Missglückter Spionagekrimi Der Klassenfeind in meinem Bett

Ein Doppelleben für den realen Sozialismus: "Wendezeit" erzählt von einer Frau, die zugleich für CIA und DDR spioniert. Das haben wir in "Deutschland 83" oder "The Americans" leider schon besser gesehen.

Volker Roloff/ ARD

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Die eiserne Faust des Antifaschismus macht vor der eigenen Tochter nicht halt: In einer Rückblende sehen wir, wie die junge glühende Sozialistin vom eigenen Vater, einem Offizier der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), aus dem Nichts einen Schlag in die Magengrube bekommt. Ein Tipp für die anvisierte Geheimdienstkarriere: Niemals die Deckung aufgeben, Schatz!

Gespielt wird der Vater von André Hennicke, der am Sonntag im Stuttgart-"Tatort" als Teufelsanbeter mit höllisch loderndem Blick zu sehen war. Der Wahn ist Hennicke nun auch in "Wendezeit" ins Gesicht geschrieben. Und gerade in diesem fratzenhaft dargestellten Antifaschismus manifestiert sich das Hauptproblem dieses missglückten Spionagekrimis: Er heuchelt Psychologie und politische Komplexität, wo er eigentlich nur auf rustikale Mimik und rohe Gewalt setzt.

Durch den Schlag in die Magengrube Anfang der Siebzigerjahre ist auch dem schlichtesten unter den Zuschauern klar, weshalb die zweifache Mutter und Doppelagentin, die unter dem Namen Saskia Starke (Petra Schmidt-Schaller) knapp 20 Jahre später in Westberlin trotz aller Versuchungen durch den geliebten Klassenfeind zum Auslandsspionagedienst der DDR hält: Sie hat es in der Jugend so eingebläut bekommen.

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ARD-Film über HVA-Spionin: Obacht vor Männern im Trenchcoat!

Nun arbeitet sie unter der Identität einer westdeutschen Frau, die einst aus Idealismus in die DDR übergesiedelt ist, bei der CIA. Die falsche Saskia ist mit einem Jazz-liebenden und Whiskey-schlürfenden Amerikanistikprofessor (Harald Schrott) liiert, legt aber regelmäßig persönlich vor dem Wodka saufenden HVA-Chef Markus Wolf (Robert Hunger-Bühler) Bericht über den Klassenfeind in ihrem Bett ab.

Vergiss Gorbatschows Perestroika!

Als die DDR sich aufzulösen beginnt, droht das Arrangement aufzufliegen. Auch deshalb, weil in die CIA-Dienststelle in Westberlin ein neuer Chef aus dem Hauptquartier in Langley (Ulrich Thomsen mit Brillengläsern wie aus Lupenglas) eingeflogen wird, der schon einige Maulwürfe enttarnt hat und der mahnt: "Lassen wir uns nicht von der sogenannten Entspannungspolitik Gorbatschows blenden!"

Dass der kalte Ami-Krieger trotz massiven Lügendetektor-Einsatzes und der detailgenauen Beobachtung seiner Mitarbeiter durch seine Lupenbrille nicht das Spiel der falschen Saskia durchschaut, während deren Ehemann nur einmal den Heimatort der echten Saskia aufsuchen muss, um zu kapieren, dass seine Frau ihn, den Freund der freien Marktwirtschaft, mit dem realen Sozialismus betrügt, ist einer der vielen Plot-Patzer in "Wendezeit" (Buch: Silke Steiner). Plot-Patzer, die auch der Tatsache geschuldet sein mögen, dass die Geschichte zuerst als Miniserie im "Weißensee"- oder "Ku'damm"-Format angelegt worden war, dann aber auf zwei Stunden runtergebrochen werden musste.

Regie führte Sven Bohse, der mit den beiden "Ku'damm"-Staffeln gezeigt hatte, wie man in hohem Tempo Biografien entwickelt und funkeln lässt, während im Hintergrund die Zeitgeschichte in den schönsten und scheußlichsten Farben leuchtet. Bei "Wendezeit" aber funkelt weder die Biografie, noch leuchtet die Zeitgeschichte. Alle angerissenen Themen hat man woanders bereits prägnanter dargestellt gesehen: die irren, doppelbödigen Maskeraden des ideologischen Überwältigungstheaters zur Zeit des Kalten Krieges etwa bei "The Americans" oder "Deutschland 83".

