Vorletzte Ausgabe von "Wetten, dass..?" Lanz, der Obama des deutschen Fernsehens

Er hat es ja auch nicht leicht. Nach all der Häme aus Deutschland und den USA trat Markus Lanz leicht ergraut zum Anfang vom Ende seiner "Wetten, dass..?"-Amtszeit an. Zwischen Gesprächen über Chlamydien rang er um staatsmännische Würde.

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Wer kann ihnen die Hysterie verdenken? Seit einiger Zeit berichten Schauspielerkollegen und Medien in den USA nun schon von dieser sonderbaren Show aus Germany, in der Menschen die abstrusesten Dinge tun müssen, während sich der Moderator gerne in Anzüglichkeiten ergeht. Man kann es also nachvollziehen, dass Jennifer Lawrence und Liam Hemsworth am Samstag mit einer Mischung aus Verspanntheit und Überreiztheit auf der "Wetten, dass..?"-Couch Platz nahmen, um ihren neuen "Hunger Games"-Film vorzustellen.

Vor den Schauspielern saß ein Moderator in kniekurzer Lederhose, der ihnen ohne jede Chance auf Plausibilität zu erklären versuchte, weshalb da gleich ein Amateursportler Saltos über aufeinandergetürmte Bierkästen schlagen werde, nur um die beiden danach in ein Gespräch zu verwickeln, das nach wenigen Wendungen bei den Themen Sexualkundeunterricht und Geschlechtskrankheiten anlangte. Irgendwann schrie Lawrence nur noch ungläubig ihren Kollegen Hemsworth an: "Was, du hast von deiner Mutter Chlamydien bekommen?!" Fragen Sie jetzt bitte nicht, wie es dazu kommen konnte.

Da war sogar der niemals verlegene Markus Lanz bereit, das Gespräch schnell abzubrechen. Er hat es ja auch nicht leicht. Die US-Stars, die bei ihm ihre Filme, Alben oder was auch immer bewerben wollen, kommen inzwischen ja bereits leicht vorgeglüht in seine Sendung, um steile Anekdoten zu sammeln, mit denen sie dann daheim in Talkshows protzen können. Das mit dem Vorglühen musste man bei Jennifer Lawrence übrigens wörtlich nehmen: Bei einer Weinprobe am Abend zuvor hatte sie nach eigenen Angaben ein bisschen zu tief ins Glas geschaut.

"Wash your hands!"

Jetzt hatte die junge Frau eine Grippe, was sie wunderbar theatralisch zur Aufführung brachte, während sie in einem Kleidchen über die Bühne stöckelte, das aus der Stoffmenge eines Taschentuchs zusammengeschneidert war. Lawrence fasste dann alles und jeden an, um danach immer wieder ihren Appell "Wash your hands!" in die Menge zu röcheln und zu krächzen.

Markus Lanz nahm das alles mit professioneller Schicksalsergebenheit auf. Nun ja, es ist doch sowieso die vorletzte Ausgabe von "Wetten, dass..?" gewesen. Seine Haare hatte er sich diesmal mit Pomade zu einer Rock'n'Roll-Tolle aufgetürmt, so kamen ein paar silbrig glänzende Stellen zum Vorschein. Im Grunde genommen ist Lanz der Barack Obama des deutschen Fernsehens. Die Haare sind während seine Jobs ergraut, das Ende der Amtszeit ist in Sicht, nirgendwo hat er eine Mehrheit hinter sich. Weder im Senat des ZDF, wo man den Daumen über ihn gesenkt und das Ende von "Wetten, dass..?" beschlossen hat, noch beim Publikum, das ihm im Laufe der letzten Sendungen immer neue Minus-Rekorde bescherte. Eine Reform von "Wetten, dass..?" will auch keiner.

