Hoeneß-Doku-Drama Uli Allmächtig

Zu viel Doku, zu wenig Drama: Die sehr rechtschaffene ZDF-Produktion "Uli Hoeneß - Der Patriarch" traut sich zu wenig. Und manchmal ist sie sogar unfreiwillig komisch.

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Der beruhigende Satz wird gleich zu Beginn eingeblendet: "Dieser Film basiert auf wahren Begebenheiten und wortgetreuen Mitschriften der Prozessbeobachter." Gott sei Dank, werden da viele Fernsehzuschauer denken, jetzt kriegen wir nur Wahres, Authentisches und Genaues geliefert, keine dramatischen Freiheiten oder Überhöhungen, wie es sich Spielfilme oft herausnehmen.

Damit das auch klar wird, haben sich das ZDF und Regisseur Christian Twente für ein Doku-Drama entschieden. Nachgespielte Szenen werden ergänzt durch Interviews und historische Aufnahmen, was meistens so spannend ist, wie sich das anhört. Und was etwas ganz anderes ist als beispielsweise die frivole Satireklamotte "Die Udo-Honig-Story" mit Uwe Ochsenknecht in der Hauptrolle, die am 8. September auf Sat.1 läuft.

Dabei fängt "Uli Hoeneß - Der Patriarch" toll an. Hoeneß steht im Gerichtssaal und macht den Eindruck, als wisse er immer noch nicht so recht, was er dort soll, und gerade, als ein wenig Gerichtssaal-Atmosphäre und ein erstes Gefühl für die Charaktere aufkommt, kommt der erste harte Schnitt und die erste erklärende Aussage: Annette Ramelsberger, Gerichtsreporterin, darf noch einmal erklären, was für einen Eindruck Hoeneß, der Staatsanwalt, der Richter und der Verteidiger auf sie im Gerichtssaal gemacht haben.

Schwupps, da hat sie uns wieder, die öde deutsche Doku-Drama-Wirklichkeit. Wäre auch zu viel verlangt, dass das Drama des Uli Hoeneß allein auf Spielfilmszenen und der Vorstellungskraft des Zuschauers vertraut.

Jeder darf seinen Senf dazugeben

Dabei hätte Regisseur Twente ruhig darauf setzen können. Er hat tolle Schauspieler versammelt, allen voran den bulligen Thomas Thieme als Uli Hoeneß, und die Fakten sind sowieso bekannt.

Hoeneß, seit Jahrzehnten als Manager und später als Präsident des FC Bayern eine der erfolgreichsten, schillerndsten und gleichzeitig umstrittensten Personen des Fußballs und zudem sogar als moralische Größe in Wirtschaft und Politik anerkannt, verzockt sich im wahrsten Sinne des Wortes an der Börse und wird im Frühjahr 2014 wegen Steuerhinterziehung von 28,5 Mio. Euro zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Mittlerweile ist er Freigänger und arbeitet tagsüber in der Jugendabteilung des FC Bayern und kann frühestens im März 2016 auf Bewährung entlassen werden.

Das bietet genug Stoff für Drama, aber stattdessen fängt der Film nach den ersten Szenen im Gerichtssaal noch mal ganz von vorne an. Der junge Uli, der schon als Heranwachsender in der elterlichen Metzgerei in Ulm in Sachen Geld ein wenig gescheiter ist als andere ("Vater, warum verkaufst du deine Wurst eigentlich nur im Laden?") und später als Fußballer beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft Karriere macht. Weltmeister wird er 1974, und jede nachgespielte Szene aus dieser Zeit kann ihren Holzhammer nicht verhehlen: Schaut mal, der Uli hat schon immer "ein erotisches Verhältnis zu Geld gehabt", wie Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger einmal seinen Vorgänger Egidius Braun zitiert.

Jeder gibt seinen Senf dazu

So springt der Film in der Mitte zwischen den Zeiten und zwischen realen und gespielten Szenen hin und her, und fast jeder, der mal irgendwie mit Fußball zu tun hatte, darf seinen Senf zum Fall Hoeneß dazugeben. Biograf, Jugendtrainer, Fußballhistoriker, Journalisten wie Manni Breuckmann, Philipp Köster oder Werner Hansch, Weggefährten wie Willi Lemke, Reiner Calmund oder Clemens Tönnies oder auch Münchens ehemaliger Oberbürgermeister Christian Ude, der noch die intelligentesten Sachen beizutragen hat, vielleicht, weil er doch enger an ihm dran war als die anderen.

Trotzdem bleibt es die mit Abstand schwächste Phase des Films, und auch die Versuche, mit gespielten Szenen aus dem Bayern-Bus zu erklären, warum Hoeneß nach und nach zum Zocker wurde, sorgen eher für heitere Momente: Wer ist auf die Idee gekommen, Bayern-Spieler Jens Jeremies mit dem ehemaligen GZSZ-Star Andreas Elsholz mit Ziegenbart zu besetzen? Und wer sitzt da vorne schweigend im Bus und spielt Oliver Kahn? Ist das etwa Kahn selbst? Der zu dieser Zeit von Robert Stadlober gemimte Hoeneß sitzt derweil am Schafskopf-Tisch, zockt aber lieber mit seinem "Pager" an den internationalen Aktienmärkten.

