WDR-Themenabend zu Rassismus Die bessere Instanz?

Mit der Sendung »Die letzte Instanz« hatte sich der WDR massiv geschadet. Daher nun das schwerste Geschütz: Themenabend Rassismus! Doch der Sender verpatzte es beinahe schon im Vorfeld.
Jörg Schönenborn (WDR-Programmdirektor), Charles (Aktivist und Student aus Wiesbaden), Sheila Mysorekar (Journalistin und Vorsitzende des Vereins Neue deutsche Medienmacher), Moderator Till Nassif, Roxanna Witt (Wissenschaftlerin und Sinteza-Aktivistin), Svenja Flaßpöhler (Philosophin), Aladin El-Mafaalani (Soziologe)

Jörg Schönenborn (WDR-Programmdirektor), Charles (Aktivist und Student aus Wiesbaden), Sheila Mysorekar (Journalistin und Vorsitzende des Vereins Neue deutsche Medienmacher), Moderator Till Nassif, Roxanna Witt (Wissenschaftlerin und Sinteza-Aktivistin), Svenja Flaßpöhler (Philosophin), Aladin El-Mafaalani (Soziologe)

Foto: Claus Langer / WDR

Nachdem die Talkrunde »Die letzte Instanz« mit Steffen Hallaschka im Februar zu Recht unter schweren Beschuss geraten war, antwortet der WDR nun mit denkbar schwerstem Geschütz. Themenabend! Knapp drei Stunden der Diskussion zum Thema, ergänzt um wissenschaftliche Dokumentationen zu und Reportagen über: alltäglichen Rassismus.

Für dieses defensive Manöver der Demut brauchte das öffentlich-rechtliche Dickschiff volle zwei Monate. Dennoch, und das ist Teil sowohl des Problems als auch des Redens darüber, sind in letzter Minute noch drei Gäste über Bord gegangen.

Unter anderem hatten sich die Absagen von Tayo Awosusi-Onutor, Perla Londole und Hadija Haruna-Oelker  an offenbar schlecht kommunizierten Änderungen im Ablauf entzündet – und am ursprünglichen, bestenfalls ungelenken Titel: »Freiheit, Gleichheit, Hautfarbe – Warum Rassismus mit uns allen zu tun hat«. Freiheit. Gleichheit. Hautfarbe, ernsthaft?

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Schon vor dem Themenabend ist es dem WDR nicht gelungen, Misstrauen an seinem Manöver zu zerstreuen und mit der Ernsthaftigkeit seines Anliegens durchzudringen. Nicht einmal bei ursprünglich geladenen Gästen. Und die Diskussion selbst?

»Wir wollen«, sagt eingangs der Moderator Till Nassif, »nicht den WDR reinwaschen, sondern dazulernen«. Deshalb lautet der Titel der Sendung nun: »Warum hat Rassismus mit uns allen zu tun«, und zwar »auch mit dem WDR?«.

»Weil wir von uns beim WDR ein völlig anderes Bild haben«

»Die letzte Instanz«, ohne die es diesen Themenabend wohl nicht gegeben hätte, wird wie toxisches Material behandelt: »Normalerweise würden wir ihnen jetzt die schlimmsten Ausschnitte aus dieser Sendung zeigen«, erklärt Nassif: »Aber wir haben uns dagegen entschieden«. Sie wollen wirklich alles, alles richtig machen.

Das will auch Jörg Schönenborn, WDR-Programmdirektor. Ihn habe die fragwürdige Sendung »tief beschämt«, unter anderem, »weil wir von uns beim WDR ein völlig anderes Bild haben«. Es könne, dürfe aber nicht passieren, dass »ein Team sämtliche rote Ampeln überfährt«. Nassif hakt nach, ob es denn »überhaupt rote Ampeln« gebe?

Schönenborn verweist auf das in politischen Reportagen übliche »Vieraugenprinzip« externer Qualitätskontrolle, das nun auch »in der Unterhaltung« zur Geltung komme. Und gern erwähnt er die Bemühungen des WDR, mehr Menschen mit Migrationshintergrund zu einer Karriere im Sender zu ermutigen. Es könne künftig »keine nicht-diversen Teams mehr geben«.

Sheila Mysorekar vom Verein Neue deutsche Medienmacher (NdM) wiederholt diesen Satz vor Freude gleich dreimal. »Warum? Weil Deutschland auch divers ist!«. Schönenborn stimmt zu und argumentiert strategisch, nicht moralisch: »Wenn wir als WDR uns nicht ändern, verlieren wir als WDR ja unsere Macht der Wirkung«. Es sei viel Vertrauen in den WDR »kaputtgegangen«.

Vor allem aber hört Schönenborn zu. Roxanna-Lorraine Witt, Sintezza, schildert recht eindrucksvoll, wie ihre Herkunft sich von der anderer Deutschen unterscheidet. Es sei eben prägend, wenn die eigene Großmutter, dem Holocaust entkommen, nachts im Schlaf weint. Eine erste Dokumentation schildert die Erlebnisse einer Soldatin, die mit dem Koran in den Einsatz fährt (»Sie dient diesem Land«), einer schwarzen Pflegerin, Mobbing auch im Düsseldorfer Schauspielhaus, Polizeigewalt, Hanau.

