ZDF-Dokudrama "Dutschke" Ein Held aus Streit

Rudi Dutschke und kein Ende: Fast ein Jahr mühte sich das ZDF ab, einen Sendeplatz für das Porträt des streitbaren Studentenführers zu finden. Nun wird es gezeigt - und löst eine neue Debatte aus. Tatsächlich gehört "Dutschke" zum Sperrigsten, was es in der Prime-Time zu sehen gibt. Und zum Besten.

Tschombé-Demo: Dutschke (Christoph Bach) lässt sich vom Polizeiaufgebot nicht beirren
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Tschombé-Demo: Dutschke (Christoph Bach) lässt sich vom Polizeiaufgebot nicht beirren

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Wenn alle sich streiten, können sich ausnahmsweise zwei freuen. Um keinen TV-Film gab es in den vergangenen Jahren so viel Gezerre wie um "Dutschke", die filmische Annäherung an den legendären Studentenführer, die das ZDF am Dienstagabend um 20.15 Uhr zeigt. Fast ein Jahr hielt das Zweite die Filmemacher mit einem Sendetermin hin. Zu sperrig erschien den Programmplanern wohl der Mix aus Interviews und Spielszenen für die Prime-Time. Und seit der Premiere auf dem Filmfest München im Juni 2009 streiten Kritiker auch um die inhaltliche Schwerpunktsetzung des Films. Ist Rudi Dutschke zu freundlich gezeichnet? Musste der rechte Konvertit Bernd Rabehl so viel Raum zugestanden bekommen?

Daniel Nocke (Buch) und Stefan Krohmer (Regie) dürften die Kontroversen um ihren Film trotzdem mehr als recht sein. Ihr Dutschke ist nämlich aus Streit gemacht - aus dem Streit um das beste politische System, den der SDS-Chef selbst angezettelt hat, und dem Streit um Dutschkes politisches Erbe, der bis heute in Deutschland geführt wird.

Sowohl Kritiker als auch Wegbegleiter lassen Krohmer und Nocke in ausführlichen Interviewpassagen zu Wort kommen. Mitstreiter Gaston Salvatore erzählt zum Beispiel mitreißend von seinen und Rudis Heldentaten - nur um im nächsten Moment von Bernd Rabehl eins auf die Mütze zu bekommen. Mehr als ein Chauffeur wäre der Chilene doch nie gewesen. Ehefrau Gretchen Dutschke hingegen wird als naives Muttchen dargestellt, um postwendend selbst zu Wort zu kommen. Und der Politologe Wolfgang Kraushaar sieht genügend Hinweise darauf, dass Dutschke Gewalt als letztes Mittel im Kampf gegen den Kapitalismus befürwortet habe.

"Erschreckend oberflächlich und primitiv"

An solche Momente schließen Krohmer und Nocke ihre Spielszenen an. In ausgewählten Episoden - von der politischen Initialzündung beim Schah-Besuch 1967 bis zum stillen Tod am Heiligabend 1979 - wird Dutschkes Leben nachgestellt, mit einem großartigen Christoph Bach in der Titelrolle. Doch auch diese Szenen sind nicht eindeutig, sondern als Interpretationen der Filmemacher kenntlich gemacht.

An einer Stelle sieht man zum Beispiel, wie der Mailänder Verleger Giangiacomo Feltrinelli Dutschke mit Dynamitstangen für mögliche Anschläge beliefert, dieser den Sprengstoff aber in einem Kanal sicher entsorgt. Durch Wolfgang Kraushaars Ausführungen ist der Zuschauer aber darauf vorbereitet, diese Episode nicht als historisch bare Münze zu nehmen. So legen Krohmer und Nocke ihre Deutungen der Person Dutschke offen und überlassen sie der öffentlichen Inspektion.

Diese Auseinandersetzung hat in den vergangenen Monaten begonnen: Gretchen Dutschke hat sich den Film angeschaut und ihn erst bei der zweiten Sichtung ein "bisschen besser" gefunden. Der haltlosen Kritik an ihrer Person wäre zu viel Platz eingeräumt worden. Der "FAS"-Journalist Claudius Seidl hingegen, der im Film vor allem als ästhetischer Kritiker Dutschkes auftritt, hat die Hauptfigur als sehr geschönt empfunden. Bei "taz"-Urgestein und Dutschke-Mitstreiter Christian Semler stieß der Film ebenfalls nicht auf Gegenliebe, "erschreckend oberflächlich und primitiv" urteilte ihn der Grünen-Politiker Milan Horacek ab. Die "FAZ" wiederum war gelangweilt von dem Werk ("So dröge sahen die Achtundsechziger selten aus"), die "Welt" erkannte indes Geschichtsklitterung in einzelnen Passagen ( andere fanden eher die Ausführungen der "Welt" dubios ).

