Netflix-Backshow Zucker und Blutknödel

Das Konzept der Netflix-Show "Wer kann, der kann" ist schlicht genug und leicht überzuckert: Mäßig begabte Hobbybäcker versuchen sich an Konditorenkunst. Spaß hat hier nur eine spitze Zielgruppe.
Moderatorin Kirsch in der Backshow "Wer kann, der kann"

Moderatorin Kirsch in der Backshow "Wer kann, der kann"

Foto: Remy Grandroques

Die Liebesbiografie von Boris-Ex Lily Becker nacherzählen, aber als Torte - das klingt ungefähr so dadamäßig ambitioniert, wie die Geschichte der "Fridays-for-Future"-Bewegung in einer Rhönrad-Choreografie darzustellen.

Die hinreichend bizarre Aufgabenstellung aus der Premierenfolge von "Wer kann, der kann" verspricht also erst einmal durchaus gute Unterhaltung. Leider versinkt die Formatidee - drei mäßig begabte Hobbybäcker versuchen sich an der Reproduktion höchst ambitionierter Konditorenkunst - sehr schnell in zu viel Zuckerguss.

"Wer kann, der kann" ist das erste Format im Bereich "Unscripted Entertainment", das Netflix Deutschland selbst produzieren lässt, und eine Adaption der US-Katastrophenbackshow "Nailed it!", die bereits auf dem Streamingportal zu sehen ist. Vorerst gibt es sechs Folgen von jeweils 35 Minuten. Die Titel von Adaption und Original beziehen sich dabei jeweils auf den Satz, mit dem die Bröselanten der Jury ihre meistens reichlich windschiefen Teigwerke präsentieren - die deutsche Variante wirkt dabei allerdings eher wie eine antiquierte Catchphrase aus einer - Sorry dafür - altbackenen Comedyserie.

Matschen, Stürzen, Zusammensinken

Sehr hektisch, sehr laut, sehr bunt ist das alles, in einer halben Stunde galoppiert Moderatorin Angelina Kirsch schließlich durch zwei aufwändige Backrunden. Mal müssen die konzeptgemäß heillos überforderten Kandidaten kunstvoll modellierte Cakepops nachbauen, ein andermal eine mehrstöckige Oktoberfesttorte mit kariertem Teig und scheinbar schwebendem Zapfhahn nachbauen. Bei alledem geht es allerdings nicht wirklich ums Backen, sondern ums Matschen, Stürzen, Zusammensinken, am Ergötzen daran, wie die konditorische Überambition in bunten Mehlbreipfützen zerrinnt.

Die Aufploppkästen, die das Schlamassel begleiten, beschränken sich wie schon im US-Format, an dem sich die deutsche Version eng orientiert, auf Anweisungen wie "Kuchen backen" und "Torte zusammenbauen" - wer ernsthaft interessiert ist, wie Teige und Glasuren entstehen, schaut das falsche Format. "Ich mache das mit farbigen Candy-Melts, dann hat sich das", sagt etwa Kandidatin Efi, und erst später erklärt Jurymitglied und Konditor-Weltmeister Bernd Siefert, dass das Zuckerwort nur eine schicke Alternativbezeichnung für Fettglasur ist.

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Netflix-Backshow "Wer kann, der kann"

Foto: Remy Grandroques

Wer Pleiteparaden und den Humor von Klickstrecken liebt, in denen besonders missratene ausgestopfte Tiere gezeigt werden, hat auch hieran Spaß: Wenn einer der aus Zuckermasse modellierten Zapfhähne zwischen totem Grottenolm und abgestorbenem Penis mäandert, Marzipanrosen wie traurige Blutknödel aussehen oder eine besonders überforderte Kandidatin den Tortenkorpus in ihrer Not einfach mit einer Ananas simuliert, kann man durchaus lachen, wenn man es denn süß mag.

Denn Angelina Kirsch unternimmt bei ihrer Moderation ausgiebige Tauchgänge im Glitzerstreuselfass, sendet den Zuschauern "gaaaanz viel Liebe" plus Schmatzeküsschen, nennt Kandidaten "Honeybunny" und bulldozert dazwischen noch Gastjurorin Lily Becker mit Intimfragen flach: "Was macht denn die Liebe? Ich hab' nen Freund, und du? Oder erst mal Schnauze voll?"

"Nix, gar nix", stammelt die sich notdürftig frei, und man ist sehr erleichtert, wenn es dann nach diversen frauenmagazinigen Wir-Mädels-sind-eben-so-Vergleichen von Beziehungen und Schuhe-Shopping wieder zurück zu den Teigkatastrophen geht - auch wenn die Lily-Liebestorte, die laut Kirsch doch ihre "neue Zukunft" darstellen sollte, am Ende in allen drei Varianten ruinöser ausfällt als die gescheitertste Beziehung.

"Wer kann, der kann". Sechs Folgen à 35 Minuten, bei Netflix.