»Your Life Is A Joke« mit Oliver Polak Mutig ist, wer keine Eier hat

Ein Netflix-Special zeigt Oliver Polak als den Heizstrahler der deutschen Comedy: Er produziert eine solche menschliche Wärme, dass auch die Schutzschilde der skeptischsten Gäste bald abschmelzen.
Comedian Polak: Große komische Unterhaltung

Comedian Polak: Große komische Unterhaltung

Foto: Netflix

Zu den hartnäckigsten und zugleich ordinärsten Redewendungen unserer Zeit gehört die Phrase, ein Mensch (m/w/d) habe »Eier« oder endlich mal »Eier gezeigt«. Als wären die männlichen Keimdrüsen, wie sie so zwischen den Oberschenkeln schaukeln, nicht die empfindlichste und angreifbarste Stelle des Körpers überhaupt. Sinn ergäbe der Quatsch höchstens umgekehrt. Mutig und schmerzfrei ist, wer keine Eier hat.

So wie Oliver Polak, 45, Comedian, Kolumnist, Sänger, Tänzer, neuerdings sogar König.

Die Sache mit den Testikeln – und wie sie ihm krankheitsbedingt abhandenkamen – erzählt er selbst im Baumarkt, zwischen Kettensägen und Auslegeware, als anzügliche Schnurre so nebenbei. Und wie sein Zuhörer, Christian Ulmen, angesichts der bizarren Geschichte um die richtige Haltung ringt und die dann auch tatsächlich findet und einnimmt, gehört zu den Höhepunkten von Polaks Netflix-Special »Your Life Is A Joke«.

Der Mann nichts Lauerndes

Das Konzept ist simpel, eine Mischung aus Blind Date, »Carpool Karaoke« und Stand-up. Ein Roadmovie en miniature, bei dem Polak mit Menschen, die er höchstens flüchtig kennt, im goldenen Opel Manta durch die Großstadt rollt – für den Anfang sind das Ulmen, die Rapperin Nura und die Sängerin Jennifer Weist. Es wird geredet, hin und wieder singt Polak ein Lied, und am Abend dann gibt es vor Publikum einen Roast – spöttische Witze auf Grundlage dessen, was ihm seine Gäste im Laufe des Tages unvorsichtigerweise erzählt haben.

Diese finale Vorstellung dient der Dramaturgie und ist ganz nett, weil Polak dabei oft Beobachtungen überspitzt, die man als Zuschauer auch gemacht hat. Der eigentliche Spaß allerdings ist die Zeit, die der Komödiant mit seinen »Opfern« verbringt.

Das beginnt schon mit dem Titelsong aus dem Autoradio, den Polak seinen Beifahrerinnen vorsingt, eine sahnige Komposition von Carsten Meyer alias Erobique. Immer wieder wird er seine Gäste antanzen, ansingen, anschmachten und auf diese Weise in den sanften Schwitzkasten seiner Zuwendung zu nehmen – Christian Ulmen etwa in der Autowaschanlage. Dort bleibt bei aller Besinnlichkeit trotzdem Zeit, anlässlich des schäumenden und spritzenden Wassers über gewisse pornografische Praktiken zu philosophieren.

Ulmen, Polak: Bezaubernde Szenen

Ulmen, Polak: Bezaubernde Szenen

Foto: Netflix

Polak inszeniert sich allein mit seiner raumfüllenden Körperlichkeit als Figur, von der keine echte Gefahr ausgeht. Der Mann hat nichts Lauerndes, will niemandem »auf die Schliche kommen«, wirkt aufrichtig interessiert. Mit dieser umarmenden und entwaffnenden Herzlichkeit schafft er es, selbst reserviertere Menschen zum Reden zu bringen, auch über ihre eigenen Verletzbarkeiten.

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Sei es Jennifer Weist, die das komplizierte Verhältnis zu ihrem Vater thematisiert. Sei es Nura, die von der Migrationsgeschichte ihrer Mutter erzählt und Deutschland toll findet, auch wenn sie – zum Entsetzen von Polak – bis heute keinen Pass hat. Sie hofft einfach, dass Deutschland sie eines Tages »im Team« haben wolle.

An den Gästen liegt es, wohin die Reise geht. Mit Ulmen etwa in den Baumarkt oder ins Edelrestaurant in Potsdam, mit Nura ins Nagelstudio oder zur Wahrsagerin – der Polak mit belustigter Skepsis begegnet. Das Jüdische ist immer ein dezenter Teil seiner Rolle, etwa wenn die Wahrsagerin das Geburtsdatum der Rapperin erwähnt: »Joa, Geburtstag 88, ist ja eh 'ne Glückszahl in Deutschland«.

Bezaubernde Szenen gibt es etwa dann, wenn Ulmen und Polak sich beim Baden im Heiligen See in Potsdam wortlos aneinander klammern, weil es so kalt ist, und Polak nach einer Weile sagt: »Ich finde, das ist auch Glück, dass wir jetzt einfach hier sein können, im Wasser.« Zuvor hat Ulmen verraten, dass er zwar Freunde habe, »mir nahe stehende Menschen, aber ich bin tatsächlich echt sehr gerne allein«.

»Your Life Is A Joke« zeigt Polak als den Heizstrahler der deutschen Comedy. Er produziert eine solche menschliche Wärme, dass die Schutzschilde noch der skeptischsten Gäste bald abschmelzen. Ein Vergnügen ist diese kleine Serie vor allem deshalb, weil in den Gesichtern so viel passiert. In ihrer Mimik lässt sich verfolgen, wie sie alle Aggregatzustände durchlaufen – von der Unsicherheit über das Schämen und die trotzige Selbstbehauptung bis zur Öffnung, als wären da gar keine Kameras.

Dann hat Polak sie da, wo er sie haben wollte, das merkt er sich für den Abend. Und erst bei der Stand-up-Routine kommt sanft ins Spiel, was man tagsüber beim Rumfahren mit dem Manta gar nicht vermisst hat: Ironie.

Darauf weitestgehend verzichten und trotzdem große komische Unterhaltung machen kann nur, wer wirklich mutig und schmerzfrei ist.

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