"Wild im Wald" bei RTL II Menschen in Tierkostümen fallen über Hindernisse

Das Unterhaltungskonzept der RTL2-Show "Wild im Wald" ist schlicht. Sehr schlicht. In seinen besten Momenten ist es rührendes Fluchtfernsehen.

RTL II

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Womöglich haben die Macher von "Wild im Wald" nach endlosen, schmerzhaften Experimenten endlich die goldene Formel gefunden.

Womöglich ist dieses Format mit seiner Mischung aus Junggesellenabschiedskostüm, einer Dutzi-Dutzi-Variante des Parcours von "Ninja Warrior Germany" und dem beömmelungsintensivsten Traditionsspiel beim "Sommerhaus der Stars" tatsächlich die ultimative Eskapismus-Sause: Menschen in riesigen Waldtierkostümen müssen diverse Hindernisparcours überwinden, und weil sie unter den Fuchs-, Eulen- und Eichhörnchenköpfen nichts sehen können, müssen sie dabei den Richtungsanweisungen ihres unmaskierten Partners folgen - und natürlich purzelt ständig ein verzweifelter Dachs über einen Baumstamm oder verfängt sich ein desorientiertes Huhn im Gestrüpp.

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"Wild im Wald": Gut gepolstert, aber leider blind

Das könnte man nun halbherzig als perfekte Metapher auf das strauchelreiche Leben des Menschen sehen, der gefangen von den Zwängen und unter dem Druck der Gesellschaft fremdgesteuert durch das Dasein hetzt - aber das Schöne an "Wild im Wald" ist, dass es solche Bedeutungshubereien gar nicht braucht, weil es gar nicht mehr sein will, als eben eine Show, bei der sich Menschen in Tierkostümen ungeschickt anstellen und darum lustig sind.

In den Kostümen stecken keine Prominenten, man erfährt erfreulicherweise nur das Nötigste über die verwandtschaftlich, kumpelig oder liebesmäßig verbundenen Zweierteams, die Kostüme sind nicht verstörend wie bei "The Masked Singer" oder extra auf räudig getrimmt wie beim "Sommerhaus"-Parcours, Moderatorin Sonja Zietlow tritt nur sporadisch auf, die Stimmung der Sendung ist nicht einmal besonders überdreht oder hysterisch.

Es geht hier nicht um viel, nicht mal für die Gewinner: Das siegreiche Tier-Lotse-Gespann bekommt 5000 Euro (geteilt durch zwei) plus eine Reise nach Ägypten. Entstanden ist "Wild im Wald" übrigens nicht in der RTL2-eigenen Trashmanufaktur, es ist eine Adaption des britischen Originals "Wild Things".

"Wild im Wald" verweist auf nichts, genau das macht seine Qualitäten als Fluchtfernsehformat aus, es ist kein aufregendes Event, sondern anlasslose Ablenkung: Man schaut zu und lacht, weil die Ente den Fuchs schubst, bevor sie selbst dreimal hintereinander von einem schwingenden Hummel-Pendel niedergestreckt wird.

Man kichert, weil sich die Eule so unbeholfen auf der Drehscheibe wälzt. Fast stört es einen schon, als sich die Dachs-Kostümierte und ihr Lotse wegen des anhaltenden Misserfolgs in die Haare kriegen und sich dabei trotzdem noch beständig "Babe" nennen, weil man einfach nur in Ruhe anschauen will, wie jetzt der Fuchs die Ente tackelt. Man kann sich das wirklich gut anschauen, es wirkt eigenartig entspannend.

Es sind dann aber interessanterweise vor allem die Momente zwischen den Spielen, die einen rühren und für das Format einnehmen: Die Bilder von deprimiert herumstehenden Kostümtieren, die gerade wegen ihrer Minderleistung beim Fliegenpilz-Überwinden ausgeschieden sind. Die Ente, die mit echter Verzweiflung barmt: "Mein Gott, es kann doch nicht sein, dass ich in meinem Leben nie was gewinne."

Die Momente eben, in denen einem diese überlebensgroßen, auf niedlich getrimmten Waldtiere einfach nur wahnsinnig menschlich vorkommen.

Anja Rützel über Sexismus im Trash-TV


insgesamt 15 Beiträge
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mannausbonn 17.09.2019
1. mag ja alles stimmen ...
aber wofür ist so ein driss gut? ich hoffe daher sehr, dass dieser - vermutlich dennoch - bittere kelch an "fernsehunterhaltung" an mir vorübergeht!!!
moriar 17.09.2019
2. und demnächst
Tpfschlagen live im TV? Yeah....
Hudson, Jane 17.09.2019
3. Für immer frei!
Es ist die vollkommene Regression. Sehr viele Menschen wären glücklich, wenn ihnen ihr Dünkel nicht den Weg zur Erlösung versperren würde. Es kommt der Tag, an welchem wir durch RTL neu geboren werden. Für immer frei! Sag ja zu dem an dir, was nicht mehr kann und nicht mehr will.
ta_bea 17.09.2019
4. Empfehlenswerte Sendung zur Entspannung
ich habe die Sendung gestern geschaut und Tränen gelacht. Nicht aus Schadenfreude sondern weil es so verdammt putzig aussah. Es ist erstaunlich unterhaltend und heiter sinnbefreit und man kann gut entspannen. So ähnlich wie bei Takeshi's Castle!!! Ein Format, dass immer noch Masstäbe setzt. eine gute Rezension der Sendung. Ich schaue nie solche Formate: DschungelCamp etc. interessieren mich nicht. Doch dieses Format will erleichenderweise nicht merh sein als es ist: Gute Unterhaltung
mynonys22 17.09.2019
5. ein weiterer Grund
wieso ich keinen Kabelanschluss/Satelitenanschluss mehr habe, Netflix und Prime bieten mir alles und noch mehr.
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