Abschied von "Wetten, dass..?" Der letzte Tanz

Ein Blinder identifiziert Puzzleteile durch Schnalzen, Cheerleader hängen hüpfend Wäsche auf, Ben Stiller verzieht keine Miene. Die letzte Ausgabe "Wetten, dass..?" fühlt sich an wie eine Beerdigung, bei der sich die Trauergäste um Fröhlichkeit bemühen.
Markus Lanz bei seiner letzten "Wetten, dass..?"-Show: "Alles klaro"

Markus Lanz bei seiner letzten "Wetten, dass..?"-Show: "Alles klaro"

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Zum Ende von "Wetten, dass..?" sagte ZDF-Intendant Thomas Bellut einer Sonntagszeitung, das "deutsche Umfeld" sei nun einmal "besonders kritisch". Nicht anspruchsvoll, nicht intelligent, nein, "besonders kritisch", im Sinne von "nie zufrieden" oder "ziemlich verwöhnt".

Und weil dieses "deutsche Umfeld" auch sentimental sein kann, fühlte sich die letzte Ausgabe wie eine dieser Beerdigungen an, bei denen alle Beteiligten sich um Fröhlichkeit bemühen. Er hat ja so gerne gelacht, der Verstorbene.

So war es denn auch weitgehend eher eine Sendung über "Wetten, dass ..?" mit eingestreuten "Wetten, dass..?"-Momenten als wirklich "Wetten, dass..?" (Lesen Sie hier das Minutenprotokoll.)

Jan Josef Liefers, Markus Lanz, Helene Fischer, Ben Stiller: "Seeehr entspannt"

Jan Josef Liefers, Markus Lanz, Helene Fischer, Ben Stiller: "Seeehr entspannt"

Foto: David Ebener/ dpa

Kaum ein Gast, von Kati Witt über Helene Fischer bis zu Jan Josef Liefers, der von Markus Lanz nicht nach seiner frühestens Erinnerung an die Sendung befragt wurde. Nicht einmal Wotan Wilke Möhring konnte sich mit dem Hinweis aus der Affäre ziehen, er sei ja "lange Punk gewesen".

Punk hin, Punk her, am Ende fiel auch er ein in das Lied vom Lagerfeuer, von aufgeblasenen Wärmeflaschen oder Lastwagen auf Biergläsern oder Schlafanzügen aus Frottee. Um dem kollektiven Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, gab's viele bunte Ausschnitte aus früheren Sendungen zu sehen, allesamt "unvergessliche Momente". Das war so aufregend wie das besinnliche Blättern in einem Fotoalbum.

Vielleicht muss Lanz sein wie Lanz?

Lanz freilich war Lanz, wobei man sich schon fragte, ob er das bei einer Sendung wie "Wetten, dass..?" vielleicht einfach so machen muss, wie er es macht, um wirklich alle Zuschauer "mitzunehmen": Eilig ein "total egal" hinterherschieben, wenn ihm vorher ein deftiges "scheißegal" rausgerutscht ist; klarstellen, dass das ja gar nicht stimmt, wenn die Fantastischen Vier scherzen, sie würden nur noch über ihre Anwälte miteinander kommunizieren; ständig alles und jeden "seeehr entspannt finden" oder, wenn's um soziales Engagement geht, wie in Trance zu sagen: "Es gibt große, große Herzen und viel, viel Bereitschaft, gute Dinge zu tun."

Dann wieder sagte er Dinge wie "alles klaro" oder lobte einen blinden Kandidaten dafür, dass dieser alleine die Showtreppe herunterlaufen konnte. Dem Skirennläufer Hermann Maier bescheinigt er, "den spektakulärsten Sturz aller Zeiten für sich in Anspruch nehmen" zu können und nannte Michael Jackson einen "armen Mensch, eigentlich".

Echtes Interesse zeigte er nicht einmal, als er den ehemaligen Wettkandidaten und heutigen Schauspieler Samuel Koch begrüßte - dessen Unfall in der Show zur Querschnittslähmung führte und den Anfang vom Ende der Sendung markierte. Koch verbinde, so Lanz, "mit der Sendung ein ganz besonderes Band". Er umarmte ihn zur Begrüßung und erklärte zur Sicherheit, man weiß ja nie: "Wir umarmen uns immer, wenn wir uns sehen!"

Koch und Lanz: "Will dich gar nicht lange quälen"

Koch und Lanz: "Will dich gar nicht lange quälen"

Foto: DPA

Im Gespräch behandelte er Koch wie ein rohes Ei ("Ich will dich gar nicht lange quälen!"), das aber doch aufgeschlagen werden muss: "Lass uns teilhaben an deinem Leben! Wie geht es dir?" Koch: "Eigentlich ganz okay. Und selber?"

Das letzte Mal, sagte Koch trocken, habe er ja schon vor dem Ende gehen müssen und habe einen "steifen Hals" gehabt. Dabei blitzte bisweilen tatsächlich auf, was diese Sendung in ihren besseren Momenten immer schon sehenswert gemacht hatte - das vielleicht nicht Anarchische, aber doch Ungeplante mit dem Hang zur Groteske.

Etwa in der allerletzten Wette, für die der Kandidat nach dem einmaligen Vorlesen eines unbekannten Textes den exakt 101. oder 207. Buchstaben nennen musste. Oder in dem Augenblick, als die ganze Halle von Otto Waalkes und Bully Herbig zum Singen animiert wurde: "Arrivederci Lanz, das war dein letzter Tanz!" Lanz pikiert: "Jetzt wird's aber ungut".

Hollywood-Star Ben Stiller machte versteinerte Miene zum blöden Spiel - er war augenscheinlich von den zuvor dort gedemütigten Kollegen gut gebrieft worden.

Kinderwette: "Leckt zart"

Kinderwette: "Leckt zart"

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Bei der Kinderwette wollte ein kleiner Jungen anhand ihrer Zungen die Hunde erraten, die ihm Leberwurst vom Handrücken schleckten: "Leckt zart!"

Als es knapp wurde, hörte man deutlich ein zugeflüstertes "Laika", von wem auch immer, und dann war's tatsächlich die Laika. Früher wäre das ein Skandal gewesen, jetzt ist es eben egal.

Ein Blinder identifizierte Puzzleteile mithilfe von Schnalzgeräuschen, Cheerleader hingen hüpfend Wäsche auf, und der Wettkönig kletterte schneller die Fassade eines Parkhauses hoch und wieder herunter, als ein Rallye-Weltmeister innen mit dem Auto durchfahren konnte.

Woraufhin Lanz seinen Ehrenaußenreporter Olli Dittrich aufforderte, den Fahrer zu fragen, woran's denn gelegen habe. Dittrich: "Ich frage doch jetzt nicht: Woran hat's gelegen?"

Um 23.49 Uhr war es dann endlich vorbei. "Wetten, dass..?" hatte mal wieder überzogen, und die überzogene Zeit zog sich zäh und quälend. Vielleicht hat es daran gelegen.