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"Tatort" mit Ulmen und Tschirner: "Nun mal nicht so halbschwanger"

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Weimar-"Tatort" mit Ulmen und Tschirner Leckomio!

Bratwurst, Goethe, Schiller: Obwohl die Handlung des Weimarer "Tatort" wirkt, als sei sie vom Tourismusverband erdacht, trumpfen Nora Tschirner und Christian Ulmen mit schön schnarrenden Dialogen auf. Es ist der erste erträgliche MDR-Krimi seit langer Zeit.

Das Beste ist das Vokabular. Flüche wie "Leckomio!" oder Komplimente vom Schlage "Mein lieber Kokoschinski!" hört man sonst ja leider nicht im deutschen Fernsehen. Auch nicht schlecht: Ziert sich einer der Polizisten in dem neuen "Tatort" aus Weimar, ein ungemütliches Experiment zu machen, wird er von der Kollegin mit dem kugelrunden Achtmonatebauch mit den Worten "Nun mal nicht so halbschwanger!" angeraunzt. Fröhlicher die Provinz nie frotzelte.

Finden Sie banal? Ist aber eine große Sache. Oder besser: Der neue "Tatort" aus Weimar mag für das deutsche Fernsehen insgesamt ein kleiner Schritt sein, für den verantwortlichen MDR ist er ein großer.

Denn was hatte der von Skandalen und Intrigen gebeutelte Sender in den letzten Jahren nicht alles versemmelt. Wieder und wieder versuchte man, den Fernsehkrimi zu erneuern - und lieferte doch nur eine Katastrophe nach der anderen. Schlimm die kopflose Action und zahnlose Rhetorik im Magdeburger Taffe-Tanten-"Polizeiruf". Noch schlimmer: Mit dem neuen Erfurter "Tatort" versuchte man sich unlängst an die junge Zielgruppe ranzuschmeißen - und ließ die durchweg bubihaften Ermittler im Energydrink-Rausch Achtziger-Jahre-Sprüche kloppen. Sie erinnern sich? "Alter Falter!"

Der Weimarer "Tatort" kommt dagegen nun entwaffnend provinziell dahergetuckert, hält innerhalb dieses leicht ranzigen Rahmens aber ein paar Bonmots parat. Wenn Christian Ulmen im Wohnmobil als neuer Ermittler Lessing in die Goethe-Schiller-Stadt reinrollt, hat das ungefähr das Tempo eines dieser Crime-&-Smile-Krimis, die das Erste bislang ohne nennenswerte Resonanz in seinem Vorabendprogramm abwirft. Auch die erste Begegnung mit seiner von Nora Tschirner stimmungsmäßig angenehm gedimmt gespielten hochschwangeren Kollegin Kira Dorn hält lediglich die in solchen Produktionen üblichen Neckereien parat.

Joko meets Johann Wolfgang

Und die Handlung erst: Als hätte der thüringische Tourismusverband beim Drehbuch mitgemischt. Es geht um kulinarische und kulturelle Highlights der Region, oder was man sich darunter so vorstellt, also um Bratwurst, Goethe, Schiller.

Die "fette Hoppe", die dem ersten Weimarer "Tatort" den Titel gibt, ist ein besonders knackiges Exemplar einer Thüringer. Die Chefin der dazugehörigen Fleischfabrik wurde offenbar entführt und ermordet. Auf der Jagd nach den Tätern und einer möglichen Leiche geht's dann durch die Deutsche-Klassik-Themenwelt.

Geleitet von junger Prominenz: Eine Touristenführerin auf High Heels wird von "Circus Halligalli"-Feuerteufel Palina Rojinski gespielt, die wie die beiden Hauptdarsteller Ulmen und Tschirner eine MTV-Vergangenheit hat. Man hat ein bisschen Angst, dass gleich noch Joko Winterscheidt als Wurstbrater aus der Kulisse springt. Da prallen offenbar zwei Kulturen aufeinander: hier die junge, abgebrühte Humorelite, dort der schale, abgehangene Provinzkosmos. Böse, wer von feindlicher Übernahme spräche.

Strahlende Dialoge, Sparflammeninszenierung

Das Drehbuch, auch dies in gewissem Sinne ein Clash, stammt von Andreas Pflüger, verantwortlich auch für einige zäh entschleunigte MDR-Krimis, und von Murmel Clausen, der für Bully Herbig und Anke Engelke gearbeitet hat. Regie führte mit Franziska Meletzky eine Krimi-Könnerin, die bereits formal gewagte und inhaltlich brisante "Tatorte" in Szene gesetzt hat, sich aber für den MDR keinerlei Mühe gegeben hat, visuelle Glanzlichter zu setzen. Tatsächlich wundert man sich, wohin der hohe Produktionsaufwand geflossen sein mag - schließlich hat bei diesem vermeintlichen Event-"Tatort", eher ungewöhnlich für die Reihe, die ARD-eigene Produktionsfirma Degeto Technik und Know-how zugeliefert. Das merkt man diesem Krimi auf inszenatorischer Sparflamme nicht an.

Dafür strahlen die Dialoge manchmal ganz unverhofft. Etwa wenn Ulmens Ermittler Lessing dem besorgten Sohn der entführten Fleischfabrikantin mit Kennermiene Hoffnung machen will.

Lessing: "Normalerweise steigt mit der Höhe des Lösegelds die Überlebenschance. Wie viel wurde denn gefordert?"
Sohn: "45.000 Euro."
Lessing stammelt: "Das ist für viele Leute viel Geld."

Es ist diese im klassischen Ulmen-Sound daherkommende, schnarrende Ironisierung klassischer Krimi-Dialoge, die den Reiz von "Fette Hoppe" ausmacht. Tschirner verfügt über eine ähnliche Technik, etwa wenn sie in "Tatorten" aus den neuen Bundesländern die obligatorische Ost-West-Problematik ad absurdum führt. Nachdem sich Ulmens Lessing an Palina Rojinskis männermordende Fremdenführerin herangemacht hat, warnt Tschirners Dorn den Kollegen.

Sie: "Passen Sie auf! Die hatte eine Sechs in Bio, und dann war der Lehrer verschwunden."
Er: "Der ist bestimmt in den Westen gegangen."
Sie: "Als die Mauer bereits sechs Jahre gefallen war? Für wie alt halten Sie mich?"

So wird dem neuen "Tatort" sämtliche im Genre angelegte Besinnungsfolkore und gesellschaftspolitische Verbissenheit ausgetrieben. Am Ende, da wollte der Tourismusverband dann wohl doch nicht Ruhe geben, müssen die Ermittler natürlich noch in ein Exemplar der "Fetten Hoppe" beißen. Schaut man in die verkniffenen Gesichter der Schauspieler, scheint sie nicht zu schmecken. Eine zweite Episode des Weimarer "Tatort" ist trotzdem in Auftrag gegeben.


"Tatort: Die fette Hoppe", Donnerstag, 20.15 Uhr, ARD

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