Warum Kevin McCallister der erste wahre Millennial war

Du denkst, es geht in "Kevin allein zu Haus" nur um einen Achtjährigen und zwei Einbrecher?

Dieser Beitrag wurde am 23.12.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Kevin – Allein zu Haus" war ein gigantischer, finanzieller Erfolg, der 1990 andere Neuerscheinungen wie "Pretty Woman", "Stirb Langsam 2" oder "Der mit dem Wolf tanzt" an den Kinokassen überholte (Box Office Mojo ). Fast 30 Jahre später ist er zur Weihnachtszeit jedes Jahr ein Quotengarant, der allein in Deutschland mehrere Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer vor die Bildschirme lockt.  

Wer "Kevin – Allein zu Haus" heute als Erwachsener noch einmal schaut, merkt: Kevin hatte eigentlich genau die gleichen Probleme, die heute jeder Millennial kennt.

Du denkst, dass es in dem Film um einen Achtjährigen geht, der sich gegen Einbrecher verteidigen muss? Fast. Eigentlich erzählt der Film die Geschichte des ersten wahren Millennials:  

Im Film geht es um ein Kind, das in eine sichere, ökonomische Situation hineingeboren wurde, sich aber früh ohne Hilfe seiner Boomer-Eltern selbst versorgen muss. Kevins Eltern sind reich. Wie sonst könnte Peter McCallister einen Urlaub für mehrere Personen auf einem anderen Kontinent bezahlen. Ganz abgesehen von dem absurd großen Haus, in dem die Familie wohnt. Immer wieder betont der Familienvater, dass er wie verrückt arbeite, um sich und Kevins Familie diesen Wohlstand zu ermöglichen. Problematisch wird es, als Eltern nicht mehr da sind. Ohne die Hilfe seiner Eltern ist er aufgeschmissen. Das Geld, das er zum Überleben braucht, "leiht" er sich aus dem Sparschwein seines großen Bruders. 

Es ist ein bisschen so, wie im ersten Semester: Anfangs gefällt ihm seine Freiheit richtig gut. Die Eltern sind weg, er freut sich und macht das, worauf er Lust hat. Erst im Laufe des Films fängt er an, sich einsam zu fühlen und seine Familie zu vermissen. Die Leere in seinem Leben? Füllt er mit Fernsehen. Aber: Irgendwie kommt er zurecht. 

Doch dann kommen ihm alte, weiße Männer in die Quere.

Beim Kampf gegen sie fährt er alle Geschütze auf, die Junge den Alten voraushaben: Ein quasi angeborenes Verständnis für Videorekorder, kreative Bastelkünste und selbstsicheres Auftreten bei vollkommener Ahnungslosigkeit. Woher er das alles weiß? Sehr wahrscheinlich aus dem Fernsehen. 

Doch trotz seines Erfindungsreichtums schafft er es alleine nicht, gegen die übermächtigen Männer zu gewinnen.

Kevin McCallister: der erste wahre Millennial. 

Zum Glück liefert der Film aber nicht nur überraschend genaue Voraussagen über die Probleme, die moderne Millennials überstehen müssen, sondern liefert die Lösungsansätze gleich mit. 

1 Fake it till you make it

Kevins erstes Problem: Er ist Kind in einer Welt, die für "Erwachsene" gemacht ist und nach anderen Regeln spielt. Obwohl er keine Ahnung hat, wie man einkauft oder Wäsche wäscht, lässt er sich diese Ahnungslosigkeit nicht anmerken.

  • Beim Wocheneinkauf belügt er die neugierige Verkäuferin und sagt, seine Mutter warte draußen. 
  • Mit einer Party aus Pappaufstellern schafft er es vorerst, die Gangster von einem Einbruch abzuhalten.
  • Den Pizza-Lieferanten und die Einbrecher täuscht er mit der Aufnahme eines alten Gangster-Films

Kevin geht es aber nicht darum, die Lügen für immer aufrecht zu erhalten. Sondern darum, es gerade so lange zu überstehen, bis sich eine wirkliche Lösung von alleine auftut. Der Pizza-Lieferant wird das Grundstück nie wieder ohne Polizeischutz betreten, die Verkäuferin im Supermarkt würde irgendwann misstrauisch werden. Eine Prokrastinations-Strategie, die den meisten Millennials von der Abschlussarbeit bis zur Start-up-Gründung bestens bekannt ist.

2 Vitamin B

Kevins zweites Problem: Machtlosigkeit. Er ist zwar viel schlauer und kreativer als die Männer, die ihn bedrohen. Trotzdem schafft er es am Ende nicht, sie allein zu besiegen. Sie sind einfach stärker als er. Erschwerend hinzu kommt, dass das System ihm mehr Hürde als Hilfe ist. Würde er als kleiner Junge die Polizei um Hilfe bitten, müsste er befürchten, selbst in Gewahrsam genommen zu werden – und sein Haus wäre ungeschützt.

Seine Lösung: Was Kevin wirklich vor den beiden Einbrechern rettet, sind andere Qualitäten, allen voran sein naives Herz. Obwohl er sich erst vor dem alten Nachbarn fürchtet, freundet er sich später mit ihm an – und im richtigen Moment kommt er ihm zur Hilfe.

Eine gute Metapher, da die meisten Millennials so machtlos sind, dass sie kaum etwas erreichen können, wenn ihnen nicht durch Glück oder gute Verbindungen manchmal etwas Hilfe angeboten wird: weder den Praktikumsplatz noch die Zwei-Zimmer-Altbauwohnung bekommt man, bloß, weil man der oder die beste ist. Sondern, weil man die richtigen Leute kennt.

3 Familie kann nichts ersetzen

Kevins drittes Problem: Einsamkeit. Denn so toll Freiheit, endloses Streamen alter Filme und ein regelloses Leben voller Käsemakkaroni auch sind – manchmal möchte man von guten Freunden (oder seiner Mutter) in den Arm genommen werden.

Seine Lösung: Niemals die Hoffnung verlieren, sich im richtigen Moment entschuldigen und es wertschätzen, wenn man Menschen in seinem Leben hat, die sich um einen sorgen. Spoiler: Das hilft im wahren Leben aber nicht immer.

Wenn wir “Kevin allein zu Haus” also jedes Jahr wieder gucken, hat das möglicherweise nicht nur damit zu tun, dass wir uns gerne an unsere Kindheit zurückerinnern. Vielleicht sehen wir auch einfach ein kleines bisschen von uns selbst in Kevin.