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Piraten in Talkshows: Inhalte gesucht

Foto: NDR/ Morris Mac Matzen

Talk bei Illner und Beckmann Die freundliche Ahnungslosigkeit der Piraten

Keine Meinung zu Schlecker, keine Ahnung von Afghanistan? Bei der Saarland-Wahl haben die Piraten brilliert, nun sind ihre Antworten gefragt. Jetzt sitzen die neuen Politiker in den TV-Talkshows - und haben wenig zu sagen.

So viel Piratenpartei war selten: Bei "Maybrit Illner" im ZDF saß am Donnerstagabend der Berliner Piraten-Abgeordnete Christopher Lauer, der stellvertretende Bundesvorsitzende Bernd Schlömer besuchte gleichzeitig die "Phoenix Runde" und eine halbe Stunde später komplettierte Parteichef Sebastian Nerz bei "Beckmann" die Multikanalpräsenz. Piraten im Aufwind, FDP am Abgrund. So sieht das heute aus.

Überschattet wurde der Parteienstreit von einer tagesaktuellen Nachricht: Die FDP erinnerte sich an die Marktwirtschaft und wollte nicht für die von der Firmenpleite betroffenen Schlecker-Verkäuferinnen in die Bresche springen. Statt eines halben Jahres für die berufliche Umorientierung soll es für die 11.000 Angestellten nun direkt zur Arbeitsagentur gehen - Wahlkampf kann kalt sein.

Eine Steilvorlage für die SPD, die im ZDF bei Illner durch Kurt Beck, bei Beckmann von Generalsekretärin Andrea Nahles vertreten wurde. "Ich bin stinksauer auf die FDP", sagte Nahles dem liberalen Spitzenkandidaten in Nordrhein-Westfalen, Christian Lindner, der die Linie der FDP freundlich verteidigte. Welche Antworten haben die Piraten auf das Thema? Parteichef Nerz war erst ratlos - dafür habe seine Truppe kein Programm. Dann war er persönlich doch für eine Transfergesellschaft. Aber irgendwie auch für das Nein der Liberalen. Und dann tauchte Nerz für den Rest der Sendung vorsichtshalber ab.

Selbst bei Themen wie Nordrhein-Westfalen, Hartz IV und Staatsschulden hielt sich Nerz zurück. Selbst als Politik-Professor Christoph Butterwegge die Ablehnung der Piraten nach einer Einordnung nach links oder rechts im Parteienspektrum zerlegte, konnte - oder wollte - der Oberpirat nicht parieren. Dafür erwärmte sich Lindner für die Twitterkultur. Und Nahles freute sich, dass endlich jemand die verkrustete repräsentative Demokratie aufbrechen würde. Warum das die SPD nicht selbst erledigt, sondern es den Piraten überlässt, verriet die Sozialdemokratin aber nicht.

Schlagabtausch zwischen Beck und Lauer

Auch Armin Laschet, Mitglied im CDU-Bundesvorstand und ehemaliger Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen, fand lobende Worte für die neue Konkurrenz. "Spannend" nannte er die Piraten, "sympathisch", mit zum Teil wichtigen Anliegen. Sebastian Nerz war da schon selig weggelächelt. Wozu noch eigene Inhalte präsentieren, wenn schon die bloße Existenz der Partei solche Entzückung hervorruft? Sein Parteivize Schlömer erfuhr unterdessen auf Phönix vom Geschäftsführer von Infratest-dimap, Richard Hilmer, dass die Piraten Nichtwähler bekehren, weil die Volksparteien sich von der Bevölkerung abgekoppelt hätten. "Da ist kein Schwung in der Politik", ergänzte Jugendforscher Klaus Hurrelmann.

Andrea Nahles versuchte in der ARD, möglichst oft "wir müssen", "wir sehen aber auch" und "ich möchte klar sagen" in einem Satz unterzubringen. Und Piratenchef Nerz nickte schwungvoll dazu.

Dass die Piraten auch anders können, ließ sich im ZDF sehen. Dort versuchte sich Christopher Lauer an einer Attacke auf Kurt Beck. Warum der Ministerpräsident den Schlecker-Verkäuferinnen nicht helfe, in seinem Bundesland? Auch ohne die Zustimmung der FDP? "Sie haben doch keine Ahnung, wovon Sie reden", polterte Beck. Ginge doch nicht, die Rechtslage! Die ganze Nacht habe er telefoniert, um Schlecker zu retten. "Hat ja gut funktioniert", ätzte Lauer und lieferte dem Profi damit eine Steilvorlage. Beck bebte vor der Kamera: "Mir geht es heute dreckig, weil es Tausenden Menschen dreckig geht, denen wir hätten helfen können."

Die Auftritte der Piraten waren keine politische Offenbarung. Sie zeigten sich polemisch, etwa der schnodderige Lauer bei Illner. Sie können langweilige Standardsätze herunterbeten, so wie Nerz bei Beckmann. Sie können unaufgeregt ihre Arbeitsweise und ihre Positionen erklären, so wie Bernd Schlömer in der "Phoenix Runde".

Aber eine Antwort auf Schlecker haben die Piraten nicht. Auch nicht auf die Finanznot oder den Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen, jedenfalls noch nicht. Diese Unentschlossenheit wird kultiviert, die Piratenpartei verkauft sich als Alternative zu den angeblichen Alleswissern der anderen Parteien.

Als Lauer schließlich auch noch, es war die vierte Sendung am Abend mit Piratenbeteiligung, ketterauchend bei "Stuckrad Late Night" auf ZDF Neo saß, sprach es endlich einer aus. "Wie weit", wollte Benjamin von Stuckrad-Barre wissen, "kann man es mit dieser Masche bringen, keine Ahnung zu Afghanistan?" Was sich die anderen Parteien angesichts der Piratenerfolge nicht mehr so deutlich zu sagen trauen, stellte Stuckrad-Barre lapidar fest: "Mich beginnt es jetzt schon zu nerven."