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02. Januar 2014, 13:37 Uhr

ZDF-Zweiteiler "Die Pilgerin"

Mittelalter trifft Mittelerde

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Männer sind Schufte oder Trottel, Frauen sind Huren, Hexen oder Heilige und im Herzen natürlich total emanzipiert. Der ZDF-Historienschinken "Die Pilgerin" bietet moderne Sinnsuche im stilvoll kaputten Kuttenlook - als hätte Hape Kerkeling den "Hobbit" mit der "Wanderhure" verrührt.

"Die Leute lieben einfache Geschichten, in denen ganz klar ist, wer der Gute ist und wer der Böse", erklärt irgendwann der Schuft der weisen Hexe, bevor er ihr die Hütte anzündet. Die Leute vor den Fernsehern werden dennoch bis zum Ende hoffen, dass der eine oder andere Bösewicht doch noch das Gute in sich entdeckt, irgendeine Wandlung mitmacht. Vergeblich. Im ZDF-Historienzweiteiler "Die Pilgerin" erscheint das manichäische Weltbild des Mittelalters noch so fugenlos und fest gefügt, wie die Leute es schon immer liebten.

Entsprechend geradlinig wird auch die Geschichte wegerzählt. Darin die wackere Kaufmannstochter Tilla ("Türkisch für Anfänger"-Star Josefine Preuß, die gerade auch im "Tatort" eine ernste Rolle spielte) die Pläne ihres intriganten Bruders (Volker Bruch) und derben Ehemanns (Dietmar Bär) durchkreuzt, indem sie sich mit dem Herz ihres verstorbenen Vaters auf den Jakobsweg macht: "Ich werde Vaters Herz begraben, in geweihter Erde." Und eben nicht in Tremmlingen, einer fiktiven Freien Reichsstadt im Schwäbischen, die eher an Mittelerde als an das Mittelalter erinnert. Man ist schon dankbar, dass da kein Drache um die Zinnen kreist.

Zwischen Tremmlingen und dem fernen Santiago de Compostela allerdings liegt ungemein viel europäische Landschaft, deren Gebirge, Wälder und Ebenen sehr stimmungsvoll in Szene gesetzt sind - auch wenn es niemals regnen will. Tilla schneidet sich die Haare ab und geht fürderhin mühelos als Mann durch. So schließt sie sich einer Pilgergruppe an und schleppt das Kreuz querfeldein durch Bäche und Sümpfe, als hätte es damals noch keine Wege gegeben.

Gesprochen wird von Schwaben bis Spanien übrigens eine rätselhafte "lingua franca" namens Hochdeutsch, was die Reise bedeutend erleichtert. Es gibt dampfendes Gedärm, schlechte Zähne, Fliegen auf Fischabfällen, weiße Brüste und schmutzige Gesichter zu sehen. Dafür brennen in jedem Raum so überirdisch viele Kerzen, dass man sich immer fragt, wer die wohl wieder alle angezündet hat.

Was es heißt, eine Frau zu sein - 2014 wie 1368

Dabei befinden wir uns, wie könnte es anders sein, in einer Männerwelt. Männer sind entweder Schufte oder Trottel. Frauen sind entweder Huren, Hexen oder Heilige, dabei aber stets ganz modern um Ausbruch aus gesellschaftlichen Konventionen bemüht. "Einen eigenen Willen zu haben ist wie ein Fluch", sagt die entführte Prinzessin einmal der verkleideten Tilla: "Aber was weißt du schon, was es heißt, eine Frau zu sein?" Und Tilla weint, weil sie eben doch weiß, was auch alle Zuschauerinnen zu wissen glauben: was es nämlich heißt, eine Frau zu sein, 2014 wie 1368.

Darüber mag man sich ebenso mokieren wie über Nachlässigkeiten bei der Ausstattung. Gab es damals schon solche Helme? Sind "Hexen" nicht vor allem ein Phänomen der Frühen Neuzeit? Und haben Kreuzritter im späten 14. Jahrhundert nicht ungefähr so viel zu suchen wie Zeppeline in einer modernen Luftwaffe?

An mangelnder Akkuratesse im Detail aber sollten sich nur miesepetrige Mediävisten oder fanatische Rollenspieler stören. Natürlich malt auch "Die Pilgerin" an einem "idealisierten" Bild des Mittelalters. Ja, was denn sonst? Zeichnet denn der "Tatort" ein "realistisches" Bild unserer Gesellschaft? Hat uns Regisseur Philipp Kadelbach zuvor mit seinem kontrovers diskutierten Weltkriegsdrama "Unsere Mütter, unsere Väter" etwa gezeigt, wie es "wirklich war"?

Wenn man Kadelbach, der hier einen Teil seines bewährten Ensembles weiterbeschäftigt hat, etwas vorwerfen möchte, dann die Wahl einer trivialen Vorlage. Das Autorenduo Iny Lorentz mischte für "Die Pilgerin" seinen ebenfalls verfilmten Bestseller "Die Wanderhure" kurzerhand mit modischem Sinnsucherschnickschnack à la "Ich bin dann mal weg" zu einem sozusagen hexenmäßigen Erfolgscocktail. Wobei Kadelbach eher anzurechnen ist, dass er aus dieser Vorlage das Beste herausgeholt und eben keine zweite "Wanderhure" gedreht hat.

Und während Tilla mit ihrer prekären Weiblichkeit den dekorativen Gefahren einer kleinen Weltreise trotzt, entspinnt sich zu Hause in Tremmlingen eine Intrige wie von Machiavelli. Der blutige Aufstieg und gespenstische Untergang des bösen Bruders ist nicht nur ein Kammerspiel von eigenem Recht, sondern gewährt auch den einen oder anderen Einblick in Politik und Wirtschaft einer Stadt im Mittelalter. Moderner noch als der Blick auf die Geschlechter ist allerdings die Religion, die hier, vielen Bibelsprüchen zum Trotz, unter völliger Abwesenheit der Kirche im Hintergund immer als spirituelles Wohlfühlprogramm mitläuft.


"Die Pilgerin", Sonntag und Montag, jeweils ab 20.15 Uhr, ZDF

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