ZDF-Psychothriller Mit Matthias Brandt in den Abgrund

Suff, Gewalt, Chopin: Der Seelen-Schocker "Wir wären andere Menschen" erzählt von einem Traumatisierten auf Rachekurs. Harter Stoff, vom ZDF-Jugendschutz in die Nacht verdammt.
Phlegma und Ausbruch: Matthias Brandt als Fahrschullehrer Rupert

Phlegma und Ausbruch: Matthias Brandt als Fahrschullehrer Rupert

Foto: MARTIN VALENTIN MENKE/ Martin Valentin Menke/ ZDF

Erinnerungen lassen sich nicht ertränken. Menschen schon. In diesem Film sehen wir Matthias Brandt als seelisch versehrten Fahrschullehrer, der in seiner Jugend mit ansehen musste, wie seine Eltern bei einem aus dem Ruder laufenden Polizeieinsatz von Beamten erschossen wurden, und der mehr als 30 Jahre später noch immer die in seinem Kopf herumspukenden Bilder von damals mit Kölsch und Schnaps wegzuspülen versucht.

Hilft natürlich nichts. Um endlich Frieden zu finden, beschließt der Mann, einen der Polizisten von damals im Rhein zu ertränken. Hilft natürlich auch nichts, die Bilder spuken weiter.

Der Regisseur Jan Bonny hat für seinen Trauma-Thriller "Wir wären andere Menschen" eine abgeschiedene Welt inszeniert, die auch die größten Erschütterungen nicht aus dem Takt zu bringen scheinen. Der Rhein fließt, das Kölsch auch, alles bleibt beim Alten. Gedreht hat Bonny seine TV-Produktion - die Vorlage lieferte eine Erzählung Friedrich Anis mit dem Titel "Rupert" - in dem Örtchen Hemmerich im Vorgebirge südlich von Köln, wo er das perfekte Stillstand-Setting vorfand: altes, verwittertes, westdeutsches Hinterland, das der Regisseur zu Piano-Etüden von Chopin ins Bild setzt. Der Film ist zugleich grausam und zärtlich.

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Ruperts Rachefeldzug

Foto: MARTIN_VALENTIN_MENKE/ Martin Valentin Menke/ ZDF

Zentraler Ort der Handlung ist der Tennisklub, wo man aus der beigen Resopalverkleidung der angeschlossenen Gaststätte noch das Odeur der Achtzigerjahre-Provinzschickeria wahrzunehmen glaubt: die Ochsenschwanzsuppe, das Kouros-Aftershave und den Schweiß misslungener Aufstiegsanstrengungen. Hier trifft der von Brandt gespielte Fahrlehrer Rupert Seidlein auch auf die inzwischen pensionierten Polizisten (Manfred Zapatka und Paul Faßnacht), die einst seine Eltern in deren Eigenheim getötet haben und dafür nie zur Rechenschaft gezogen wurden.

Die Gespenster der Vergangenheit

Bonny und sein Hauptdarsteller Brandt haben schon oft zusammengearbeitet, mit dem Gewaltdrama "Gegenüber" fanden sie 2007 am Anfang ihrer Karrieren zusammen; es folgten kontroverse Münchner "Polizeirufe" wie zuletzt das Neonazi-Drama "Das Gespenst der Freiheit", ebenfalls im hässlichen Resopal-Look gefilmt. In dem neuen ZDF-Krimi verkörpert Brandt nun den Hemmerich-Heimkehrer, der nach Jahren der Abwesenheit geduckt und nuschelnd durch einen Ort zieht, für den er nur Abscheu empfindet.

Brandt spielt großartig, Phlegma und Ausbruch liegen in seinem Stammler Rupert beängstigend dicht beisammen. Doch Bonny-Filme sind immer auch Ensemblefilme, in denen die mit ihrem Innenleben hadernden Figuren umeinander herumtaumeln und gegeneinander schlagen, bis die Funken fliegen und sie sich gegenseitig in Brand stecken.

Für das ZDF war Bonnys Technik, sein Theater der äußersten Konfrontation, dann wohl doch zu starker Tobak - der Jugendschutzbeauftragte der Anstalt wies die Redaktion an, den Film, der eigentlich für die Montagsprimetime in Auftrag gegeben worden war, im Nachtprogramm zu platzieren. Am Donnerstag wird er um 23.15 Uhr linear ausgestrahlt, schon jetzt steht er mit Jugendschutzhinweis in der Mediathek.

Andere Sender andere Sitten?

Das wirft die Frage auf, nach welchen Kriterien die Sender ihre Jugendschutzmaßnahmen einleiten. Da hat offenbar jedes Haus seine eigenen, das kann man anhand von Bonny-Filmen gut nachzeichnen. Wir wollen jetzt nicht knickerig Sex- und Gewaltszenen gegeneinander aufrechnen - aber wir verstehen nicht ganz, weshalb zum Beispiel das enthemmte Rudelsumpfen in Bonnys Fasnacht-"Tatort" aus dem Schwarzwald oder das knochenbrecherische Selbstzerlegungsballett in seinem Kieler-Woche-"Tatort" zur besten Sendezeit der ARD laufen konnten, während der Seelen-Schocker "Wir wären andere Menschen" mit seinen vergleichsweise reduzierten Sex- und Gewaltszenen den Ab-16-Stempel bekommen hat.

Nach einem Tennisklub-Besäufnis von Rupert und einem der Ex-Polizisten, der die Eltern getötet hat, sieht man die beiden Männer bei sich zu Hause beim Sex mit ihren Frauen. Der Traumatisierte stößt frustriert seine Frau von sich runter, weil er keine Erektion bekommt; der Ex-Bulle torkelt nach vollzogenem Beischlaf auf die Toilette, "ich wichs noch mal", sagt er zu seiner Frau, die Wirkung des Viagra will einfach nicht aufhören. Kam es wegen dieser Parallelmontage zum Thema Lust und Verdrängung zur FSK-Einstufung?

Oder war der Grund dafür, dass es in diesem Fernsehkrimi keine Ermittlerinstanz gibt, die Ruperts Rachefeldzug kriminalistisch und moralisch begleitet, so wie sich das für einen ZDF-Primetime-Film gehört? Wir sind ein wenig ratlos und empfehlen dringend den Besuch der ZDF-Mediathek.

"Wir wären andere Menschen", ab Mittwoch in der ZDF-Mediathek sowie Donnerstag, 23.15 Uhr, ZDF

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