RTL probiert sich als Politik-Sender Der neue Actionheld heißt Olaf Scholz

Je weniger er macht, desto mehr wird er gemocht: Der hüftsteife und antwortfaule Olaf Scholz avancierte zum Publikumsliebling des RTL-Triells. Lag es an der suboptimalen Fragetechnik des Moderationsduos?
Olaf Scholz bei RTL: Der Umfrageliebling sitzt aus

Olaf Scholz bei RTL: Der Umfrageliebling sitzt aus

Foto: MICHAEL KAPPELER / AFP

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Abends um kurz vor zehn in Deutschland, auf allen Kanälen nur Sprechblasen und Balkendiagramme. Bei RTL geht langsam das erste sogenannte Triell zu Ende; während das Moderationsduo bei den Anwesenden die Wunschpartner fürs Regieren abzuklopfen versucht, werden im Hintergrund in bunten Streifen mögliche Koalitionen angezeigt.

Parallel dazu ist im Ersten gerade der Talk von Anne Will gestartet, bei dem die Sendung der Konkurrenz schon bilanziert wird, als diese noch gar nicht ganz vorbei ist. Auch bei Will blinken die Balkendiagramme, in diesem Fall zu den Beliebtheitswerten der bei RTL zeitgleich noch immer um mehr Beliebtheit oder überhaupt um ein bisschen Beliebtheit ringenden Kanzleramtsanwärterschaft.

Menschen, die gerade aus dem Ausland nach Deutschland gekommen sind und sich am Sonntagabend durch die hiesigen Fernsehsender zappen, müssen annehmen, dass die Bewohner dieses Landes allesamt politikbesessen sind.

Sind sie das wirklich? Die Manager von RTL und ntv (wo das Triell ebenfalls läuft) sowie anderen privaten Medienkonzernen behaupten »Ja« und haben sogar eine Wette darauf abgeschlossen. Überall räumen sie beste Sendezeit frei, um über Politik zu reden und reden zu lassen. Wo früher alle möglichen Promis und Halbpromis zwischen den Werbepausen drollige Spielchen spielten, reden jetzt die fast immer gleichen Politiker sehr ernst über Parteiprogramme. Manchmal wird sogar ganz auf Werbepausen verzichtet, denn die Medienkonzerne rechnen gerade nicht mehr nur in der Währung Werbeeinnahmen, sondern auch in der Währung gesellschaftliche Relevanz .

Wenig falsch gemacht – und wenig richtig

Ob der Ertrag in Form dieser neuen Währung beim RTL-Wahltalk hoch ist, lässt sich noch nicht endgültig sagen. Pinar Atalay, die frisch von den ARD-»Tagesthemen« abgeworbene Moderatorin des Triells, und Peter Kloeppel, der seit fast 30 Jahren einwandfrei durchschnarrende Ankermann der RTL-Nachrichten, machen wenig falsch. Und wenig richtig.

Moderationsduo Pinar Atalay und Peter Klöppel vor Polit-Trio

Moderationsduo Pinar Atalay und Peter Klöppel vor Polit-Trio

Foto: Pool / Getty Images

Eine gewisse strategische Schwäche offenbart sich gleich in ihrer Einstiegsfrage. Da wollen sie von Annalena Baerbock, Olaf Scholz und Armin Laschet einen Grund genannt bekommen, weshalb ihr jeweiliges Gegenüber nicht fürs Kanzleramt taugt. Nun sind bislang alle drei sehr defensiv im Wahlkampf unterwegs gewesen, und deshalb verwundert es nicht, dass sie die Antwort auf eine solch zugespitzte Frage vorsichtshalber verweigern.

Ungeschickterweise kann Atalay nicht von der Einheizernummer lassen und fleht die bockende Baerbock an: »Nur eine Nuance oder was Ihnen einfällt.« Nun ist »Was Ihnen einfällt« wirklich kein guter Ansporn für geübte Wahlkämpfer, die ja sowieso eher das sagen, was in ihrer Agenda gedruckt steht, anstatt heiße Eisen anzupacken oder überraschende Ideen zu verbreiten. Und tatsächlich hört man dann im ersten Drittel des Triells trotz der brisanten Themen Afghanistan und Corona eben eher Nuancen einer neuen Politik und oft auch nur Stanzen einer alten. Der Triell-Untertitel »Neustart für Deutschland« war dann vielleicht doch etwas hoch gehängt.

Dabei wagt sich nun Kloeppel ein wenig vor. Baerbock fragt er forsch, ob sie als Teil einer Partei, die auch aus der Friedensbewegung hervorging, angesichts der aufwühlenden Szenen vom Flughafen von Kabul »mehr Aufrüstung« wolle. Und Scholz fragt er als Mitglied der in Sachen Afghanistan gescheiterten Bundesregierung, ob er sich angesichts dieser Bilder nicht schäme. Sowohl Baerbock als auch Scholz winden sich raus. Und als Scholz anschließend mit Laschet eine Diskussion über Drohneneinsätze startet, für die man zum tieferen Verständnis mehr Hintergrundinformationen braucht, versäumt es Kloeppel, diese zu liefern.

