"Wetten, dass..?"-Sendung aus Offenburg Arzt wohlauf, Patient tot

Zum Ende seiner Sendung aus Offenburg verkündete Markus Lanz das Aus für "Wetten, dass..?". In den lähmenden Stunden zuvor zeigte sich einmal mehr, warum das vielleicht gar keine schlechte Idee ist.
Lanz, Kerkeling, Diaz, Kretschmar: Die Verrenkungen waren umsonst

Lanz, Kerkeling, Diaz, Kretschmar: Die Verrenkungen waren umsonst

Foto: Andreas Rentz/ Getty Images

ZDF-Intendant Thomas Bellut, der es eigentlich wissen müsste, sagte neulich, er wisse "wirklich nicht", wie lange es "Wetten, dass ..?" noch geben werde. Man wolle sich anschauen, "wie stark die Marke" noch sei. Die Marke wohlgemerkt, nicht ihr derzeitiger CEO Markus Lanz. Über den wiederum munkelte man hinter ZDF-Kulissen und vor der jüngsten Sendung, er werde nach zuletzt katastrophalen Quoten womöglich das Handtuch werfen. Aber dann suchte Markus Lanz am Ende seiner 13. Show eine Kamera und erklärte, man werde sich nach der Sommerpause wiedersehen - "mit den letzten drei Ausgaben von 'Wetten, dass..?'". Arzt wohlauf, Patient tot.

In den lähmenden Stunden vor diesem Paukenschlag hatte sich einmal mehr beobachten lassen, warum das vielleicht sogar eine ganz gute Idee sein könnte. Als wären sie eingeweiht, trugen die Gäste an diesem Abend ausnahmslos schwarze Trauerkleidung. Einmal spielte Lanz sogar darauf an: "Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal im Fernsehen den buntesten Anzug tragen würde!" Nein, anzumerken war dem Moderator rein gar nichts. Der Show dagegen umso mehr.

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"Wetten, dass..?": Aus, Ende, vorbei

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Mit dem Modemacher Guido Maria Kretschmer plauderte Lanz über Frauen und wie sie gekleidet sein sollten, damit sie "immer zünftig und vernünftig" aussähen. Und Kretschmer plauderte über dies und das und darüber, "gar nicht mehr so gegen Arschgeweih" zu sein, weil das später im Pflegeheim gut käme. Und: "Ich finde auch wichtig, dass man ein Gegenüber hat, das sagt: Ach nee, lass mal."

Was auch nur zufällig prophetisch klang, denn belanglos ging's weiter. Mit Stargast Cameron Diaz, von der Lanz wissen wollte, wie sie ihre Klamotten kauft. Sie sagt, als "Mädchen" kaufe sie mal hier, mal da, eine ganz normale Sache bei Mädchen. Später erkundigte sich der Moderator bei der "wilden Hummel" noch: "Wie oft hast du dir die Nase gebrochen?"

Zwinkerzwinker

Auftritt Hape Kerkeling, der in einem glücklicheren Paralleluniversum längst ein gefeiertes "Wetten, dass ..?" mit 14 statt mit nur fünf Millionen Zuschauern moderieren würde. Er bringt, ein apartes Halstuch vor der Wampe, nur ein schlappes Schlagermedley zum Vortrag. Dazu tanzt das deutsche Fernsehballett. Auf der Couch erklärt der Komiker, dass und warum er Schlager mag, was nicht sonderlich überraschen will. Auf Nachfrage von Lanz gibt er die uralte Geschichte zum Besten, wie Jermaine Jackson mal den Kölner Dom für Notre-Dame in Paris gehalten hat, worauf Guido Maria Kretschmer einwirft, die Frau von Jermaine Jackson sei seine Textilagentin in den USA. Sachen gibt's! Die Welt ist klein!

