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"Watchmen"-Serie: Rorschach-Test für die Realität

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Serien-Sensation "Watchmen" Der Held, ein Charakterschwein

Wenn sich das Gute mit Gewalt durchsetzen muss, ist es dann noch gut? Die TV-Serie "Watchmen" spiegelt den Verunsicherungszustand unserer Gegenwart.

"Wer ich bin? Wenn ich die Antwort darauf wüsste, würde ich nicht diese verfickte Maske tragen!". So entnervt herrscht ein maskierter Rächer den Besitzer eines Gemischtwarenladens an, dessen Geschäft er gerade vor einem Überfall bewahrt hat, indem er ein Blutbad unter den Ganoven angerichtet hat. Bibbernd fragt ihn der Mann an der Kasse, wer denn sein Retter sei. Tja, gute Frage.

Die kleine, am Rande eingestreute Szene mitsamt ihrem ratlosen Protagonisten spielt für die größeren Handlungsbögen der neuen HBO-Serie "Watchmen" keine Rolle, aber vieles, was den Kern dieser vielschichtig angelegten Erzählung berührt, wird im neuen Projekt des "Lost"- und "Leftovers"-Schöpfers Damon Lindelof nur beiläufig verhandelt. Allein Detailreichtum und Dichte der fiktionalen Welt, die der TV-Autor und Showrunner mit seiner federführenden Regisseurin Nicole Kassell entwirft, sind umwerfend.

Dass "Watchmen" noch dazu auf einer bahnbrechenden Comicvorlage aus den Achtzigerjahren beruht, ist dabei fast schon Bonus: Für Kenner der Vorlage von Autor Alan Moore und Zeichner Dave Gibbons, die 2009 schon einmal fürs Kino verfilmt wurde, gibt es allein in den ersten Episoden reichlich Insider-Verweise, aber Lindelofs "Watchmen"-Adaption ist alles andere als Fan-Service. Man muss die Vorlage nicht kennen, um sich von der Serie fesseln zu lassen.

Der Comicvorlage treuer als es scheint

Die Emanzipation von Plot und Personal des Comics geht so weit, dass "Watchmen" zwar von US-Kritikern hochgelobt, von Fans aber eher missmutig kritisiert wird: "This isn't Watchmen, it's Wokemen, sorry, Wokepersons", schrieb ein erboster Kommentator ins Forum der Kino-Website "Imdb", genervt vom linksliberalen, böse Zungen würden sagen: politisch korrekten Duktus der Pilot-Episode.

Dabei ist nichts falscher als das. Die Heftreihe "Watchmen" war 1986 auch deswegen eine Sensation, weil sie dem Mythos des aufrechten Superhelden einige unbequeme Fragen stellte: Was, wenn die vermeintlich Guten in Wahrheit Charakterschweine sind wie der rechtsextreme Vergewaltiger "Comedian" oder der mental instabile, zur Selbstjustiz neigende Detektiv "Rorschach"? Wie kontrollieren Staat und Gesellschaft ein allmächtiges Überwesen wie "Dr. Manhattan", das sich menschlichen Belangen längst entfremdet hat? Im gleichen Jahr veröffentlichte Frank Miller seine Graphic Novel "The Dark Knight Returns" und zeigte Batman als depressiven Borderliner. Danach war die bis dato übersichtliche Gut-gegen-Böse-Welt der Superhelden-Comics für immer aus den Fugen.

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"Watchmen"-Serie: Rorschach-Test für die Realität

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So gesehen bleiben die neuen "Watchmen" ihrer Vorlage ausgesprochen treu. Denn auch die Serie, die in einer Zeit startet, in der Comic-Superhelden in Kino und TV allgegenwärtig und erfolgreich sind, bringt scheinbare Gewissheiten gewaltig ins Wanken. In der Parallelrealität der Handlung ist Robert Redford seit gut 30 Jahren Präsident der USA und hat Gesetze erlassen, die Afroamerikaner für ihre jahrhundertelang erduldete Versklavung und Diskriminierung entschädigen sollen: Schwarze müssen keine Steuern zahlen.

Ständig regnet es Baby-Kalmare

Durch dieses "black privilege" fühlen sich die Weißen unterdrückt und fürchten um ihre kulturelle Existenz. Die Radikaleren sind in der "Seventh Kavalry" organisiert, einem Update des Ku-Klux-Klans. Was Fans der Original-"Watchmen" besonders erbost: Die weißen Suprematisten tragen als Erkennungszeichen nicht mehr Kutten und spitze Kapuzen, sondern die Therapiefleckenmaske des Comic-Helden Rorschach. Aber sind sie wirklich die Bösen?

