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"When They See Us": Wann werden sie uns endlich sehen?

Foto: Atsushi Nishijima/ Netflix

Rassismus-Drama bei Netflix Die Fortsetzung der Sklaverei

Der Vierteiler "When They See Us" erzählt von einem US-Justizskandal, der den bis heute wirksamen strukturellen Rassismus offenlegt. Die Wut der Filmemacherin Ava DuVernay richtet sich auch gegen Präsident Donald Trump.

Kevin Richardson ist 14 Jahre alt in dieser Frühlingsnacht 1989, als er mit einer blutenden Wunde am linken Auge in einem Verhörzimmer der New Yorker Polizei sitzt und Bekanntschaft mit den Ermittlungsmethoden der Beamten macht. Sie brüllen den Minderjährigen an, schüchtern ihn ein, schlagen mit der Faust auf den Tisch, flüstern ihm ins Ohr, er dürfe gehen, wenn er sein Verbrechen gestehe.

In dieser Nacht wird der völlig verängstigte Kevin ein falsches Geständnis ablegen und sagen, er habe gemeinsam mit vier weiteren Jungen eine Frau im Central Park vergewaltigt und misshandelt. Seine in Panik herbeifantasierte Geschichte widerspricht in vielen Punkten den Spuren am Tatort, eine Indizienkette lässt sich nicht herstellen.

Gegen alle Zweifel spricht aber die Hautfarbe von Kevin und den anderen Verdächtigen Antron, Yusef, Raymond und Korey. Vier sind schwarz, einer ist Latino. Zeitungsartikel der yellow press beschimpfen sie als Tiere. Der damals 43-jährige Immobilienmogul Donald Trump fordert in einer ganzseitigen Annonce die Todesstrafe für sie.

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"When They See Us": Wann werden sie uns endlich sehen?

Foto: Atsushi Nishijima/ Netflix

Es ist eine hochemotionale wahre Geschichte, die die Regisseurin Ava DuVernay in ihrem neuen Vierteiler "When They See Us" erzählt, der bei Netflix Premiere feiert. Und es ist eine Geschichte, die mit fast jedem Bild über sich selbst hinausweist, die exemplarisch steht für einen strukturellen Rassismus, der in den USA bis heute am Werk ist.

Das hier, sagt DuVernay, ist uns tausendmal passiert, Millionen mal. Wir sind als Sklaven in dieses Land gekommen, und wir sind immer noch nicht frei.

DuVernay ist in den letzten Jahren zur bekanntesten politischen Filmemacherin der USA geworden. Sie hat sich das Handwerk selbst beigebracht und schaffte mit ihrem dritten Film den Durchbruch, dem Drama "Selma" über Martin Luther King Jr. Dafür wurde DuVernay 2015 für den Oscar in der Kategorie Bester Film nominiert, als einzige person of color in diesem Jahr.

Auch wenn "When They See Us" ein Fernseh- und kein Kinofilm ist, malt DuVernay damit auf einer noch größeren Leinwand. Sie breitet die Geschichte der "Central Park Five" in vier beinahe spielfilmlangen Episoden aus und beleuchtet das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven und über viele Jahre.

Die Nacht im Central Park und ihre erzwungenen Aussagen haben für die Jungen bittere Konsequenzen. Auf die von Vorurteilen, Fehlern und bewussten Manipulationen durchsetzten Ermittlungen folgt ein unfairer Prozess, an dessen Ende Kevin und die anderen für viele Jahre unschuldig ins Gefängnis kommen. Nach ihrer Entlassung geht die Schikane weiter, sie sind nun als Vergewaltiger gebrandmarkt und dürfen nur in Aushilfsjobs arbeiten.

Am schlimmsten trifft es Korey Wise, der zum Zeitpunkt der Tat 16 Jahre alt ist und nach Erwachsenenstrafrecht abgeurteilt wird. Seiner Zeit im Gefängnis, die geprägt ist von Prügel und Einzelhaft, widmet DuVernay die gesamte letzte Episode. Hier zeigt sie die entwürdigenden Haftbedingungen, den Moloch des sogenannten prison-industrial complex, der in den USA mit Millionen Häftlingen aberwitzige Summen erwirtschaftet und den auch schon die Netflix-Serie "Orange Is The New Black" umkreiste.

Man muss "When They See Us" als dramatische Ausarbeitung von DuVernays ebenfalls für den Oscar nominierter und ebenfalls von Netflix ausgestrahlter Dokumentation "Der 13." verstehen. Beängstigend schlüssig weist die Filmemacherin dort den Zusammenhang von Sklaverei und den hohen Inhaftierungsraten von Schwarzen nach, den der 13. Artikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten möglich macht. Der schaffte zwar faktisch die Sklaverei ab, aber mit einer entscheidenden Einschränkung:

"Weder Sklaverei noch Zwangsdienstbarkeit darf, außer als Strafe für ein Verbrechen, dessen die betreffende Person in einem ordentlichen Verfahren für schuldig befunden worden ist, in den Vereinigten Staaten oder in irgendeinem Gebiet unter ihrer Gesetzeshoheit bestehen."

Sklaverei und Lynchjustiz wurden in den USA von einem Gesetz abgelöst, das ein Schlupfloch ließ für die weitere Unterdrückung und Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung. Von Nixons "War on Drugs", der vor allem sie traf, über die beginnenden Masseninhaftierungen unter Reagan und deren dramatische Ausweitung unter Clinton zeigt DuVernay, wie seit den Siebzigerjahren eine mächtige Industrie entstand.

Daraus entwickelt "When They See Us" seine eminente politische Sprengkraft. Mehr noch: Der Vierteiler nimmt den derzeitigen US-Präsidenten ins Visier. DuVernay macht kein Hehl daraus, dass sie Donald Trump für einen Rassisten hält, der damals, noch vor dem Gerichtsverfahren gegen die "Central Park Five", nur wenig verschleiert forderte, die Verdächtigen zu lynchen.

Trumps Ruf nach der Todesstrafe, den er bis heute nicht revidiert hat, bekommt einigen Raum in "When They See Us", und den ersten Trailer veröffentlichte DuVernay mit Verweis auf seine Annonce genau 30 Jahre später:

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Man kann DuVernay vorwerfen, stellenweise inszenatorisch über die Stränge zu schlagen, die Geschichte mit dem Einsatz von Zeitlupen und aufwühlenden Schnittsequenzen zu überfrachten. Aber die Emotionen, die sich in "When They See Us" Bahn brechen, sind unmittelbar und echt. Sie speisen sich aus über 400 Jahren Unterdrückung und Terror.

Auf Netflix abrufbar.

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