Startschwierigkeiten? Möglicherweise. Denn im weiteren Verlauf blitzt bei Atalay und Kloeppel dann doch noch ein gewisser Biss auf. Atalay fragt, als es um fehlende Coronakonzepte für Kinder geht: »Durchseuchen sie jetzt Kindergärten und Grundschulen?« Kloeppel holt das Thema Sicherheitsempfinden auf die Tagesordnung. Das mag erst einmal als alter Hut erscheinen, aber im Flut-Afghanistan-Corona-Dreiklang der vergangenen Wochen öffnet er damit ein Themenfeld, das gerade wegen anderer Diskussionen brachzuliegen scheint – das aber in einer Gesellschaft, die immer stärker mit sich selbst im Krieg liegt, bald wieder hochrelevant werden könnte.

Scholz sitzt aus, Laschet pumpt sich auf

Insgesamt können Baerbock, Scholz und Laschet die Diskussion jedoch immer wieder in die ihnen genehme Richtung drehen. Einmal fragt Atalay Scholz in Bezug auf Umweltschutz und Klimapolitik: »Mögen sie was verbieten?« Der Scholzomat sagt: »Nö.« Atalay muss kichern. Scholz, der Umfrageliebling, sitzt aus. Laschet, der Umfrageloser, pumpt sich auf.

Nur Baerbock schafft es, während der Diskussionen in offene Flanken zu stoßen, etwa als sie die Steuerdiskussion mit dem Thema Kindergrundsicherung verbindet. Über Strecken übernimmt sie die Führung; auch weil sie teilweise betont emotional in die Diskussion geht. Oft spricht sie über Kinder, gelegentlich erwähnt sie dabei ihr Herz. Man hat das Gefühl, sie habe den Familiensender RTL besser verstanden als die Moderatorin und der Moderator selbst. Fast zwei Stunden geht die Veranstaltung, zwischendurch wirken Atalay und Kloeppel in der neuen Politarena des Spaß- und Spielesenders noch ein wenig verloren.

Doch schon um kurz nach zehn ist RTL wieder ganz bei sich. Da hat Promi-Talkerin Frauke Ludowig die hauseigenen Promis unter der Spielshow-tauglichen und ungegenderten Überschrift »Wer war der Beste?« zur Nachbetrachtung eingeladenen. Unter den Gästen ist Motsi Mabuse, die bei »Lets Dance« die Haltungsnoten verteilt, und Micky Beisenherz, der die Texte für das »Dschungelcamp« schreibt. Sowie selbstverständlich auch Günther Jauch, der von Ludowig mit den Worten vorgestellt wird: »Wenn der als Kanzler kandidieren würde, würde er gewählt.«

Jauch, der Kanzler der Herzen

Aber zum offensichtlichen Bedauern von Ludowig ist man an diesem Abend eben nicht zusammengekommen, um Jauch zum Regierungschef zu ernennen, sondern um zu ermitteln, wer denn nun von den drei Diskutierenden aus der Sendung zuvor wohl am besten den Kanzlerjob machen könnte.

Mabuse lobt Baerbock, als hätte die gerade eine Nummer aus »Cats« getanzt: »Wenn sie redet, klingt es menschlicher. Laschet klingt aggressiv. Sie hat immer wieder Kinder erwähnt. Sie nutzt tolle Beispiele, wo man versteht, worum es geht.« Überhaupt sind alle ganz angetan von Baerbock (parallel bei Anne Will übrigens auch), während Scholz’ Performance als verstörend hüftsteif empfunden wird.

Aber RTL will weiterhin ein Publikumssender sein, weshalb man eine Forsa-Blitzumfrage unter 2500 Zuschauerinnen und Zuschauern machen lassen hat: Mit großem Vorsprung hat Olaf Scholz die Umfrage gewonnen. Ludowig und Mabuse schauen baff in die Kamera, während kurz vor Schluss dann noch ein gigantischer Werbeblock in die Sendung geschoben wird.

Offenbar müssen jetzt alle Spots rausgehauen werden, die man sich bei der vorherigen Seriositätsoffensive verkniffen hat. Es geht um Klosteine, um den Bausatz für einen Wehrmachtspanzer sowie um einen neuen Marvel-Actionhelden. Ein bisschen erschöpft von der ersten von vielen noch folgenden Wahlkampfnächten geht man ins Bett und rätselt im Dunkeln noch lange darüber, wie ausgerechnet der Scholzomat zum neuen Actionheld der SPD wurde.

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