Die Kapuze trägt indes eine der Hauptfiguren der Serie, die schwarze Ex-Polizistin Angela Abar alias "Sister Night", übrigens wohl die erste afroamerikanische Superheldin mit einer so prominenten Rolle. Sie kleidet sich wie eine Mischung aus Ninja-Kämpferin und Nonne und hilft der Polizei in Tulsa, Oklahoma beim Kampf gegen die weißen Terroristen. Damit die Beamten vor Übergriffen auf ihr Privatleben geschützt sind, dürfen sie ihre Gesichter im Dienst per Gesetz mit Masken verhüllen - so wie eigentlich nur Verbrecher oder Vigilanten.

Einerseits ist ausgerechnet hier, im Hinterwäldler-Heartland der USA, die Utopie einer linksliberal gestalteten Gesellschaft in Erfüllung gegangen, andererseits läuft im Fernsehen eine populäre TV-Show namens "American Hero Story", der Triggerwarnungen vor Gewalt, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Misogynie vorangestellt sind. Offenbar spielen die Comic-Charaktere aus dem Original darin die Hauptrolle. Helden? Horror! Und außerdem regnet es ständig Baby-Kalmare vom Himmel. Irgendwas ist also faul, nicht nur wegen des fischigen Verwesungsgeruchs.

Überhaupt ist die Zukunftsversion der "Watchmen"-Serie alles andere als heilversprechend. Viele Vorzeichen der Realität haben sich lediglich verdreht: Der weiße Hillbilly mit der Salat-Ladung im Pick-up-Truck hat Angst vor racial profiling, wenn er vom schwarzen Streifenpolizisten wegen Terrorismusverdachts kontrolliert wird. Allerdings, so will es die bösartige Ironie dieser Serie, zieht der Beamte letztlich den Kürzeren, weil er seine wegen der verschärften Waffengesetze gesicherte Pistole nicht rechtzeitig von der Zentrale freigeschaltet bekommt.

Militant moralisierende Feindbilder

Ohnehin muss der Staat zur Durchsetzung der schönen neuen Ordnung extreme Gewalt und Foltermethoden legitimieren, die jedes friedliebend-humanistische Prinzip konterkarieren. Praktiziert werden sie von kostümierten und bewaffneten Anwälten für das Gute und Richtige wie Angela (Regina King) oder ihrem psychotischen Verhörspezialisten Wade alias "Looking Glass" (Tim Blake Nelson). Er trägt eine verspiegelte Ganzkopfmaske und entlarvt Rassisten mit einer multimedialen Waterboarding-Technik, die an "Clockwork Orange" ebenso gemahnt wie an den "Voigt-Kampff-Test" aus "Blade Runner". Diese "Helden" sind absurd überzeichnete Avatare jener "Social Justice Warriors", die Gegner von Aufklärung und "Woke"-Kultur in Internetforen gerne zu militant moralisierenden Feindbildern stilisieren.

Denn als phantasievolle Visualisierung des verbalen Stellungskriegs um Gesellschaftsnormen und -Formen, der heute vorrangig auf Social-Media-Kanälen ausgetragen wird, lässt sich "Watchmen" auch betrachten: Ob rechts oder links, konservativ oder progressiv - die Debatten dort werden härter und unerbittlicher, der Tonfall ist unversöhnlich, jeder Tweet muss ein Treffer in die Magengrube sein, jedes Posting ein vernichtender Schlag. "Watchmen" illustriert diese allgemeine Entnervtheit klug und mit den deftigen Mitteln der Sci-Fi-, Action- und Mystery-Genres, nimmt aber nicht Partei - zumindest nicht in den Episoden, die der Presse zur Verfügung standen.

Begriffe wie "gut" und "richtig" lösen sich in diesem Spiegelgefecht mit politisch codierten Masken und Identitäten allmählich auf: Wenn sich das Gute nur mit Gewalt und illiberalen Methoden durchsetzen lässt, ist es dann noch gut? Nur eines ist sicher: Staunenswerter und eleganter als in "Watchmen" wird der Verunsicherungszustand unserer Gegenwart im Fernsehen gerade nicht gezeigt.