Klaustrophobisches Lebensgefühl ganzer Bevölkerungsgruppen

Die »vulnerabelsten Mitmenschen«, sagt Witt, fühlten sich in diesem Land nicht sicher. Noch nie und immer noch nicht. Viele wanderten aus. Aber als Deutsche, die sie sind, gebe es anderswo »nirgends Asyl«. Das klaustrophobische Lebensgefühl ganzer Bevölkerungsgruppen, einer feindlichen Umgebung ausgeliefert zu sein, vermittelt sich deutlich.

Von Svenja Flaßpöhler beugt sich Witt so weit weg, wie es anatomisch nur möglich ist. Die Philosophin vermisst denn auch »eine richtig ernsthafte Diskussion« um »strittigere Themen«, etwa das Schlamassel um die korrekte Übersetzerin des Gedichts von Amanda Gorman. Sie sieht bei linken Identitätspolitiken »eine Logik am Werk, die ich nicht mehr nachvollziehen kann«. Das mag strittig sein, ist aber für diesen Abend einstweilen zu feuilletonistisch.

Das zeigt sich auch bei ihrer im Prinzip korrekten Beobachtung, »Die letzte Instanz« sei »eine Resonanzblase« geblieben. Die daraus folgende Forderung nach mehr Diversität höre sich zwar gut an. Aber »kriegt man es wirklich irgendwann hin, eine Diversität zu schaffen, bei der sich nicht doch wieder jemand diskriminiert fühlt?«

Erstens, so wird ihr erklärt, fühlten sich viele Menschen nicht diskriminiert. Sie seien es. Zweitens, erläutert Mysorekar, gehe es zunächst nicht um eine Umverteilung von Posten nach Proporz. Sondern »um eine Veränderung im Denken«. Es gebe »eine kritische Masse, ab wann solche Diskussionen überhaupt geführt werden«, und die liege »etwa bei 30 Prozent«. Dann erst ändere sich die Kultur eines Unternehmens, so auch beim WDR: »Wenn alle Teile der Gesellschaft besser abgebildet werden, haben wir alle mehr davon«.

Noch »vor zehn Jahren« eine »ganz normale Sendung«

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani prognostiziert, dass demnächst »die weißen Männer« ernsthaft Opfer der anstehenden Umverteilungskämpfe werden und »Widerstand leisten« würden. Wem es mit Diversität ernst sei, der müsse sich auch um diese Gruppe kümmern.

El-Mafaalani führt aus, dass »Die letzte Instanz« noch »vor zehn Jahren« eine »ganz normale Sendung gewesen« wäre. Heute müsse man sich für Fehltritte entschuldigen, ob aufrichtig oder nicht, andernfalls »wäre es karriereschädlich«. Unser großes Problem sei, »dass wir uns nicht mal schnell neue Menschen backen können«. Über Jahrtausende gewachsene Herrschaftsverhältnisse bekäme man nicht »in fünf Jahren weg«.

Witt sagt den schönen Satz: »Im kapitalistischen System rechtfertigt Rassismus Ausbeutungsverhältnisse«, und will von Schönenborn wissen: »Sind Sie bereit, Minderheiten in Führungsplätze zu katapultieren?« Schönenborn: »Ja«, der Prozess des Katapultierens sei sozusagen schon seit den Neunzigerjahren im vollen Gange.

Eher heiter und konstruktiv, aber beharrlich in ihren Positionen bleiben Mysorekar und El-Mafaalani – der auch eine gewisse Gereiztheit als Teil der Debatte für naturgegeben hält. Sie wird bisweilen spürbar bei Witt, der es nicht schnell genug geht. Und bei Schönenborn, der sich bei allem Zuhören die Fortschritte seines Senders nicht zerreden lassen möchte.

Flaßpöhler wiederum dringt vielfach gar nicht erst durch, wenn sie etwa zur Debatte stellen will, ob eine Gesellschaft die Verletzlichkeiten von Einzelnen überhaupt zur »normativen Grundlage« ihres Handelns machen kann. Immerhin führt sie das Konzept des »hermeneutischen Wohlwollens« ins Feld, nach dem Debatte nur dort möglich ist, wo nicht jede Teilnehmerin von ihrem Gegenüber das Schlechteste erwartet.

Tatsächlich fehlte den Reden und Gegenreden an diesem Abend in wesentlichen Punkten der stets sprungbereite Empörungswillen, wie man ihn aus anderen Zusammenhängen fast schon gewohnt ist. Anders als Enissa Amanis »Die beste Instanz« war es auch kein Selbstgespräch betroffener Gruppen. Sondern seitens des WDR der aufklärerische Versuch, dazu beizutragen, ein gemeinsames Problem gemeinsam aus der Welt zu schaffen – und nebenbei die eigene Lernbereitschaft zu betonen.

Mit Reden allein wird sich dieses Problem nicht aus der Welt schaffen lassen. Wenn aber ein Schlachtschiff wie der WDR – und mit ihm ein Teil seines Publikums – glaubhaft den Kurs ändert, ist das ein erster Schritt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.