Stärker wird der Film erst wieder, wenn Thieme als Hoeneß der Neuzeit so langsam nach den ersten Anrufen von seiner Schweizer Bank klar wird, dass er vielleicht tatsächlich bald im Gerichtssaal landen könnte. Oder hat er das immer noch nicht geglaubt, selbst als die Staatsanwalt und die Steuerfahndung bei ihm zu Hause am Tegernsee auftauchten und er dem Haftrichter vorgeführt wurde?

Auch seine Familie hatte wohl von seiner Zockerei irgendwann genug, aber das wird leider wie einige andere Dinge nur angerissen - wahrscheinlich, weil man sich dafür mehr dramatische Freiheiten hätte herausnehmen müssen. Aber nein, so was geht halt nicht in einem Doku-Drama.

Stattdessen blenden die Filmemacher nach einigen der spannenderen Szenen im Gerichtssaal tatsächlich den Sprecher der Staatsanwaltschaft ein, der das alles noch einmal im staubtrockenen Gerichtsdeutsch erklärt. Jede Werbepause an dieser Stelle wäre spannender gewesen. Man möchte die Verantwortlichen fast schütteln vor Zorn ob solcher Grausamkeiten, Doku hin oder her, denn wenn sie den Mut gehabt hätten, sich auf diesen Abschnitt im Leben des Uli Hoeneß zu konzentrieren, sich Freiheiten zu nehmen und alles Erklärende wegzulassen, dann hätte etwas Großes entstehen können. Und nicht nur etwas halbwegs Interessantes.


"Uli Hoeneß - Der Patriarch", 27.8., ZDF, 20.15 Uhr. Der Film ist bereits in der ZDF-Mediathek zu sehen.

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Seite 1
laermgegner 27.08.2015
1. Für so einen Unsinn
muß man auch noch bezahlen - Rundfunkgebühren ! Der Mann ist bestraft worden, weil er dem Staat nicht genügend Geld zur Verfügung gestellt hat, damit dieser Staat nicht mehr Geld verschwenden kann !
hbblum 27.08.2015
2. Einen Film....
...über Uli Hoeneß? Der ist doch noch gar nicht tot!
pb-sonntag 27.08.2015
3.
Sicherlich einer dieser Bayern-München-Huldigung-Filme, in dem es um die Größe, Einmaligkeit, Genialität, Weltmännigkeit, Clevanis, u.a. geht. Ober geht es um wahre Aufklärung, warum ein Straftäter, der - angenommen nur - 27 Millionen hinterzogen hat, viereinhalb Jahre bekommen hat und schon nach nicht mal sechs Monaten in den offenen Vollzug kam? Nein, ich bin nicht neidisch oder einer, der die Mannschaft und das ganze gezüchtete Drumherum, abartig findet, ich bin nur einer, der sich garantiert dieses Machwerk nicht ansehen wird. Gerade, weil dieser Straftäter sooooo viel "Gutes" tat.
olicrom 27.08.2015
4. Kritik der Ahnungslosen!
Lieber Kritiker es ist ja schön, was sie so alles vehement fordern in ihre Besprechung. Wie so oft, und das muss ich als Fernsehschaffender nun endlich einmal loswerden, wäre es besser, wenn man eine gewisse Vorbildung im Thema besitzen würde, um solche Kritiken schreiben zu können. Da fordern sie mehr Mut zu Freiheiten, mehr Mut zur Inszenierung über das Bekannte hinaus und dergleichen Dinge mehr. Ich weiß jetzt nicht, ob sie es einfach nur verschweigen oder tatsächlich nicht wissen, ich befürchte Letzteres. Aber jeder Millimeter Mut zur Freiheit über das Bekannte (und das ist nicht für jeden dasselbe) wird jeden Beteiligten in diesem Fall potentiell den (beruflichen) Kopf, sechs- bis siebenstellige Eurobeträge und am Ende wahrscheinlich beides kosten. Die Freiheit, die sie fordern, gibt es schlicht nicht. Sie ist aus presse- und persönlichkeitsrechtlichen Gründen nicht realisierbar. Und das ist auch gut so. Für ihre Kritik bedeutet das aber leider, dass sie absolut bodenlos und damit auch sinnfrei ist. Die Medienwelt ist komplizierter, als sich dies die SPON Kritiker in ihrer Presse-Fantasie ausmalen können.
peeka(neu) 27.08.2015
5. Diesmal
Zitat von laermgegnermuß man auch noch bezahlen - Rundfunkgebühren ! Der Mann ist bestraft worden, weil er dem Staat nicht genügend Geld zur Verfügung gestellt hat, damit dieser Staat nicht mehr Geld verschwenden kann !
also schon im 1. Beitrag...
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