ZDF-Vierteiler "Wilde Wellen" Abgesoffen im Gefühlsmeer

Das ZDF dehnt die Schmonzes-Zone aus: Mit "Wilde Wellen" legt es einen Mammut-Vierteiler über fiese Patriarchen und schwache Söhne vor. Aus dem dramaturgischen Schiffbruch geht nur eine unbeschadet hervor - die hinreißende Hauptdarstellerin Henriette Richter-Röhl.

ZDF

Von Nikolaus von Festenberg


"Wilde Wellen - Nichts bleibt verborgen", der neue Vierteiler im ZDF, ist vor allem eins: lang. 360 Fernsehminuten wogt hier das Gefühlsmeer, in dem wir bei Rosamunde Pilcher und Inga Lindström Sonntag für Sonntag ja eigentlich immer nur eineinhalb Stunden gebadet werden. Doch mitten im Geplätscher ist das Ansehnliche auch: eine wunderbare Hauptdarstellerin und herrliche Aufnahmen der bretonischen Küste.

Wenn es nach dem Zeitgeist der allgemeinen Beschleunigung ginge, wären Vierteiler längst ausgestorben. Sechs Stunden und nur eine Geschichte - das ist für das Zack-zack unserer Unterhaltungserwartung eine Strafe, eine Art Fegefeuer. Und wessen modernes Leben ist schon so organisierbar, dass man sich an vier Terminen (donnerstags und sonntags) vor der Glotze einfindet oder sich die Zeit nimmt, seine DVD-Aufnahme entsprechend zu programmieren?

Es geht aber nicht nach dem Zeitgeist und dessen ästhetischen Idealen. Es geht im modernen Fernsehen um Geld. Und da ist klar: Wenn ein Darstellerensemble und ein Setting sechs Sendestunden füllt, ist das billiger, als wären es nur eineinhalb. Adam Riese hat das Sagen auf dem Lerchenberg, wo das ZDF Mega-Schmonzes dieser Art plant.

So machen Drehbuchautorin Christiane Sadlo und Regisseur Ulli Baumann (beide haben ihr Können schon für "Inga Lindström"-Filme zur Verfügung gestellt), was sie routiniert beherrschen - das klassische Genre, dessen Dramaturgie der Zuschauer inzwischen mitsingen kann.

Gute Hexen, böse Erben

In gediegenen Edelvillen hausen gediegen gekleidete ältere Elitemenschen, die dunkle Machenschaften so lange vor der Welt verbergen, bis von draußen eindringende Parzivale und Parzivalinnen die Macht- und Sündengeschichten aufdecken. Das Verhältnis von Jung und Alt ist klar: Jugend ist gefangen in den Machenschaften der Alten. Jungsein, Unbeschwertsein, müssen sich die Twenty-Somethings erst erkämpfen, Kinder haften für die Älteren und müssen sich zunächst für deren Sünden interessieren, als wären es die eigenen.

Im Vierteiler an den Gestaden der Bretagne ist es der Unternehmer Leon Menec (Hanns Zischler) und der Ex-Kapitän Michel Dumont (Ulrich Pleitgen), die ein mysteriöses Schiffsunglück in unauflöslich scheinender Schuld aneinander kettet. Familiäre Belastungen haben die beiden Männer außerdem. Die Unternehmergattin Claire (Katja Weitzenböck) ist eine muttertierische Intrigantin, die ihren unfähigen Sohn Caspar (Daniel Rösler, flachsblond und hochlabil) als Firmenerben durchsetzen will, weil sie ahnt, dass es aus einem Fehltritt des Alten noch einen anderen (nichts ahnenden) Spross für die Chefrolle gibt.

Käpt'n Dumont, vom Seebären zum weinerlichen Restaurantbesitzer mutiert, lasten neben dem Unglück die Schuldgefühle auf der Seele, sich um seine Tochter Marie (Henriette Richter-Röhl) nicht gut genug gekümmert zu haben, obwohl die eigentlich ziemlich motiviert als Polizistin in Paris dient. Und noch vier weitere Hauptpersonen leistet sich der Film: Zum Beispiel eine mit allen keltischen Wassern gewaschene gute Hexe (Angela Roy), die ihr Leben lassen muss, ehe ihr bei Adoptiveltern aufgewachsener Sohn (Johannes Zirner) - der aus dem Fehltritt mit Leon - von seiner wahren Abkunft sichere Erkenntnis erwirbt. Und sich dann auch noch erklären kann, weshalb er als Archäologe so leidenschaftlich an den vorzeitlichen Bretagne-Felsen, den Menhiren, interessiert ist - die keltische Mystik lässt die Lebenden von den Ansprüchen der Toten offenbar nicht frei.

