Doku »Wirecard – Die Milliarden-Lüge« Der wahre Krimi

Nach dem RTL-Dokudrama kommt jetzt eine zweite Verfilmung zum Wirecard-Skandal ins TV, diesmal eine ARD/Sky-Doku. Die konzentriert sich auf die Fakten – und ist viel besser.
»Wirecard – Die Milliarden-Lüge« (Symbolbild): die eigentümliche Magie des Erfolgs

»Wirecard – Die Milliarden-Lüge« (Symbolbild): die eigentümliche Magie des Erfolgs

Foto: SFFP / Ness Whyte / Sky

Keine drei Wochen hat Pavandeep Singh Gill gebraucht, um seinem Arbeitgeber in Singapur auf die Schliche zu kommen. Obwohl er das gar nicht beabsichtigte, nur helfen wollte. Angestellt wurde der Fachmann für Unternehmensrecht 2017, um das Asiengeschäft von Wirecard zu überwachen. Am Ende war er seinem Mut, seiner Beharrlichkeit und seinen Informationen zu verdanken, dass der Schwindel nicht noch länger dauerte.

Anders als das RTL-Dokudrama »Der große Fake« braucht »Wirecard – Die Milliarden-Lüge« (Sky/ARD) keine Schauspieler, keine kalten Kamerafilter für Europa und keine warmen Brauntöne für Asien. Als Dokumentation setzt dieser Film ganz auf die Macht des Faktischen. Auf das, was passiert ist. Auf Menschen, die dabei waren und darüber reden wollen. Die etwas geahnt hatten, die etwas wussten, damit aber nicht durchdringen konnten.

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»Wirecard – Die Milliarden-Lüge«

Foto: SFFP / Jo Molitoris / Sky

Menschen wie der Blogger JigaJig aus München, der Börsenspekulant Matthew Earl aus London. Und eben Gill aus Singapur, der sich von seiner Mutter hatte ermutigen lassen, seine Erkenntnisse an Dan McCrum von der »Financial Times« weiterzuleiten – gegen den dann selbst Ermittlungen eingeleitet wurden.

Ähnlich erging es Matthew Earl. Als Börsenspekulant war er auf der Suche nach Schwachstellen in Unternehmen, gegen die er dann wetten könnte. Bei Wirecard sah er nicht nur Schwachstellen, sondern »jeden Aspekt betrügerischer Unternehmensaktivität abgedeckt: Geldwäsche, Scheingeschäfte, aufgeblasene Umsätze«.

Whistleblower gegen das deutsches Börsenwunder

Persönlich rief Earl die Hotline der Bundesaufsicht für Finanzen (BaFin) an. Ohne Erfolg, im Gegenteil. Wer sich gegen Wirecard wandte, galt den Behörden als lästiger Querulant, der dem deutschen Börsenwunder übel mitspielen wollte. Das musste verhindert werden, notfalls mit Ermittlungen nicht gegen das Unternehmen, sondern die Whistleblower.

In wenigen, aber effektiven Spielszenen spielen sich die Akteure selbst. Wir sehen Earl, wie er abends Besuch von kräftigen Leuten bekommt, die Wirecard ihm auf den Hals gehetzt hat. Wir sehen JigaJig, der wie ein Besessener – denn er war besessen – grimmig über Skizzen mit Verbindungen und Querverweisen grübelt, als wär’s ein Krimi. Denn es war ein Krimi.

Und der ist noch lange nicht vorbei. Benji und Jono Bergmann inszenieren ihren Film zwar rund um die Akteure, die Wirecard am Ende zu Fall bringen sollten. Ihr Ankämpfen gegen Windmühlen wird beinahe körperlich spürbar. Es teilt sich aber auch das Unverständnis mit, wie das alles hat passieren können – und ob nicht Wirtschaftsprüfer, ob die nicht die BaFin selbst Teil dieser Finanzmafia gewesen sein könnte.

Fragen, die – hoffentlich – vor Gericht zu klären sind. Möglicherweise wirkte aber auch bei jenen, die es besser hätten wissen können, die eigentümliche Magie des Erfolgs.

»Im Kern kriminell«

Auskunft erteilt auch Jörn Leogrande, unter anderem Marketing-Chef und über 15 Jahre tätig für das Unternehmen. Er schildert, wovon beinahe alle Mitarbeiter erzählen, von der Scham und dem Unverständnis darüber, unwissentlich für eine »im Kern kriminelle« Sache gearbeitet zu haben.

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Sogar Gill glaubte lange, mit seinen Nachforschungen zu Luftbuchungen, Scheingeschäften und ausbleibenden Gewinnen den Chefs in Aschheim bei München einen großen Dienst zu erweisen – bis er wegen seiner Neugier aus dem Unternehmen gedrängt, bedroht und durch Jan Marsalek höchstpersönlich ersetzt wurde.

Dessen Geschichte, wenn er dann erwischt worden sein wird, würde man auch noch gerne verfilmt sehen.

Der Dokumentarfilm »Wirecard – Die Milliarden-Lüge« ist am 27. Mai um 20.15 auf Sky Crime zu sehen, danach auf Abruf über Sky Ticket und Sky Q.

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