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"Wetten, dass...?": Wurstwetten und eine Pfundsweib

Foto: Tobias Hase/ dpa

"Wetten, dass...?" Kalauern um die Wurst

Eine Wurstwasser-Wette, ein Kandidat, der auf rohe Eier sprang und eine Beth Ditto, die Schlagersänger Hansi Hinterseer auf dem Sofa plättete - mit Witz und Wohlfühlgewicht. Bei so viel Kurzweil hätte man Thomas Gottschalk beinahe vergessen können, doch er gab sich redlich Mühe, auch mal lustig zu sein.

Bis heute erzählt man sich in Kneipen in und um das westfälische Münster nach ein paar Pinkus-Bier gern die Geschichte von der gnadenlosen Oma, die ihren kleinen Enkel regelmäßig dazu zwang, das Wurstwasser auszutrinken - jene trübe, fettige, stinkige Brühe, die im Glas übrigbleibt, wenn die Wiener schon im Topf schwitzen, denn: "Wurstwasser schärft den Verstand!"

Und irgendetwas stellt es anscheinend auch mit dem Witzniveau an.

Thomas Gottschalk, dessen Bremerhavener Wettkandidat am Samstagabend mit beeindruckender Ekel-Ignoranz drei von 22 Wurstsorten anhand des Geschmacks, Geruchs und der Farbe ihres Wurstwassers erkannte, richtete sich anschließend gemütlich in pubertärem Humor ein: "Den Blutzuckertest machen wir gleich dazu", sagte er angesichts der gelben Lauge im Weinglas. Das war tatsächlich lustig, denn die höflichen, gastgebenden Salzburger finden Pipiwitze schlichtweg nicht witzig - und blieben stumm.

Auch Gottschalks Kommentar zur österlich-beeindruckenden Eierwette, bei der ein 54 Kilo leichter Chinese aus dem Stand 65 Zentimeter hoch sprang und auf vier rohen Eier landete, ohne dass sie kaputtgingen, kam überhaupt nicht an im Nachbarland: "So macht man Pilzomelett" sagte der Moderator angesichts der Bilder von den Füßen des Wettkandidaten auf den leider dann doch zu oft zersprungenen Eiern. Die Zote war dem Publikum nicht mal ein verlegenes Hüsteln wert.

Überhaupt konnte man Gottschalk am Samstag wunderbarerweise tatsächlich ab und an richtig vergessen, denn gegen die gutgelaunte und unerschrockene Verve einer Beth Ditto und die anbetungswürdig-britische Gewitztheit einer Emma Thompson stinkt so eine clumsy german Männerblondine ein bisschen ab.

"Alles hat eine Ende, nur die Wurst hat zwei"

"Nimmst Du mich mit zur Modenshow nach Paris?" fragte Gottschalk Ditto, dabei wäre die einzige adäquate Frage, die man ihr und Emma Thompson hätte stellen müssen, natürlich "Willst du mit mir gehen?" gewesen. Die beiden Frauen schmissen dennoch ihren Teil der Show übermütig wie alte Häsinnen, nicht mal die Werbung für ihren neuen Nanny-Film wollte man Thompson übel nehmen.

Man konnte allerdings nur vermuten, dass die Regie Beth Ditto irgendwann das Mikro abgeschaltet hatte, nachdem sie vorher weltmännisch in alle Gespräche hineingeplappert hatte. Sehr schade.

So mischte sie sich ein, als Gottschalk Opernsängerin Anna Netrebko vorzeitig entlassen musste. Der Gast wollte sein wertvolles Sopranorgan wohl lieber für wichtige Sachen schonen. "Sie bleibt, dafür soll Stefan Raab gehen!", schlug Ditto vor. Irgendwann landete sie dann schwungvoll auf dem österreichischen Schlagersänger Hansi Hinterseer, der nicht recht wusste, wie ihm geschah, als er sich auf der Couch, aber unter Ditto wiederfand.

Raab kratzt so etwas natürlich nicht, der zeigte entspannt seine Zahnleiste. Nach seiner Werbeveranstaltung für den Eurovision Song Contest saß er mit der von ihm gecasteten sympathischen, selbstbewussten Maus, die in Oslo ein paar Mitleidspunkte abholen will, ganz ruhig auf dem Sofa und genoss das Hampeln der anderen. Schließlich gab er "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei" auf dem Akkordeon.

Ausgerechnet der Musical-Papst war bissiger als der Moderator

Alles blieb entspannt bei der Sendung, die laut ZDF hemmungslos "alle" ansprechen soll - und dafür zusammenrührt, was ihr über den Weg läuft: Ein Mitschnitt zeigte Hansi Hinterseer 1974 beim Slalomfahren, helmlos und mit wehendem Haar; Stefan Raab gab sich staatsmännisch und sprach vom Song Contest als "nationale Aufgabe"; Shakira packte Vorurteile in ihren Song "Gypsy" - "das heißt Zigeuner", wurde übersetzt - ("Maybe I steal your clothes and wear them", "Vielleicht klaue ich deine Klamotten und ziehe sie an"); die Scorpions erfüllten ihre Rolle als freundliche Mainstreamrockrecken; Gottschalk kabbelte sich an und an brüderlich mit Raab und versuchte zarte Seitenhiebe auf Pro 7. Aber das ist in Zeiten des großen öffentlich-rechtlichen Zuschauerzahlensinkens bloß ein leises Bellen.

Bissig war ein anderer: Ausgerechnet Sir Andrew Lloyd Webber, der sein musikalisches Genie leider in Musicals investiert, fragte Raab und die Contest-Maus hinterfotzig, warum sie denn eigentlich nicht in Deutsch singe - und war damit gemeiner als Gottschalk am gesamten Abend. Danach erzählte er eine für einen Engländer erstaunlich pointenfreie Geschichte darüber, warum er nie die Rolle des Mozarts gespielt hat. Selbst Emma Thompson konnte darüber nur höflich lächeln.

So floss die Sendung flott den Abend entlang, die Bildregie schnitt die aufgebretzelten Törtchen hinein, wann immer jemand länger als 30 Sekunden am Stück redete und versäumte es, beim hübschen Auftritt von Beth Dittos Band "Gossip" auch mal den Rest der Gruppe länger als einen Augenaufschlag zu zeigen.

Am Ende wurde der weißhaarige Thüringer Mathe-, Physik- und Informatiklehrer Wettkönig, der aus einem Himmelsbild mit 5000 Sternenpunkten jeden einzelnen fehlenden herausfiltern konnte: Eine handfeste Wette, wie sie das Publikum immer schätzt, mit der richtigen Mischung aus Romantik und Intellekt.

Aber die auf den hintersten Platz verbannte Wurstwassergeschichte hätte garantiert gewonnen, wenn die Sendung aus Westfalen gekommen wäre.

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