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ZDF-Dokudrama: Wutbürger in der Höllenburg

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ZDF-Schocker "Aufstand der Jungen" Rente her, sonst gibt's Randale!

Berlin brennt! Die Versicherungssysteme sind zusammengebrochen, Bildung gibt es nur für Reiche, wer jung ist, geht in den Untergrund: Das ZDF-Dokudrama "2030 - Aufstand der Jungen" entwirft ein düsteres Zukunftspanorama - mit steilen demografischen Thesen.

Der Totenschein ist das einzige, was sie noch retten kann. Junge und unterversicherte Menschen, die im Jahr 2030 für eine kostenintensive Operation in ein städtisches Krankenhaus eingeliefert werden, dürfen nur noch darauf hoffen, dass sie dort auf einen Pfleger treffen, der freundlicherweise ihr Ableben fälscht. So können sie denn nach der für sie kaum bezahlbaren Behandlung auf noch wackeligen Beinen in die Illegalität flüchten. Ohne Papiere und Rechte, aber auch ohne Schulden und Verpflichtungen.

Der Trick mit der Totmeldung ist die perfideste Zuspitzung des an Zuspitzungen nicht eben armen Zukunftsszenarios "2030 - Aufstand der Jungen". Vom getürkten Totenschein ist es hier dann nur noch ein Katzensprung ins Berliner Ghetto namens "Höllenberg". Das hieß einstmals Schöneberg und wird heute von Illegalen bewohnt, die sich dem Würgegriff der Behörden und Gläubiger entzogen haben, ein kleiner Staat im Staat.

Es ist die Zukunft der Bundesrepublik wie das ZDF sie sieht: Das Solidaritätsprinzip hat man gebrochen, der Generationenvertrag wurde gekündigt, das Arbeitsrecht ist schon lange erodiert, Berlin ist eine einzige sozialpolitische Brache. Demografie und Apokalypse gehen in "2030" Hand in Hand: Der alte Westen von Berlin, das erscheint nur konsequent, sieht hier streckenweise so aus wie das zur Gefängnisinsel umfunktionierte Manhattan in John Carpenters "Klapperschlange". Die Menschen dort kämpfen ums Überleben, behördlicherseits sieht man keine Möglichkeit, aber auch keine Notwendigkeit, einzuschreiten.

Mittelschicht kollabiert, Arbeitsrecht erodiert

Wirklich alle Negativprognosen, die zurzeit in deutschen Talkshows lustvoll diskutiert werden, sind in dem 90-minütigen ZDF-Dokudrama "2030" zur opulenten Dystopie verdichtet: Die Mittelschicht ist kollabiert, Bildung gibt es nur für die Reichen, das Gesundheitssystem hat sich in eine Zweiklassenmedizin verwandelt, die Rentenkassen sind leer. Wer als junger Mensch in der immer prekäreren Arbeitswelt über eine der raren Festanstellungen verfügt, dem droht spätestens dann die existenzbedrohende Erschütterung, wenn er die Kosten für die Pflege der Eltern oder Großeltern übernehmen muss.

Veranschaulicht wird diese allumfassende gesellschaftliche Negativprognose am 30-jährigen Tim Burdenski (Barnaby Metschurat), der symbolträchtig zur Jahrtausendwende geboren ist. In einer Langzeit-Doku-Soap mit dem verheißungsvollen Titel "Millenniumskinder", so der medienkritische Subplot der ZDF-Produktion, reifte Tim dann zu einer Art Reality-Star. Als strahlende Projektionsfläche zog er erst alle Hoffnungen des neuen Jahrtausends auf sich - um dann zur Versinnbildlichung aller Ängste zu werden.

Doch auf einmal verschwindet das Jahrtausendkind von der Bildfläche. Eine Freundin (Lavinia Wilson) und eine Journalistin (Bettina Zimmermann) spüren seinem Verbleib nach - und rekonstruieren, wie Tim in den Abwärtstrend geriet: Zu Schulzeiten versäumten seine Eltern, ihm die teure Förderschule am Nachmittag zu finanzieren, so dass er nicht an einer der Eliteuniversitäten studieren konnte.

