Whistleblower-Miniserie im ZDF Fast wie Julian Assange

Alte Techniken der Spionage, neue Möglichkeiten des Verrats: In der Whistleblower-Miniserie "West of Liberty" treten Lars Eidinger und Wotan Wilke Möhring gegeneinander an. Süffiger Oldschool-Thrill.

Carolina Romare/ ZDF

Der eine: ein abgehalfterter Ex-Stasi- und CIA-Doppelagent, der sich mit einer schlecht laufenden Kaschemme in Kreuzberg über Wasser hält, Schulden bei einem moldawischen Stripclub-Betreiber hat und in regelmäßigen Abständen einen Schluck aus der Pulle braucht. Der andere: ein abgehalfterter Berliner CIA-Boss, der den klaren Fronten des Kalten Krieges nachtrauert, dem die Gegenwart fremd geworden ist und der doch seinen Platz nicht räumen will.

Ludwig Licht (Wotan Wilke Möhring) und GT Berner (Matthew Marsh) - es sind nicht gerade klassische Sympathieträger, aber zwei gut knarzige Antihelden, die "West of Liberty" da zusammenspannt.

Der Anlass dieser seltsamen Kooperation: Als in Marrakesch drei Amerikaner in einem Barbershop erschossen werden und eine dem Massaker entkommene Frau sich an die US-Botschaft in Berlin wendet, wittert Berner einen Fall - und reaktiviert seinen alten Freelancer-Partner Licht. Der muss zwar zum Ablesen des Verifizierungscodes am Laptop erst mal die Brille aufsetzen und schnauft schon leicht beim Treppensteigen, braucht aber das Geld und erinnert sich dann doch noch, in welcher Kiste seine Knarre liegt. Er zieht die Plane von seinem alten Range Rover, bringt die Zeugin in Sicherheit - und siehe da, sie hat tatsächlich etwas zu erzählen.

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ZDF-Miniserie: Tränen auf dem Männerklo

Die Amerikanerin Faye Morris (Michelle Meadows) war Rechtsberaterin der Whistleblower-Organisation Hydraleaks, deren IT-Chef zu den Opfern von Marrakesch zählt und deren Anführer Lucien Gell (Lars Eidinger) seit Monaten untergetaucht ist. Im Tausch gegen eine Liste mit allen geheimen Quellen der Organisation will sie Immunität erlangen, um in ihre Heimat zurückkehren zu können. Berner wiederum erhofft sich, über sie an den in seinen Augen verachtungswürdigen Verräter Gell heranzukommen und einen letzten großen Coup zu landen.

Relikte aus dem analogen Zeitalter

Es ist der Kontrast zwischen dem aktuellen Whistleblower-Thema und der versunkenen Welt der Protagonisten, der den Reiz dieser internationalen Koproduktion nach Thomas Engströms 2013 erschienenem Roman ausmacht. So wirken die ungleichen Männerfreunde Licht und Berner mit ihren überkommenen Codes und Ritualen wie Relikte aus einem vergangenen analogen Zeitalter.

Einmal versucht der CIA-Mann, seine neue Europachefin gar mit einem Chruschtschow-Zitat zu beeindrucken. Als sie ihm auf einer Konferenz in Kopenhagen seine Demission ankündigt, fließen Tränen auf dem Männerklo.

Hydraleaks-Kopf Lucien Gell dagegen ist sehr gegenwärtig angelegt: Lars Eidinger, exzentrisch mit blondiertem Haar und blau getönter Brille, erinnert nicht nur von Ferne an Wikileaks-Gründer Julian Assange. Wie er, im Keller einer Botschaft hausend, zwischen Yogaübungen und Schlagzeugspielen langsam dem Wahnsinn anheimfällt, gehört zu den eindrücklichsten Szenen des Zweiteilers.

Mit düsteren Neo-Noir-Bildern und kernigen Dialogen schafft die österreichische Regisseurin Barbara Eder eine Atmosphäre alter Pulp-Geschichten, die insgesamt recht erfolgreich überdeckt, dass der zweimal 100 Minuten umspannende Plot (in der Mediathek ist eine noch längere sechsteilige Fassung verfügbar) doch auch gewisse Längen hat.

Und selbst wenn die Synchronisation an manchen Stellen etwas holpert: Eine eigentümlich-melancholische Aura lässt sich "West of Liberty" nicht absprechen. Die bleibt auch in Teil zwei bestehen, der nicht nur mit einer beachtlichen Action-Eskalation, sondern auch einigen wirklich überraschenden Wendungen aufwartet.


"West of Liberty", Sonntag und Montag, jeweils 22.15 Uhr, ZDF; außerdem schon jetzt in einer sechsteiligen Fassung in der Mediathek

insgesamt 11 Beiträge
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Junimond 24.11.2019
1. Enttäuschender "Thriller"
Der positiven Kritik kann ich leider nach dem Konsum der Fassung in der Mediathek nicht zustimmen. Diese Serie funktioniert weder als Thriller (Handlung schleppend und grösstenteils nicht spannend genug, Plot arg konstruiert und unglaubwürdig) noch als Drama (Figuren unkomplex und unüberzeugend) und schon gar nicht als Persiflage (nicht lustig). Die optische Gestaltung ist eine schwache Kopie der grossartigen Scandi Noir Serien. Die SchauspielerInnen versuchen ihr Bestes, aber scheinen merkwürdig eingeengt durch die Überzeichnung ihrer Figuren im Drehbuch. Man bleibt ratlos zurück - es wirkt, als ob mit grösster Mühe ein cooler Film über Berlin für nicht-deutsche Zuschauer produziert werden sollte. Als politikinteressierte Berlinerin gehöre ich vielleicht einfach nicht zur richtigen Zielgruppe.
renft428 24.11.2019
2. Schrott !
Irgendwie kann ich es verstehen. Nieder mit den Gebühren! Hier ist nichts süffig! Schön wärs.
matt_bianco 24.11.2019
3. Oh ja, Längen hat sie...
...die Geschichte, in der sechsteiligen Version jede Menge. Wahrscheinlich ist der Zweiteiler hier die glücklichere Wahl. Wotan, dem ich in den Falke-Tatorten sonst eigentlich gerne zusehe, steht neben sich und bleibt unter seinen Möglichkeiten. Die besser gemachte Jagd nach dem Whistleblower findet sich bei Berlin Station Staffel eins. Da stimmt alles, Kamera, Plot, Besetzung und Musik. Schade, auf dem Papier klang es nach deutlich mehr.
Sonia 24.11.2019
4. Solche Filme
können nur die Amis und die BBC, ggf. noch die Franzosen. Ich sah Teil 1 in der Mediathek ...tschüss nach 40 Minuten. Wieder verschwendete öffentliche Mittel. Den Lobgesang auf diese Serie kann zumindest ich nicht nachvollziehen. Mich packt immer das Mitgefühl mit den Schauspielern, die so einen Schmarren spielen.
ttt 24.11.2019
5. Auf dem richtigen Weg
West of Liberty mit Berlin Station zu vergleichen, ist nicht fair. Für eine deutsche Serie ist sie tatsächlich gar nicht mal schlecht. Endlich mal was anderes als das übliche deutsche Serieneinerlei. Tatsächlich sollte man sich die Serie in der Mediathek im Original ansehen, da stimmen auch die Dialoge
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