Wurde je über ein Helmut-Kohl-Porträt oder eine Willy-Brandt-Biografie so leidenschaftlich gestritten? Nein, denn Rudi Dutschke bleibt eine Person, die man liebt zu lieben oder liebt zu hassen. Krohmer und Nocke haben dies erkannt und in einem Film eingefangen. Wer sie jetzt dafür kritisiert, gibt ihnen gleichzeitig auch Recht. Denn im Streit lebt der Geist von Rudi Dutschke weiter.


"Dutschke", 20.15 Uhr, ZDF

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
Ridcully 27.04.2010
1. Mal ehrlich ...
... mir als "Spätgeborenem" bleibt der Hype um Dutschke nach dem Ansehen etlicher Filmdokumente ähnlich unverständlich wie der um Adolf ... nun ja, tempora mutantur et nos mutamur in illis
moeski 27.04.2010
2. Starke Wahl
Ein Jahr Streit und das kommt dabei raus. Ein Sendeplatz in direkter Konkurrenz zum CL Halbfinal-Rückspiel des FC Bayern München. Verspricht grandiose Quoten für "Dutschke".
semper fi, 27.04.2010
3. -
Zitat von sysop"Dutschke" und kein Ende: Fast ein Jahr mühte sich das ZDF ab, einen Sendeplatz für das Porträt des umstrittenen Studentenführers zu finden. Nun wird es gezeigt - und löst eine neue Debatte aus. Tatsächlich gehört "Dutschke" zum Sperrigsten, was es in der Prime-Time zu sehen gibt - und zum Besten. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,691460,00.html
"... die man liebt zu lieben oder liebt zu hassen." Ja, das trifft wohl heute immer noch zu. Vor allen Dingen hat ganz offensichtlich der Springer-Verlag immer noch ein sehr gestörtes Verhältnis zu Dutschke und zu dem, was vor mehr als 30 Jahren geschehen ist. Anders kann ich mir diese Schlagzeile *"Historische Fakten im "Dutschke"-Drama gefälscht"* (http://www.welt.de/fernsehen/article7340948/Historische-Fakten-im-Dutschke-Drama-gefaelscht.html) nicht erklären. Zu dieser Schlagzeile passt auch, dass die Ermordung von Ohnesorg in der Welt dahingehend verniedlicht wird, dass Kurass ja SED-Mitglied gewesen sei. Dass dieser Mörder aber von seinen Vorgesetzten und Kollegen bis zum geht nicht mehr gedeckt wurde, dass steht in dem Artikel nicht. Das nenne ich schon "blanker Hass". Und das alles, weil Dutschke damals die "Ikone" Springer angegriffen hat. Diese Angriffe fand ich berechtigt; die auf die Person und die auf den Verlag. Ansonsten mochte ich Dutschke damals nicht, ich mag ihn in der Retrospektive auch nicht. Das Attentat auf ihn tut mir leid, das hatte er nicht verdient. Und den Film werde ich mir garantiert nicht anschauen. Dutschke ist bestenfalls ein "Figürchen" der Zeitgeschichte, nicht wichtig.
olicrom 27.04.2010
4. Welcher Hype...
Zitat von Ridcully... mir als "Spätgeborenem" bleibt der Hype um Dutschke nach dem Ansehen etlicher Filmdokumente ähnlich unverständlich wie der um Adolf ... nun ja, tempora mutantur et nos mutamur in illis
... ist denn dann genehmer?
Transmitter, 27.04.2010
5. Gespenster der Vergangenheit
Zitat von Ridcully... mir als "Spätgeborenem" bleibt der Hype um Dutschke nach dem Ansehen etlicher Filmdokumente ähnlich unverständlich wie der um Adolf ... nun ja, tempora mutantur et nos mutamur in illis
Seltsam unwirklich, fern aller Realtität, wirken diese s/w-Filme und Fotos von Dutschke und Genossen heute in der Tat. Und tatsächlich gibt es optische wie akustische Parallelen zu vielen Filmclips über die Nazizeit. Dieselben, sich überschnappenden, lauten Schreiereien bei den Propagandareden, dieselben atemlos verzerrten Gesichter der Redner, der sprichwörtliche "Schaum vor dem Mund", dieselben fanatisch blitzenden Augen. . . . Schon seltsam, oder nicht? Die politische Situations- und Geschichtsanalyse wird im Vergleich dazu fast schon unwichtig. In beiden Fällen propagieren fanatisch schreiende Redner und Führer politische Heilsideen, die sie im Zweifel gegen ihre Gegner mit Gewalt durchsetzen wollen. In beiden Fällen wird "das Volk" beschworen, das Volk also, das letztlich ja gerettet werden soll. Es waren wohl schon komische und aufregende Zeiten bei den Nazis und den 68er-Revolutionären damals. Kein Wunder, dass "die Alten" noch heute davon schwärmen.
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