Die Hauptstadt steht in Flammen - beim ZDF nun schon zum zweiten Mal

Immerhin bestand Tim die Aufnahmeprüfung an einer örtlichen Uni - wo er sich aber nicht einschreiben konnte, weil seine Eltern die horrenden Studiengebühren nicht tragen konnten, mit denen die Länder ihre maroden Haushalte sanieren. Seine spätere Festanstellung als Zeichner verlor er schließlich auch; der Chef musste aufgrund der Konkurrenz aus China ein Subunternehmen gründen, bei dem er seine einstigen Mitarbeiter ohne Vertrag weiterbeschäftigte.

Als dann auch noch die geliebte Großmutter zum Pflegefall wurde, geriet das einstige Millenniumswunderkind wie viele Gleichaltrige in die Schuldenspirale. Und an deren Ende steht ein Kellerloch in der rechtsfreien Zone von "Höllenberg", ein Ort, an dem sich alle Zukunftsängste materialisieren, aber auch zarte Hoffnungsschimmer am verrußten Horizont aufziehen: Denn ein paar Idealisten proben in dem herrlich pittoresk verfallenen Berliner Stadtteil den Aufstand gegen die Verhältnisse, bauen ein eigenes neues solidarisches Netz auf - und bekämpfen den nur noch als Zumutung empfundenen Staat.

Berlin brennt! Das ZDF, ein bisschen Revolte darf sein, zündelt nun schon zum zweiten Mal. Vor vier Jahren gab es bereits ein ähnliches Demografie-Spektakel, damals unter dem Titel "2030 - Aufstand der Alten". Damals, das "Methusalemkomplott" stand noch auf den Bestsellerlisten, wurde in drei 45-Minütern die derzeit vieldiskutierte Überalterung der Gesellschaft in ein komplexes, aber auch lustvolles Zukunftspanorama überführt: Rentner begehrten in bizarrem Aktionismus gegen ihre Abkopplung vom Wohlstand auf. Gerne erinnert man an die Szene, in der eine Gruppe widerständiger Greise in Attac-Montur Silikontüten und Brustimplantate vom Dach auf eine High-Society-Party schmeißt. Wie wunderbar das hier zusammenging, Anarchie und Geriatrie!

Wütende Bürger, bescheidene Wünsche

Auch beim "Aufstand der Jungen", wie der Vorgänger von Krimi-Spezialist Jörg Lühdorff geschrieben und inszeniert, gibt es ein paar schöne und aberwitzige Bambule-Szenen (Parka-grüne, rastabezopfte, ungewaschene Gestalten haben ausgerechnet das aufgeräumte Schöneberg zum autonomen Quartier umorganisiert). Doch in 90 Minuten gequetscht, wirken all die demografischen Fakten erdrückend auf die Geschichte; die Figuren schleichen unter der Last der gesellschaftlichen Daten gebückt durch die Handlung.

Auch der Charme des Widerständigen, die ausgerechnet der Rentnerschocker "2030 - Aufstand der Alten" in dem als Rentnersender verschrieenen Zweiten verbreitete, will sich beim Nachfolger nicht einstellen. Suggeriert der Titel auch Nähe zum Studentenbuchladen-Bestseller "Der kommende Aufstand" - das umstürzlerische Potential der jungen Wutbürger hält sich in der neuen ZDF-Fake-Doku dann doch in Grenzen. Der Widerstand hat eher egoistische Gründe: Man will nicht wirklich das System stürzen, sondern nur den besten Nutzen aus ihm ziehen.

Da gibt es zum Beispiel einen Seitenstrang, in dem Hacker versuchen, in den nationalen Zentralrechner vorzudringen. Und wozu diese extrem gefährliche Aktion? Die Jungen wollen einfach nur ihre Versicherungsdaten aufpeppen. Was für ein bescheidenes Ziel: Rente her, dann gibt es auch keine Randale!


"2030 - Aufstand der Jungen" , Dienstag 20.15 Uhr, ZDF

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