ZDF-Melodram "Hand in Hand" Geig' mir das Lied vom Tod

Eine leidende Geigerin, der Geist von Geheimrat Doktor Sauerbruch und postkommunistische Märchenlandschaften: Beinahe versinkt das ZDF-Sterbedrama "Hand in Hand" im Gefühlskitsch. Wäre da nicht die wunderbare Corinna Harfouch, die ohne große Gesten den Zuschauer mitleiden lässt.

ZDF

Von Nikolaus von Festenberg


Manchmal muss man Angela Merkel richtig dankbar sein. Weil die Bundeskanzlerin zum Bildungsgipfel nach Dresden geladen hatte, konnte das Drehteam von "Hand in Hand" nicht ganz so berückend erlesene Bilder in den Film bekommen, wie sie sich vorgenommen hatten. Wer weiß, wenn es die Absperrungen nicht gegeben hätte, wäre die schöne lettische Geigerin Mathilda (Margarita Breitkreiz, "Der Grenzer und das Mädchen"), von deren Leiden der Film handelt, womöglich noch auf die Emporen der Frauenkirche gestiegen, hätte das "Grüne Gewölbe" durchschwebt und vor der Sixtina gekniet.

Aber die ersten Szenen mit dem Willen zum Schönen reichen auch so, um zu zeigen: Zuschauermensch, hier geht es um Höheres. Dazu passt der Titel "Hand in Hand". Er erinnert an "In diesen heil'gen Hallen", die Sarastro-Arie aus der "Zauberflöte", nach der der geläuterte Mensch an Freundes Hand getrost und froh "ins bessere Land" schreitet.

Besseres Land? Der sentimental journey des Films (Regie: Thomas Berger, "Kommissarin Lucas") zur inneren Reife ist für die Protagonistinnen - neben Mathilda die Handchirurgin Prof. Heike Laurens (Corinna Harfouch ( "Tod einer Schülerin") - ein einziges Abschiednehmen. Die Violinistin hat eine wehe Hand, die Ärztin Krebs. Für Mathilde geht es um die Karriere, für die Professorin um das Akzeptieren des nahen Todes.

Als wäre der Plot - Todkranke operiert bedrohte Künstlerin - nicht genug, fährt das Buch (Justus Pfaue) weiteres Moll auf: Eine junge Verehrerin der Geigerin geht, hinreißend schön gefilmt, in die Elbe, weil die Künstlerin deren ekstatisches Lob, sie habe im Konzert der Mathilda Gottes Angesicht gesehen, nicht mit der nötigen pädagogischen Aufmerksamkeit quittiert hat. Sie sind ja alle so grandios empfindlich in diesem Film, als habe sich der ehemalige Osten in einen Zauberberg für zarte Seelen verwandelt.

Im Rolls-Royce in den Postkommunismus

Den Mann der Chirurgin Friedrich (Jürgen Heinrich) erleben wir als Spätabgewickelten. Der Professor wird an ein anderes Institut nach Halle versetzt und der Zuschauer sieht ihn als letzten Mann das Licht an seinem alten Arbeitsplatz ausmachen. Unfreiwillig komisch ist das Fachgebiet Friedrichs: Moorleichen. Ja, der Tod ist groß in diesem Film, wir sollen die Seinen sein.

Wenn es dann zur Handoperation kommt, weht der Geist von Geheimrat Sauerbruch. Alle Zittrigkeit besiegend, legt Chirurgin Heike eine letzte Meisterleistung hin. Ihre besorgten Adlaten, die Oberschwester Bloody Mary (Christine Schorn) und Heikes Kollege Meier (Pierre Besson) staunen und haben Mitleid. Auch der Moorleichen-Professor weiß jetzt um den unheilbaren Zustand Heikes.

Die aber braucht Zeit, um ihr Ende zu akzeptieren. Sie ist noch nicht reif für Mitleid, ebenso wenig, wie es die operierte Großkünstlerin ist - von der niemand weiß, ob sie je wieder ihr Instrument spielen kann, und von der auch keiner ahnt, dass sie das Konzertieren aufgeben will. Beide Frauen beschließen, eine Reise zu unternehmen in Mathildas Heimat Lettland. Im Rolls-Royce der Geigerin, versteht sich, und als beide eine Panne haben, werden Pferde vor die Karosse gespannt, Hauptsache, der Traumpfad wird nicht verlassen.

Im lettischen Heimatdorf Mathildas sieht es auch aus wie in einem postkommunistischen Märchen. Die Menschen sind zurückgeblieben, ein gutmenschlicher Musiker, Mathildas Geigenlehrer (Rolf Hoppe) hütet rauschebärtig den guten Geist der Musik; die Züchtigungsgerte, mit der eine Erzieherin die Geigenhoffnung als Kind gequält hat, wird gefunden und vernichtet. Die moribunde Ärztin lebt noch einmal auf und hilft Einheimischen.