Und doch: Lanz machte vor dem Hintergrund des drohenden Untergangs ein respektable Figur. Irgendwo zwischen Alles-egal-Rock'n'Roll und staatstragender Nun-noch-einmal-mit-Würde-Samstagabendshow kam sein "Wetten, dass..?" im österreichischen Graz daher. Am Anfang setzte er sich für seinen Gast, den selbsternannten Volks-und-Lederhosen-Rock'n'Roller Andreas Gabalier, und ein paar gar nicht so schlechte Boogie-Riffs ans Klavier. Lanz selbst trug aufgrund einer verlorenen Saalwette in Erfurt im Monat zuvor Lederhosentracht, Gabalier dafür den obligatorischen Moderatoren-Anzug in Lanz-Anthrazit. Ging doch gut los.

Grönemeyer macht die Windmühle

Im Anschluss wurde eigentlich noch mal alles aufgefahren, was "Wetten, dass..?" im Kern ausmacht. Also auch viele umständliche Versuchsanordnungen. Eine Wette, bei der sich der Kandidat mit Bleiring in ein Schwimmbassin begeben musste, um unter Wasser Bildkarten zu memorieren (gewonnen!), ebenso wie eine Wette, bei der ein Baggerführer mit seinem schweren Gerät Tischdecken von gedeckten Frühstückstischen ziehen sollte (verloren!).

Auch bei den Gästen gab es keine Experimente; man konnte sie irgendwo zwischen unerträglich abgehangen und wunderbar abgehangen einsortieren. Unerträglich abgehangen war etwa der omnipräsente Lustig-Doktor Eckart von Hirschhausen, der tatsächlich noch mal spontan witzige Heilkundetipps rausholte, die er so schon mal vor einem Jahr in den gleichen Worten im "Stern" unters Volk gebracht hatte. Wunderbar abgehangen kam indes Iris Berben rüber, die hier zum elften Mal als Wettpatin fungierte und sich trotz hörbar schwererer Grippe-Erkrankung als Jennifer Lawrence gar nicht wieder einkriegte in ihrer Begeisterung für die, nun ja, verrückte Bagger-Tischdecken-Performance.

Und natürlich wählte Herbert Grönemeyer, Deutschlands Pop-Nationalheiliger, "Wetten, dass..?", um sich während eines extrem gefühligen und windmühlenartigen Auftritts nach längerer Pause mit seiner neuen Single "Morgen" zurückzumelden. Wo soll er das denn bitte sonst tun?

Gleichzeitig kam es in diesem More-of-the-same-Szenario auch zu einer wirklich unberechenbaren Begegnung, die es so eben auch nur bei "Wetten, dass..?" geben kann: Auf der Couch in Graz traf Österreichs stramm konservativer Mega-Hetero-Star Andreas Gabalier auf Österreichs glitzer-bärtige Mega-Queer-Queen Conchita Wurst. Man gratulierte sich gegenseitig freundlich. Wahrscheinlich ist die breite ZDF-Couch der einzige Ort, wo sowas passieren kann.

Deshalb sorry, USA: It's only "Wetten, dass..?". But we like it.

insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
vollimbiss 09.11.2014
1. Taschentuch
Das Kleidchen war das highlight der Sendung. Leider schnell wieder verschwunden.
breisig 09.11.2014
2.
ich fands unterhaltsam. schade, mir wird wd fehlen.
hschmitter 09.11.2014
3.
Ein Glück, es ist bald vorbei und dann wird von Lanz in den Online/Printmedien nicht mehr belästigt. Zum Glück und zu Recht findet die andere Sendung des einen Journalisten imitierenden Was-Auch-Immer keine mediale Beachtung
Ralf.Rost 09.11.2014
4. Endlich ist es aus...
Das Fernsehen schafft sich selber an, dann verkorkster Moderatoren und keiner Ideen. Netflix und Co. werden ihren Beitrag dazu liefern.
balsamico 09.11.2014
5. Gelungen!
Ich werde diese Sendung sehr vermissen! Die November - Ausgabe war gelungen!
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