein bisschen britisches Unterhaus

Harte Fragen, weiche Antworten: Tina Hassel und Theo Koll hakten beim Septett zur Bundestagswahl souverän nach, brachten die Debatte aber selten zum Funkeln. Braucht der demokratische Diskurs solche Veranstaltungen?
Moderatoren Tina Hassel und Theo Koll: Bereit für den Kickstart?

Moderatoren Tina Hassel und Theo Koll: Bereit für den Kickstart?

Foto:

CLEMENS BILAN / POOL / EPA

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Starker Kickstart, den Tina Hassel und Theo Koll da in der Abschlussrunde von ARD und ZDF hinlegten. Angesichts des Mordes an einem Tankstellenkassierer durch einen Maskenverweigerer in Idar-Oberstein stiegen sie mit dem Themenkomplex Radikalisierung und Rechtsextremismus in ihre Sendung ein. Den hatten die Moderatorinnen und Moderatoren in den vorherigen Wahlduellen weitgehend ausgeklammert – als hätten sie sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, die Spaltungstendenzen innerhalb der Gesellschaft auch noch mit wirklich schwierigen Fragen voranzutreiben.

Hassel und Koll rückten den sechs Spitzenkandidatinnen und -kandidaten plus CSU-Chef Markus Söder am Donnerstagabend zumindest anfänglich pointiert auf die Pelle, sodass Ausflüchte eigentlich kaum möglich waren. Spoiler: Waren sie natürlich doch.

Hassel, an CDU-Chef Armin Laschet gewandt: »Die Union hat das Wehrhafte-Demokratie-Gesetz verhindert.« Koll an Linken-Vorsitzende Janine Wissler: »Wer soll die Radikalen im Netz beobachten?« Hassel an FDP-Chef Christian Lindner: »Was sagen Sie, wenn Kubicki sagt, er sei im Lockdown in Kneipen gegangen?« Koll an Alice Weidel von der AfD: »Wäre es nicht Zeit, sich von der Szene zu distanzieren?«

Die Absage der Union an Maßnahmen, mit der antifaschistische Einrichtungen unterstützt werden sollen. Die Ablehnung, die von der Linken gegen den Verfassungsschutz gehegt wird. Der Spitzenkandidat einer FDP-Landesliste, der so freiheitlich ist, sich über Corona-Beschränkungen hinwegzusetzen. Eine Partei, die immer wieder mit Coronaleugnern und »Querdenkern« flirtet. Hassel und Koll eröffneten ihre Schlussrunde zur Bundestagswahl mit denkbar zugespitzten Hinweisen auf fragwürdige Vorgänge innerhalb der Parteien ihrer Gäste.

»Wie in Nordkorea!«

Tatsächlich gerieten da einige der Teilnehmenden argumentativ an ihre Grenzen. Laschet entgegnete auf die Wehrhafte-Demokratie-Frage, dass gegen Rechtsradikalismus kein Gesetz helfe (Was denn sonst?). Lindner fiel nur ein, dass man da Herrn Kubicki selbst »nach seinen persönlichen Regeln« befragen müsse (Macht der die denn mit Lindners Duldung selbst?). Weidel warnte vor »einer Stigmatisierung« des rechten Rands (Weil sie ihn umarmen will?).

So richtig aus der Reserve gelockt wurden die Spitzenkräfte der sieben Parteien also nicht, aber immerhin war es ihnen auch nicht möglich, sich gleich am Anfang windelweich mit Wahlkampfstanzen aus der Affäre zu ziehen. Stattdessen durfte man darauf hoffen, dass es vielleicht zu einer gewissen argumentativen Entfesselung kommen würde. Nochmal Spoiler: Kam es dann nicht wirklich. Stattdessen krähte die mit dem Verlauf der Diskussion unzufriedene Weidel am Ende des Radikalismus-Blocks aus dem Off: »Wie in Nordkorea!«

