Jubiläumsshow von "Wer wird Millionär" Der Sieger mit dem Gruselkeller

"Wer wird Millionär" feierte 20. Geburtstag und kramte darum auf dem Fragen-Dachboden. Abräumer des Abends war ein Gedächtniskünstler, bei dem sich nach 16 Jahren im Keller einiges aufgestaut hatte.

TVNOW/ Frank Hempel

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Eigentlich ist "Wer wird Millionär" keine Quizshow, sondern eine endlose Partie Memory. In 20 Jahren hat die Sendung ein wimmelbildartiges System an Konventionen und Charakteren erschaffen, und sie in jeder Folge wiederzuentdecken, macht möglicherweise inzwischen genauso viel Spaß, wie die Antworten als krähender Klugscheißer noch vor den Kandidaten gen Fernseher zu blöken (wobei das schon wirklich immer noch ziemlich viel Spaß macht).

Einige immer wieder neu zu besetzende Rollen waren auch in der Jubiläumssendung aufzudecken: Die resolut Strauchelnde, die mit größter Überzeugung die falsche Antwort herleitet (und sich schon niedrigstufig aus dem Ratestuhl kegelt, weil sie fälschlicherweise sicher ist, eine 50-Cent-Münze sei kleiner als eine Ein-Euro-Münze).

Das Klimper-Kokettchen, das Günther Jauch um sachdienliche Tipps anbettelt und ihm verspricht, dafür ihr erstgeborenes Kind nach im zu benennen (und dann ohne Jauch-Assistenz zügig rausflog, weil sie die richtige Schreibweise von Cappuccino nicht erkannte - plötzlich scheinen diese stumpfen Wandtattoos doch einen Bildungsauftrag zu erfüllen). Und natürlich gab es auch den Strebi, der nur knapp sein Wissenswasser halten konnte und zur richtigen Antwort auch noch gar nicht mal so Wissenswertes zu den falschen Varianten mitzuteilen hatte.

Die Jubiläumssendung war zusätzlich tatsächlich explizit nach dem Memoryprinzip gestaltet: Es wurden nur Fragen gestellt, die in den vergangenen 20 Jahren schon einmal vorkamen, und gelegentlich wurde die Erstbeantwortung dann auch eingespielt. Infos wie "Diese Frage hat Bastian Pastewka vor 17 Jahren schon mal in einem Promispecial beantwortet" hemmten machmal etwas das Fortkommen.

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"Wer wird Millionär?"-Jubiläum: Millionengewinner aus 20 Jahren

Doch die Kramerei in den Fragen der Vergangenheit lieferte gelegentlich auch interessante kulturgeschichtliche Befunde: Am Montag gab es gerade mal 1000 Euro, wenn man wusste, dass man "den Psychoterror abgewiesener Liebenden" als "Stalking" bezeichnet - im Jahr 2000 war diese Frage noch 250.000 Mark wert, da der Begriff - und das Bewusstsein für dieses Verhalten - noch ganz frisch war.

Im Publikum saßen ausschließlich Ex-Kandidaten, und eine von ihnen beantwortete als Saaljoker dann gleich noch einmal die Frage, die ihr damals 125.000 Euro eingebracht hatte.

Ein Kandidat fügte der Jubiläumssendung dann allerdings noch eine weitere Memory-Ebene hinzu, die das Format gehörig ins Wanken brachte: Der Jungjurist hatte sämtliche "Wer wird Millionär"-Folgen gesehen, veranstaltete in seinem nicht gänzlich gruselfreien "Quizkeller" an einem selbst gebauten Ratepult eigene Knobelveranstaltungen - und hatte viele Fragen so gut memoriert, dass er die Antwort schon geben konnte, bevor Jauch seine vierfache Auswahl präsentierte.

16 Jahre hatte er sich vergeblich als Kandidat beworben, nun ließ er allem Aufgestauten freien Lauf, schwadronierte bei einer Vogel-Frage ungebeten über Mauersegler, erklärte bei einer Frage, die auf Kurt Cobain abzielte, wie Stieg Larsson seinen Namen bekam, und lobte Jauchs Paisleymuster-Krawatte mit dem Hinweis, "Paisley" sei irgendwann auch mal die Antwort auf eine 500-Euro-Frage gewesen.

Am Ende gewann er tatsächlich die Million, was für so eine Jubiläumssendung natürlich schön ist, allerdings nur gedämpft begeisterte: Seine Gedächtnisleistung war eher ein klassisches "Wetten, dass..?"-Kunststück - seine Sympathie schenkt man dann doch lieber dem schlingernden Halbwissenkandidaten, der im entscheidenden Moment doch noch überraschend die Info, welche beiden Gibb-Brüder der Bee-Gees-Zwillinge waren, aus einer entlegenen Hirnrindenfalte zaubert.



insgesamt 12 Beiträge
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mopsfidel 03.09.2019
1. Der langweiligste Kandidat ever
Was gibt es Unspannenderes für die Sendung, wenn ein Kandidat fast alle Antworten im Voraus kennt!?
Hudson, Jane 03.09.2019
2. Der Traum der Vielen
Manche Menschen scheitern vollständig am Leben und erhalten zur Kompensation eine Million. Viele träumen davon. Nehmen aber die Entbehrungen des stupiden Memorierens und dem Fleiß, geistlose Etüden zu absolvieren, nicht an. Sie sind zu faul. Sie haben es verdient, dass sich ihr Traum von selbst erfüllt. Ich weiß nicht, wenn ich schrecklicher finden soll. Wahrscheinlich die Streber.
hausfeen 03.09.2019
3. Eine verschenkte Million und keine erquizzte. Der Kandidat hatte ...
... alle Folgen auf Video. Und nachdem RTL den Kandidaten vorab verraten hat, dass nur alte Fragen dran kommen, war es doch ein leichtes. Und je höher er kam, um so geringer war die Anzahl der zu paukenden Fragen. SOOOO oft wurde die Millionenfrage ja noch nicht gestellt. Da hat sich RTL selbst ein Bein gestellt und dem Zuschauer die Spannung genommen.
MatthiasPetersbach 03.09.2019
4.
Zitat von mopsfidelWas gibt es Unspannenderes für die Sendung, wenn ein Kandidat fast alle Antworten im Voraus kennt!?
ich glaube jetzt nicht, daß die erste Absicht des Kandidaten war, für die Zuschauer SPANNEND zu sein :)
sp.ie.ge-ll-es.er 03.09.2019
5. gruselige Berichterstattung durch Spiegel
Gruselig ist hier ja wohl nur die Berichterstattung durch Spiegel. Was spricht dagegen WWM zu mögen, Fan zu sein und mit Freunden private Quiz-Abende zu veranstalten?! Ist es schon gruselig wenn man seine Freizeit NICHT ausschließlich am Computer mit Ego-Shootern verbringt? Und Zuhören ist auch nicht die Stärke von Spiegel: der Kandidat sagte ja, dass er die Fragen NICHT auswendig gelernt hat, sondern einfach gemerkt hat. Dafür hat er offenbar ein Talent. Und wenn er die Antworten dann weiß: soll er sich künstlich dumm stellen?! Sehr merkwürdig was Spiegel hier erwartet... Zu bemerken wäre noch, dass er sich jahrelang beworben hat - auf die normale Sendung! Er hatte es sicherlich nicht darauf abgesehen in einer Jubiläumssendung mit alten Fragen Kandidat zu werden. Das war wohl eher ein für ihn glücklicher Zufall.
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