Familie als ideologische Verfügungsmasse

Diese Komplexität ist in "Wendezeit" nur angetäuscht. Unter anderem werden auch die Rosenholz-Dateien thematisiert, jene umfassende Datensammlung, die 1989 von der CIA abgegriffen wurde und durch die DDR-Spitzel enttarnt werden konnten. Dazu gab es mal einen Berliner "Tatort" aus dem Jahr 2003, der das schwierige Thema der Dechiffrierung dieser Dateien aus der Gegenwart heraus mit einer Tiefenschärfe beleuchtete, die sich nun bei "Wendezeit" nicht einstellen will.

Doch nicht nur die Nebenstränge bleiben zum Teil diffus, sondern auch der theatralische Kern der Geschichte, das Doppelleben der Heldin mit dem darin verankerten Widerspruch aus politisch motivierten Beziehungen und autonom fliegenden Gefühlen. Das fällt umso mehr auf, wenn man ihn mit dem fantastischen deutschen Oscar-Kandidaten "Zwei Leben" über eine Ostagentin in Norwegen vergleicht, in dem aufwühlend genau gezeigt wurde, wie autoritäre Systeme Familie als Verfügungsmasse zu instrumentalisieren verstehen.

In "Wendezeit" gibt es nur eine Szene, die das auf den Punkt bringt: Als Saskia ihr erstes Kind bekommt, wird sie über Umwege zu ihrem Förderer und väterlichen Freund Markus Wolf gebracht. Auf einer Feier hebt der Spionagemann das Baby wie ein liebender Opa in die Sonne, obwohl es doch vor allem Pfand im Deal mit der Agentin ist. Ein Bild, dass die Verstrickungen von Familie und Ideologie sehr viel grausamer einfängt als alle Schläge in die Magengrube.


"Wendezeit", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD. Um 22.45 Uhr läuft ein "Maischberger"-Talk zum Thema

insgesamt 3 Beiträge
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noregrets 02.10.2019
1. Laaannngweilig
Ich war fast in Versuchung mir diesen Film anzusehen, obwohl mich die ewige Vergangenheitsbewältigung DDR eigentlich nicht sonderlich interessiert, war eben ein kurzer Fehler nach dem Weltkrieg. Nach dieser Rezension werde ich das nicht tun, Danke.
uvogel 03.10.2019
2. Ganz anders als der Rezensent
habe ich gestern einen sehr spannenden und gut gemachten Film gesehen. Die Hauptdarstellerin, deren Doppelleben mit dem Ende der DDR aufzufliegen droht, bringt den innernen Konfikt und den psychischen Druck hinter der heilen Fassade ihres Familienlebens ausgesprochen gut rüber. Ihre prekäre Lage spiegelt sich in eingängigen Bildern, etwa, als sich der Konfettiregen bei der Sportveranstaltung ihres Sohnes in fliegende Stasi-Akten verwandelt, die im Treppenhaus in der Normannenstraße zu Boden segeln. Sicher, manche Szene in den Milieus der geteilten Stadt bedient die Sehnsucht nach wohliger Nostalgie, doch auf eine unaufdringliche und unterhaltsame Weise. Auch die DDR kommt nicht gut dabei weg, und am Ende gibt's auch noch ein Happy End. Das zu kritisieren ist eine Frage des Maßstabs. Im Vergleich dazu, was man in diesem Genre sonst im ÖR geboten bekommt, ist der Film aber ein Highlight und eine klare Empfehlung.
oliver.reintjes 03.10.2019
3. Ich habe mir den Film angesehen
Und bin zwie gespalten. Einerseits war es spannend, insoweit dass ich diese Doppelagentin gehasst habe und ich es ihr gewünscht habe, dass sie auffliegt. Ich habe darauf gewartet. Ist aber nicht passiert. Dafür müssten zwei Agenten sterben, nur damit ihre Identität nicht auffliegt. Andererseits weiß ich nicht, ob sie tatsächlich ideologisch gewandelt ist. Sie täuscht vor, ein normales Familienleben führen zu wollen. Als Ehemann hätte ich ihr kein Wort geglaubt. Sie ist eine eiskalte Mörderin. Und will ein normales Leben führen. Wie dämlich müsste man als Ehemann sein, mit ihr überhaupt noch ein gemeinsames Leben zu führen. Mich hätte es gefreut, wenn ihr Doppelspiel für sie schwerwiegende Konsequenzen gehabt hätten. Verfluchte Stasi. Stasi Agenten können nicht geläutert werden. Das sollte man sich merken. Insoweit entspricht der Film nicht der Realität.
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