Die Schlussrunde in ARD und ZDF: Nicht viel Raum für Überraschendes

Die Schlussrunde in ARD und ZDF: Nicht viel Raum für Überraschendes

Foto: Pool / Getty Images

Nordkorea war natürlich fern. Jedenfalls wenn man die Schlussrunde darauf abklopft, ob alle Gepflogenheiten einer demokratischen Debatte eingehalten wurden. Das wurden sie natürlich, und zwar sehr streng. Eben fast so streng, dass dann doch ein bisschen Nordkorea-Feeling in der Formalisierung des Ablaufs der Veranstaltung aufkam. Nach dem Vollgas am Anfang gab es dann doch immer wieder Selbstdarstellungsmöglichkeiten für die Anwesenden, etwa als sie erklären sollten, wie sie in ihrem Alltag auf Klimaschutz achten. Eine Vorlage für PR-Geschwätz – die SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz selbst so langweilig fand, dass er sich weigerte, darauf zu antworten. Weil er, wie er richtigerweise sagte, als Politiker mit Personenschützer und Panzerglaslimousine nun mal keinen normalen Alltag habe.

Scholz merkelte und blieb schwammig

Abgesehen von solchen Momenten präsentierten sich Hassel und Koll aber recht angriffslustig und vor allem: gut abgestimmt. Die Hauptstadtstudio-Leiterin von der ARD und der Hauptstadtstudio-Leiter vom ZDF konnten da einiges an Vertrauen in die Öffentlich-Rechtlichen zurückgewinnen, das in dem ersten, desaströs unkoordinierten Wahl-Triell mit Oliver Köhr und Maybrit Illner falsch gelaufen war. Allerdings sorgten die spezifischen bürokratischen Ansprüche an eine solche Art von Veranstaltung auch für Statik in der Diskussion: Wenn sieben Leute in 90 Minuten gleichberechtigt zu Wort kommen sollen, bleibt nicht viel Raum für Überraschendes.

Zur korrekten Anordnung der Debattierenden entschied man sich für eine Art aufgebogenes Hufeisen, an deren Enden man mit Weidel und Wissler die Vertreterinnen der Enden des rechten und des linken Spektrums platzierte. Nach dem Wahl-TV-Ärger zuvor sollte alles ganz korrekt laufen – was es dann schon deshalb nicht tat, weil man mit Markus Söder eben nicht den CSU-Spitzenkandidaten (das ist Alexander Dobrindt), sondern den CSU-Vorsitzenden eingeladen hatte. Äh? Damit fiel schon mal die angestrebte Arithmetik der Sendung zusammen, die als »Schlussrunde der Spitzenkandidatinnen und -kandidaten« angekündigt worden war.

»Ich hatte eine klare Frage gestellt!«

Trotz solcher Patzer machten Hassel und Koll über weite Strecken eine souveräne Figur. Auch weil sie immer wieder extrem hart gegen die Geschwätzigkeitsanfälle ihrer Gäste vorgingen. Als Scholz partout nicht konkret werden wollte in Sachen Mietendeckel, insistierte Koll: »Und noch die Antwort auf die Frage!« / »Ich hatte eine klare Frage gestellt!« / »Haben wir alles schon erfahren!« / »Also garantiert keinen Mietendeckel?« / »Garantiert kein Mietendeckel?« Scholz merkelte und blieb schwammig, was soll man machen.

Es gab allerdings auch ein paar erhellende Schlagabtäusche. Etwa als es um zukünftige Investitionsmaßnahmen ging. Im direkten Clinch von FDP-Spitzenkandidat Lindner und Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock wurde deutlich, wie weit und wie unversöhnlich die beiden, die doch möglicherweise bald in Koalitionsgespräche gehen werden, in dieser Frage auseinanderliegen. Da lag an Schärfe und Diskussionsfreude dann doch kein bisschen Nordkorea in der Luft, sondern eher ein bisschen britisches Unterhaus.

Bleibt die Frage, ob eine Schlussrunde mit ihrem schwergängigen Personen-Tableau und ihren vielen formalen Zwängen überhaupt je eine Sternstunde der demokratischen Debattenkultur werden kann.

Vor der nächsten Wahl müssen wir unbedingt über neue Gesprächsformate reden.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.