Geigen mit den ganz Kleinen

Ihre getreue Oberschwester taucht in Lettland auf und bringt benötigte Schmerzmittel, indessen überschlank und kirschmündig die Berliner Volksbühnenschauspielerin Breitkeiz das Fideln wieder aufnimmt und sich zu alter Form zurückbringt.

Das ist oft des Lieben und Guten zu viel, etwa wenn Mathilda als allerletzten Auftritt mit einem kleinen Jungen ein Stückchen zur Aufführung bringt, das wie "Ein Männlein steht im Walde" klingt, und sie dem hingerissenen Dorfpublikum den Abschied vom Konzertieren verkündet.

Dass der Film nicht im Kitsch versauert, liegt mal wieder an Harfouch. Sie spielt ihr Sterben vornehm, zurückhaltend und mit dem Schuss heiterer Ironie einer abtretenden Arbeitsheldin. Sie setzt preußische Nüchternheit gegen die Fluten des Sentiments und erreicht ganz bescheiden und natürlich, was das Melodram sonst allzu brachial beim Zuschauer erzeugen möchte: Mitleid.

Da sitzt sie im leeren Zuschauerraum und verfolgt Mathildas neue Karriere, die einer Geigenlehrerin. Als hätte der Film aus diesen Szenen gelernt, dass weniger manchmal mehr ist, verzichtet "Hand in Hand" in der Todesstunde der Professorin auf Geigenbegleitung am Sterbebett. Diese verregnete Sommergeschichte ist traurig genug.

"Hand in Hand", Montag 20.15 Uhr, ZDF



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
mac4ever, 15.08.2011
1. TPfau
Zitat von sysopEine leidende*Geigerin, der Geist von Geheimrat Doktor*Sauerbruch und postkommunistische Märchenlandschaften: Beinahe versinkt das ZDF-Sterbedrama "Hand in Hand" im Gefühlskitsch. Wäre da nicht die*wunderbare Corinna Harfouch, die ohne große Gesten den Zuschauer mitleiden lässt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,780253,00.html
Also erhebt sich der Fiom doch noch über Rosamunde Pilchers Abgründe. Antun werde ich ihn mir trotzdem nicht, wann ist schon mal um 20.15 Uhr etwas zu sehen, das das Einschalten lohnen würde - egal, in welchem Sender. Den Tatort gesetern habe ich nur eine Minite lang verfolgt - Kommissarin mit Millionärsgattinnen-Appeal und westernmäßiger Showdown - das kann nur unterste Schublade siein. Dann schon lieber eine raffinierte Intrige gegen eine Richterin - da fünlt man sich als Zuschauer nicht veralbert.
caecilia_metella 15.08.2011
2. Lied vom Tod
Auch im Netz, falls Fernsehen zu wenig anspruchsvoll wird. http://www.youtube.com/watch?v=4zPb508PA5w
NormanR, 15.08.2011
3. Die Qualität der öffentlich-rechtlichen
lässt doch sehr zu wünschen übrig. Und was mich von Woche zu Woche saumäßig ärgert: interessante Dokus nur gegen Mitternacht!! Das ist eine Sauerei. Letzte Woche: Dienstag: Odenwaldschule-Doku von 22.45 - 0.15 Uhr Mittwoch: Mafia, Priester undVatikan um 0.00 Uhr!!! Die Staats-Sender dürften eh keine Werbung zeigen.
Franz Medardus 15.08.2011
4. Bitte geben Sie unbedingt einen Titel für den Beitrag an, Titel sind ja so geil!!
Zitat von sysopEine leidende*Geigerin, der Geist von Geheimrat Doktor*Sauerbruch und postkommunistische Märchenlandschaften: Beinahe versinkt das ZDF-Sterbedrama "Hand in Hand" im Gefühlskitsch. Wäre da nicht die*wunderbare Corinna Harfouch, die ohne große Gesten den Zuschauer mitleiden lässt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,780253,00.html
Oje, Schauspielerin tut so, als könnte sie ein Instrument spielen, schon bei den Fotos krieg ich einen Krampf...es gibt so viel tolle Geigerinnen, laßt die die Rolle spielen, alles andere ist immer peinlich...
peter64@trash-mail.com 15.08.2011
5. -
Ohne den Film gesehen zu haben, frage ich mich, was auf den Fotos verrät, dass die Schauspielerin das Instrument nicht zu spielen vermag.
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