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28. November 2011, 16:15 Uhr

ZDF-Kirchendrama "Das dunkle Nest"

Ein Kreuz, diese Krimi-Handlung

Von Nikolaus von Festenberg

Späte Aufarbeitung des Missbrauchsskandals: Der ZDF-Film "Das dunkle Nest" versucht, den Vertrauensverlust der katholischen Kirche in einer kleinen deutschen Gemeinde zu beschreiben. Doch die Geschichte wird zu früh den Effekten eines schnöden Familienthrillers überlassen.

Das unabwendbare Schicksal des TV-Movies ist es, dass es immer zu spät kommt. Ein Fernsehfilm braucht von der Idee bis zur Realisierung meistens Jahre und kommt zum Zuge, wenn die Öffentlichkeit längst an einer anderen Erregungswiese weidet. Das sieht man auch dem ZDF-Montagsfilm "Das dunkle Nest" an. Buch (Andreas Dirr), Regie (Christine Hartmann) und Kamera (Christof Wahl) tun viel, um das Thema in einen möglichst zeitlosen Rahmen zu stellen. Aber ganz glaubhaft und von heute wirkt das titelgebende Hinterwäldlerkaff nicht.

Da wird ein katholisches Dorf in Szene gesetzt, an dem die Moderne vorbeigezogen zu sein scheint. Jeder kennt noch jeden, die Kirche im Dorf ist selbstverständlich kultureller Mittelpunkt. Im Kirchenbuch, in dem Geburten, Taufen und Beerdigungen festgehalten werden, finden sich lateinische Eintragungen, ein vorkonziliarer Spleen des alten Pfarrers, dessen Nachfolge der ehemalige Gefängnisgeistliche und studierte Psychologe Gabriel Reinberg (Christian Berkel) angetreten hat. Ein Mann mit hoher Stirn und hoher Gesinnung, der sein Amt auf Gottes Gebot zur Wahrheit gegründet hat.

Jugendarbeit liegt Reinberg besonders am Herzen. Eine zwölfjährige Ministrantin sucht auffällig die Nähe zum neuen Geistlichen. Sie schwärmt für den Mann der Kirche. Es ist nicht sexuelles Erwachen einer Pubertierenden, das hinter den Annährungsversuchen der Enkelin eines Sägewerkbesitzers steht, es ist Vatersuche: Das Mädchen, eine gute Lateinschülerin, hat aus dem Kirchenbuch den Eintrag über ihre Geburt übersetzt, und der lässt sie an ihrer väterlichen Abkunft zweifeln.

Schon wird die Krimi-Maschinerie in Gang gesetzt

Der Priester ahnt diesen Hintergrund nicht, lässt sich auf die Annährungen des Mädchens ein, wahrt aber unverkrampft und freundlich-väterlich die Grenzen der Keuschheit. Sogar ein Kreuz ritzt er der Ministrantin spielerisch mit dem Daumennagel auf den Unterarm.

Wie interessant wäre es hier gewesen, wenn der Film jetzt eine Wanderung durch das Grenzgebiet zwischen pädagogischem Eros und verbotenem sexuellen Übergriff unternommen hätte! Von Anfechtungen und Verantwortung in einer von Missbrauch schockierten Öffentlichkeit erzählt hätte, von dem, woran der Priester glaubt und zweifelt, wenn er jungen Menschen begegnet. Was das eigentlich heißt, das von Reinberg so geliebte Jesuswort: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben."

Das TV-Genre aber hat seine eigene Wahrheit und packt sie nun erbarmungslos aus. "Das dunkle Nest" verwandelt sich zum Thriller. Im Wald wird die Schülerin ermordet aufgefunden, und schon wird die Krimi-Maschinerie in Gang gesetzt: DNA-Überprüfung der Männer im Dorf, erste Verdächtigungen gegen den Priester (Hautpartikelspuren auf der Leiche des Mädchens wegen des Daumennagelkreuzes), Anschläge auf Reinbergs Auto. Dazu eine gute, weil nachdenkliche Kommissarin (Katharina Müller-Elmau) und ein voreilig-aggressiver Ermittler. Kirchenboykott und dann - die Entlastung.

Denn das Böse liegt oft so nah. Der Täterverdacht konzentriert sich bald auf die Eltern des Mädchens: Vater Mario ist ein Schwächling, seine Frau kommunikationsgestört, die Großmutter die verbitterte Hüterin eines Geheimnisses und der Opa und Sägewerksbesitzer (Peter Lerchbaumer) der Gottvater allen Übels. Willkommen in der Familienhölle unter deutschen Dorfdächern.

Es ist der Schauspieler Berkel, der den Film vor dem Untergang in Genreüblichkeiten rettet. Was das Drehbuch seiner Rolle in Dialogen nicht gestattet, die tiefe innere Verletzung durch die Generalverdächtigungen gegen die gesamte Kirche auszudrücken, spielt sich in Berkels Blicken ab. Sie sind hoffnungslos und dennoch tapfer. Sie sagen dem Beobachter: Dieser Mann badet aus, was nicht er, sondern andere Mitglieder seines Standes angerichtet haben. Er nimmt die Schuld auf sich, die anzuerkennen der offiziellen Kirche so schwer fällt.

Berkel wirkt nie devot oder beflissen, eher sündenstolz. Er ist ein Meister der Darstellung von Ernst, der mit Mut und Melancholie einhergeht. Solche Männer braucht nicht nur die Kirche.


"Das dunkle Nest", Montag, 20.15 Uhr, ZDF

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