Christian Buß

ARD-Eklat wegen Sendeplatz Warum der »Weltspiegel« am frühen Sonntagabend laufen muss

Christian Buß
Eine Analyse von Christian Buß
Strukturreform oder Selbstzerfleischung? Die ARD baut ihr Programmschema um – und droht dabei auch wichtige journalistische Magazine zu verschieben. Für den »Weltspiegel« könnte das fatale Folgen haben.
Moderator Andreas Cichowicz im »Weltspiegel«-Studio: Fünf- bis sechsmal unmittelbare Gegenwart aus allen Ecken der Welt

Moderator Andreas Cichowicz im »Weltspiegel«-Studio: Fünf- bis sechsmal unmittelbare Gegenwart aus allen Ecken der Welt

Foto: Hendrik Lüders / NDR

Gäbe es die Sendung nicht, man müsste sie erfinden. Einmal die Woche gelingt es den Verantwortlichen des »Weltspiegel«, das Publikum in knapp 40 Minuten in fünf, sechs unterschiedliche Länder mitzunehmen. Allein das Programm vom letzten Sonntag, wie es die Redaktion selbst auf ihrer Seite zusammenfasst: »Afghanistan: Angst vor den Taliban | Griechenland: Aus Moria in die Welt der Mode | China: 100 Jahre KP – ein Land putzt sich raus | USA: Bitcoin-Boom und Klimafresser | Türkei: Angeln zum Überleben | Australien: Neustart im Olivenhain«.

Die Inhaltsangabe klingt trockener, als die auf durchweg hohem Reportageniveau erzählten Beiträge in Wirklichkeit sind: Es geht um entfesselte Gewalt und grausamen Überlebenskampf, es geht um alltägliches Glück und unverhoffte Chancen.

Wie geht es dem Rest der Welt?

Fünf- bis sechsmal unmittelbare Gegenwart aus allen Ecken der Welt liefert der »Weltspiegel« Woche für Woche. Das Publikum hat sich vom Arbeitsalltag erholt und ist idealerweise ganz bei sich – da öffnet sich am Sonntagabend um 19.20 Uhr das Tor zur Welt. Der Selbstversicherung des Wochenendes folgt die Erfahrung, Teil eines globalen Zusammenhangs zu sein.

Viele Jahrzehnte funktioniert das jetzt schon bestens. In vielen Familien ist der »Weltspiegel« ein Sonntagsritual: Uns geht es gut – wie geht es dem Rest der Welt? Danach vielleicht noch gemeinsam »Tatort« gucken. Gäbe es den »Weltspiegel«-Sendeplatz nicht schon, man müsste ihn erfinden.

Die ARD selbst sieht das anders. Als Teil eines größeren strategischen Programmumbaus plant das ARD-Management offenbar, den »Weltspiegel« in die Montagnacht zu schieben. Innerhalb des Senderverbunds regt sich lautstarker Widerspruch. In einem Brief beziehen 45 Journalistinnen und Journalisten aus dem Umfeld der Sendung Stellung gegen die Verlegung. Es wird argumentiert, die Sendung werde in die »Todeszone« des ARD-Programms verschoben. Die »Weltspiegel«-Moderatorin Natalie Amiri schreibt auf Twitter  gar: »Manchmal könnte ich heulen vor Wut.« Nicht ganz zu Unrecht fragt sie: »Was ist mit dem Bildungsauftrag? Sollen junge Menschen um 22.45 Uhr fernsehen?«

Der Aufstand mag auch deshalb so heftig ausfallen, weil schon 2019 ähnliche Pläne des damaligen ARD-Programmdirektors Volker Herres, den Sendeablauf des Sonntags umzubauen und den »Weltspiegel« zu verschieben, nach schwierigen öffentlichen Diskussionen zurückgenommen wurden.

Die Jüngeren im Visier

Was also steckt hinter den neuerlichen Manövern? Die neue Programmdirektorin Christine Strobl will in Teilen die Programmstruktur der ARD umstellen und die Mediatheken stärken. Das Haus soll digitaler werden und jüngere Zielgruppen, die ans Streamen gewöhnt sind, ansprechen. Deshalb denkt man in der Programmdirektion in München auch darüber nach, Politmagazine wie »Panorama« oder »Monitor« an ihren angestammten Sendeplätzen zu beschneiden und einzelne Dokumentationen und Reportagen aus den jeweiligen Redaktionen in längeren Versionen prominenter im Netz zu platzieren. Auch dagegen richtete sich heftiger Widerstand.

Notwendige Strukturreform oder sinnlose Selbstzerfleischung? Wer momentan der ARD bei der Beschäftigung mit sich selbst zuschaut, kann beides erkennen. Der Senderverbund muss sich ändern, um auch in Zukunft relevant zu sein, so viel steht fest. US-Streamingdienste wie Netflix haben die Sehgewohnheiten des jungen Publikums verändert, Privatsender wie RTL und ProSieben setzen auf einmal verstärkt auf politische Inhalte.

Es mag deshalb nicht verkehrt sein, dass man in der ARD darüber diskutiert, wie man Inhalte von Qualitätsgaranten wie »Panorama« oder »Monitor« attraktiver in der Mediathek ausstellt. Und es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie man diese gefeierten Formate als starke Marken insgesamt neu aufstellt. Möglicherweise könnten die journalistischen Recherchen noch heller strahlen, wenn sie nicht komprimiert auf den bisherigen 21.45-Uhr-Sendeplätzen laufen würden, sondern in längeren Einzelstücken. Gerne auch auf früheren Sendeplätzen.

Nicht funktionieren wird die Programmreform jedoch, wenn man einfach alle politischen und gesellschaftlichen Inhalte in die Nacht verbannt oder in den Mediatheken verklappt. Gerade an der Konkurrenz der Privatanbieter zeigt sich ja, dass brisante lineare Stoffe zur Primetime dazu taugen, sich als Sender ins Gespräch zu bringen und den gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen. Als Paradebeispiel dafür lässt sich das Special von Joko und Klaas für ProSieben anführen, in dem sieben Stunden lang unter dem Titel »Nicht selbstverständlich« auf den Notstand in der Pflege aufmerksam gemacht wurde. Das Fernsehen kann immer noch als Lagerfeuer funktionieren, bei dem alle zusammenkommen – selbst wenn es schwierige Themen aufgreift.

So gesehen kommt es dann doch einer Selbstzerfleischung gleich, wenn die ARD mit dem »Weltspiegel« ausgerechnet jene Sendung verschiebt, die bereits den perfekten Sendeplatz hatte. Wir und die Welt – diese rituell eingespielte Auseinandersetzung wird in der Montagnacht niemals so gut funktionieren wie am frühen Sonntagabend.

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