ZDF-Serie »Furia« über Rechtsextreme Pegida ist überall

Europa, deine Neonazis: Die ZDF-Serie »Furia« handelt von einem braunen Netzwerk, das den Kontinent ins Chaos stürzen will. Viermal 90 Minuten entfesselte Paranoia.
Gewaltszene in »Furia«: Rechtsterror zwischen norwegischen Fjorden und Berliner Regierungsviertel

Gewaltszene in »Furia«: Rechtsterror zwischen norwegischen Fjorden und Berliner Regierungsviertel

Foto: Trygve Indrelid / ZDF

Die Spur des Rechtsterrors zieht sich in dieser Serie von der malerischen Fjordlandschaft im norwegischen Grindheim zu den Hochhausschluchten um den Berlinale-Palast. In Norwegen treffen sich Bartträger in einer Jagdhütte, um dort gemeinsam den amerikanischen Neonazi-Vordenker James Mason zu lesen und Anschläge in ganz Europa zu planen. In Berlin wird das TV-Duell vor einer anstehenden Bundestagswahl vorbereitet, das als großes Medienereignis aus dem berühmten Festivalkino gesendet werden soll.

Unter anderem hier wollen die braunen Attentäter zuschlagen: Faschoterror zur Fernsehprimetime.

Der Rechtsterrorismus wird in »Furia« als paneuropäisches Panorama präsentiert, das ist der große Anspruch der Serie, die ab Sonntag in viermal 90 Minuten im ZDF-Hauptprogramm ausgestrahlt wird und in achtmal 45 Minuten in der Mediathek abrufbar ist. Zur Umsetzung haben sich unterschiedliche Produktionsfirmen und Sender zusammengeschlossen, ein europäisches Prestigeprojekt.

Undercover-Agentin Ragna (Ine Marie Wilmann): Europa als braunes Dystopia

Undercover-Agentin Ragna (Ine Marie Wilmann): Europa als braunes Dystopia

Foto: Trygve Indrelid / ZDF

Beteiligt ist etwa auch die Firma X Filme Creative Pool, die für das Münchner »Tatort«-Revier einen hochmodernen Terrorthriller um Sniper-Morde und Fake-News vorgelegt hat, aber auch Keshet International, die global operierende Produktionsfirma des gleichnamigen israelischen Fernsehsenders. Keshet hat 2010 mit der Produktion »Hatufim - in der Hand des Feindes«, die wenig später von Hollywood unter dem Titel »Homeland« adaptiert wurde, dem neuen epischen Serienerzählen zentrale Impulse gegeben . Wer als Fernsehproduzent seitdem komplexe politische Zusammenhänge zum Thema eines Thrillers macht, stellt eine Figur ins Zentrum, die an der Grenze zur Aufgabe der eigenen Identität das feindliche Lager infiltriert.

In der ZDF-Serie ist das die Undercover-Agentin Ragna (Ine Marie Wilmann), die sich als vermeintliche rechtsextreme Bloggerin unter dem Namen Furia eine Legende aufgebaut hat und nun bei den Nordmann-Neonazis mitmischt. Zur Tarnung verbreitet sie identitäres Gedankengut in ihrem Blog, der so flammend getextet ist, dass die Männer in der norwegischen Zelle sofort Feuer fangen. Mit einem von ihnen muss sie im Laufe der Anschlagsvorbereitungen Sex haben, damit ihre Täuschung nicht auffliegt.

Der Schatten von Utøya

Die in Verschwörungsserien übliche »In der Hand des Feindes«-Formel wird hier noch mal dadurch auf die Spitze getrieben, indem Ragna eine hochpersönliche Motivation für ihren Einsatz mitgegeben wird: Ihre jüngere Schwester kam bei dem Anschlag von Anders Behring Breivik 2011 ums Leben , Ragna fühlt sich für ihren Tod verantwortlich. Der Terrorakt von Utøya wird in »Furia« nur in kargen Andeutungen und fragmentarischen Rückblenden aus der Perspektive der kleinen Schwester gezeigt, aber er liegt wie ein Schatten über der gesamten Handlung.

Breivik ist für die Attentäter keine Bezugsgröße, sondern nur ein kranker Spinner, der ihrer Sache eher geschadet hat. Sie sehen sich als Teil eines größeren, ideologisch gefestigten Zusammenhangs. Tatsächlich ist die extreme Rechte international vernetzt . Die norwegische Zelle in »Furia« erhält logistische und propagandistische Schützenhilfe von einem deutschen Pegidisten (Ulrich Noethen), der sein Netzwerk mit russischer Kryptowährung finanziert. Pegida ist überall.

So verlagert sich das Geschehen des Plots (Headautor: Gjermund Stenberg Eriksen, Regie: Magnus Martens, Lars Kraume) nach Berlin – wo gerade bei der Bundestagswahl der Sieg einer rechtspopulistischen Partei droht, die viele Ähnlichkeiten mit der realen AfD hat. Die Attentäter wollen mit ihrem Anschlag antimuslimische Ressentiments schüren und so einen Rechtsruck in der Bevölkerung hervorrufen, der die Rechtspopulisten an die Macht bringen würde. Der Pegida und ihren Hinterleuten in der bürgerlichen Gesellschaft stehen für die Umsetzung ihrer Pläne offenbar Zugänge zu entscheidenden politischen Stellen zur Verfügung.

Nazi-Maulwürfe im Innenministerium, Doppelagenten beim Bundeskriminalamt, russische Unterstützung beim neuen europäischen Faschoterror, Rechtsrüpel auf röhrenden Enduros – in der zweiten Hälfte von »Furia« werden die untergründigen realen Bedrohungslagen durch rechte Gewalt in der Berliner Republik zu einem entfesselten Paranoia-Setting aufgeblasen. Europa als braunes Dystopia? Hätten die Serienschöpfer das Verschwörungsszenario an einigen wichtigen Stellen auf plausible Größe runtergefahren, wäre die verstörende Wirkung wohl noch größer gewesen.

»Furia«, ab Sonntag, 22.15 Uhr, in vier Teilen im ZDF. Zeitgleich in der Mediathek als Achtteiler abrufbar.