Und weiter im Programm, das seinen Tiefpunkt erreichte, als Kerkeling von Veronica Ferres zu einem Hochzeitswalzer genötigt wurde. Die Schauspielerin hatte zwar ihren Maschmeyer daheim gelassen, verkündete aber Hochzeitspläne. Unterdessen erläuterte Markus Lanz augenzwinkernd Cameron Diaz, warum das mit der Ehe zwischen Kerkeling und Ferres natürlich nicht klappen könne, zwinkerzwinker. "Deutschland 2014", so Lanz, "so entspannt geht's da zu!" Auch Cameron Diaz selbst fand er "sehr, sehr, sehr entspannt". Wie auch Annette Frier, die eine neue Comedy bewarb und betonte, ihre Kinder zwecks Steigerung der Intelligenz lieber in die "Süddeutsche" als in die "FAZ" einzuwickeln.

Ziemlich verspannt dagegen der Auftritt von Anastacia, in Deutschland ein Weltstar, die den Moderator lüstern anschnurrte, wozu Lanz nur einfallen mochte: "Ist ein schöner Abend hier heute." Die Sängerin sieht übrigens ihren mehrfach tapfer bekämpften und mehrfach besiegten Krebs als "Segen" an, findet ihn "nicht mehr negativ, nicht mehr schlecht", und würde gerne "alle Menschen gesund sehen", auch jene zu Hause vor den Fernsehern, die "auch gerade diese Probleme haben", wie Lanz einfühlsam feststellte.

Junge Männer, die auf Lichter starren

Gesund bleiben auch die Wettkandidaten. Ein wuchtiger Hobby-Legolas schoss mit dem Bogen auf aus Toastern katapultierte Weißbrotscheiben, um sie in der Luft mit dem Pfeil zu erwischen und gegen die Wand zu tackern. Ein blasser Toast, erfahren wir, fliegt nicht so hoch, der ist meistens noch ein wenig feuchter. Zwei "verrückte Typen" erkannten am rhythmischen Aufleuchten der Bremslichter des Vordermanns, welcher Song gerade im Auto lief. Wir sahen also hauptsächlich einem jungen Mann dabei zu, wie er konzentriert hinter dem Steuer saß und nach vorne starrte.

Irgendwann fiel Lanz auf, dass während der Vorbereitung für diesen sensationellen Stunt gerade für fast zehn Sekunden niemand etwas sagte, weshalb er dann selbst sagte: "Volle Konzentration, wir dürfen die beiden nicht durcheinanderbringen", um später an genau der Stelle selbst reinzuplappern, wo sich einer der Typen wirklich konzentrieren musste. Später starrten wir sekundenlang auf hartgekochte Eier, die darauf warteten, von einem Cowboy mit der Peitsche geköpft zu werden.

Ina Müller, in deren Händen "Wetten, dass..?" vermutlich ebenfalls einen schönen Tod stürbe, moderierte die Außenwette im Hafen von Emden, wo der Kapitän eines Kutters ein winziges Buddelschiff in eine Flasche navigierte. Ans Herz ging die Kinderwette zweier Brüder, die sich Farbmuster auf dem Boden merken wollten, was aber nicht klappte, worauf die Jungs sichtlich am Boden zerstört, wenn nicht fürs Leben traumatisiert waren. Markus Lanz sah das Drama und hatte eine seiner eleganten Ideen zum Trost: "So, ihr bekommt jetzt ein Küsschen von einer der schönsten Frauen der Welt", was Cameron Diaz allerdings nicht mitmachte: "Ist denen, glaube ich, egal", stellte sie geistesgegenwärtig fest und klatschte die beiden lieber altersgemäß ab.

Wettkönige wurden drei Studenten, die im Salto über ein Glas sprangen, das sie dabei sukzessive mit einem Strohhalm leerten. Zwei davon, erklärte Lanz eilfertig, haben ihre "Wurzeln" anderswo, sind aber hierzulande geboren. Sachen gibt's. Die Welt ist klein. Oder, wie Lanz sagte: "Auch das ist Deutschland 2014". Deutschland 2015 wird dann erstmals nach 215 Abenden in 33 Jahren eines ohne sein televisionäres "Lagerfeuer" sein. Es können nun die Nachrufe auf eine Ära geschrieben werden. Sehr, sehr, sehr entspannt.

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