Marvel-Sitcom »WandaVision« Vorort-Horror mit Superhelden

So seltsam wie die Zeit, in der wir leben: In der schrägen Marvel-Sitcom »WandaVision« startet ein Superhelden-Ehepaar auf äußerst ungewohnte Weise in die Welt nach dem »Avengers«-Endgame.
»WandaVision«-Stars Paul Bettany und Elizabeth Olsen: Screwball mit Superkräften

»WandaVision«-Stars Paul Bettany und Elizabeth Olsen: Screwball mit Superkräften

Foto: Disney+

Hätte nicht irgendein intergalaktischer Bösewicht am Reality Stone herumgefummelt, wäre die vierte Phase des sogenannten Marvel Cinematic Universe (MCU) längst im vollen Gange: Mit »Black Widow« und »Eternals« wären im vergangenen Jahr bereits mindestens zwei Nachfolger des »Avengers«-Blockbusters »Endgame« im Kino angelaufen. Doch mit dem Beginn der globalen Herrschaft des Coronavirus endete vorerst auch die Ära der Milliardenumsätze mit den Superhelden des US-Comic-Imperiums und seines Mutterkonzerns Disney.

Der Neubeginn der Marvel-Abenteuer startet also pandemiegerecht ein paar Nummern kleiner. Couch-kompatibel, wenn man so will. Es schlägt die Stunde der für den Streamingdienst Disney+ konzipierten TV-Serien, die sich, so hatte es MCU-Mastermind Kevin Feige angekündigt, mit Nebencharakteren der »Avengers«-Riege beschäftigen sollen, für die es in den Ensemble-Filmen zu wenig Raum, aber auch keine Option auf eigene Filme gibt.

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"WandaVision"

Foto: Disney+

»WandaVision«, die erste dieser Marvel-Serien, widmet sich der unwahrscheinlichen Lovestory zwischen der übernatürlich begabten »Scarlet Witch« Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen) und dem mit zahlreichen Superfähigkeiten ausgestatteten Androiden »Vision« (Paul Bettany). Das Ehepaar ist in den klassisch-amerikanischen Suburb Westview gezogen und richtet sich im Eigenheim sowie mit der Nachbarschaft ein – ohne dass jemand etwas von den Kräften der beiden erfahren darf, versteht sich.

Aber Moment mal, mag der Marvel-Fan einwenden: Ist Vision nicht bereits im vorletzten »Avengers«-Film gestorben!? So ist es. Und damit ist man schon mittendrin im fundamentalen Mysterium dieser sehr ungewöhnlichen Mini-Serie, die zunächst in schönster Puschenkino-Anmutung beginnt: als Sitcom im Stil von Sechzigerjahre-Klassikern wie »The Dick Van Dyke Show« oder »Bewitched« (deutsch: »Verliebt in eine Hexe«), komplett mit Szenenapplaus, im 4:3-Format und in Schwarzweiß. Der Soundtrack der knapp halbstündigen Episoden ist angemessen cheesy, zu den größten Hits gehörte damals das enervierende »Yakety Yak« der Coasters, das »Vision«, der Roboter, in einer Szene der ersten Folge gleich mal zum Besten geben muss. Es ist schlimm.

Das Spielerische steht den Superhelden gut

Aber es ist auch toll. Denn das Spielerische steht den sonst auf Pathos und Action gedrillten Superhelden gut. Zudem gibt es Olsen und Bettany, zwischen denen sich im Verlauf ihrer Avengers-Einsätze seit »Age of Ultron« (2015) offensichtlich viel professionelle Dynamik und Vertrautheit entwickelt hat, viel Gelegenheit, ihr komödiantisches Talent gemeinsam auszuspielen. Natürlich räumt die »Hexe« Wanda ihr Geschirr nicht mit der Hand ein, sondern lässt es durch die Luft in die Vitrine sausen, manchmal auch an den Kopf ihres nach Hause kommenden Gatten: »Ah, meine Ehefrau und ihre fliegenden Untertassen!«, ruft er, und sie: »Ah, mein Ehemann und sein unzerstörbarer Kopf!«. Wenn die beiden sich ein Küsschen geben, seufzt das Studiopublikum »Awwww!«. Allerliebst.

Aber spätestens als Wanda im Garten einen – bunten – Spielzeughelikopter findet, auf dem ein Symbol zu sehen ist, das Marvel-Comicfans vertraut sein dürfte, und ein Radio plötzlich verzerrte Nachrichten ausstößt ("Wanda, kannst du mich hören?"), ist klar, dass die giggelige Vorort-Idylle ihre Tücken hat.

Warum können sich die frisch Verliebten nicht daran erinnern, warum der 23. August im Wandkalender mit einem Herz versehen ist? Wie kann es sein, dass bei der Cocktail-Sause einer lokalen Society-Lady in einer rein weißen Sixties-Mittelstandsgemeinde auch ganz selbstverständlich die schwarze Geraldine (Teyonah Parris) sitzt, die Wanda anvertraut, sie wisse auch nicht so recht, was sie dort zu suchen habe?

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Und was hat es zu bedeuten, dass bereits die dritte Episode mit zeitgemäßen Farben und Frisuren in den Siebzigerjahren spielt, obwohl anscheinend nur wenige Tage vergangen sind?

Mehr und mehr etabliert sich in der vordergründig harmlosen Situationskomik ein beunruhigendes Horrorambiente, das den Schluss nahelegt, dass die beiden Superhelden selbst in einer Art Lockdown gefangen sein könnten. »Vision, passiert das hier alles wirklich?«, fragt Wanda ihren mechanischen Mann einmal irritiert. Tja, wer weiß? Mit alternativen Realitäten hatte Marvels »Scarlet Witch« in ihrer weitverzweigten Comic-Historie immer mal wieder zu tun, teils mit katastrophalen Folgen.

Man selbst will sich zwischen Isolationsgefühl, Impfchaos und Impeachment ja auch ständig kneifen, um zu prüfen, ob das alles wirklich wahr sein kann. Daher ist »WandaVision«, diese ungewohnte, sehr schräge Mischung aus Screwball-Comedy, Mystery-Grusel und Verschwörungsthriller, vielleicht die Serie, die in diese seltsame Zeit genau richtig passt. Und für Marvel ein unverhofft glücklicher Zufall.

»WandaVision«, bei Disney+

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