Deutsche als Möchtegernkelten

Puh! Die Lindströmerixe haben da einiges zusammengemixt. Und wenn dann die Handlung anhebt und die Polizistin und Kapitänstochter Marie fast einem Anschlag zum Opfer fällt und - gerade aus dem Koma aufgewacht- die Leidensgeschichte ihres schuldbeladenen Vaters erfährt, zeigt sich, dass das Drehbuch viele Plots angehäuft hat, aber nicht das tut, wozu reichlich Zeit da wäre, nämlich Beziehungen und Figuren auszuloten.

Die Enthüllungsstory hat wenig Tiefgang, die Inszenierung wenig Lust, von gängigen Pfaden abzuweichen und Abgründe aufzuwerfen. So lindströmert über viel zu lange Strecken alles dahin, und der Zuschauer beginnt zu träumen von einem anderen Film, in dem die großartige Landschaft, die der Film (Kamera: Fritz Seemann) zur gelungenen Orchestermusik (Karim Sebastian Elias) zelebriert, wirklich etwas zu sagen haben würde.

Ach, hätte doch die Kargheit und edle Rauheit der Klippen die Dramaturgie gestrafft, das Endlos-Geklapper des Intrigenspiels beiseite gedrängt.

Ein helles Licht in der abgematteten Routine des Vierteilers ist Henriette Richter-Röhl ("Mein Leben - Marcel Reich-Ranicki"). Wenn sie ihren Archäologen lieben lernt, verschwimmt ihr Blick, aber sonst entgeht den anmutigen Augen in dem klaren Gesicht nichts. Wer sich in sie - die ehemalige Frontfrau der Rockband Jeden Tag anders - verguckt, wird gar nicht merken, dass er vier Teile vor dem Fernseher verbracht hat. Nichts bleibt verborgen, das Gute natürlich auch nicht.

"Wilde Wellen - Nichts bleibt verborgen", 25.8. + 28.8. + 1.9. + 4.9., jeweils 20.15 Uhr, ZDF



insgesamt 6 Beiträge
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blackcyclist2010 25.08.2011
1. Wilder Quark
Der SPON Zensor scheint ein heimlicher Verehrer von kitschigen Heimatfilmen zu sein. Nicht nur, das mein erster Beitrag, der ganz sicher nicht gegen irgendwelche Richtlinien verstoßen hat, nicht veröffentlicht wurde, jetzt wurden sogar alle anderen Forumsbeiträge gelöscht. Ich schreib mal nicht zu viel, wird sich sowieso nicht lohnen. Und die "Wilden Wellen lohnen sich erst recht nicht. Wer schaut sich denn so einen Quark an?
MadMad 25.08.2011
2. das ZDF ...
Zitat von blackcyclist2010Der SPON Zensor scheint ein heimlicher Verehrer von kitschigen Heimatfilmen zu sein. Nicht nur, das mein erster Beitrag, der ganz sicher nicht gegen irgendwelche Richtlinien verstoßen hat, nicht veröffentlicht wurde, jetzt wurden sogar alle anderen Forumsbeiträge gelöscht. Ich schreib mal nicht zu viel, wird sich sowieso nicht lohnen. Und die "Wilden Wellen lohnen sich erst recht nicht. Wer schaut sich denn so einen Quark an?
Vielleicht verteilt das ZDF nun neue Fernseher in die Altenheime? Ach nein, sowas tun sich ja nicht mal die Stammseher des ZDF an.
Keule³ 25.08.2011
3. ich und Du
so einen Mumpitz, den man jeden Sonntag eh schon auf den Wohnzimmertisch geknallt bekommt, wird unter der Woche zur besten Sendezeit gezeigt. Gute Fernsehfilme werden dafür Richtung Mitternacht verbannt. Hoffentlich werde ich nicht so debil, dass ich mir so einen Scheiß irgendwann mal gut finde. Kann die heutige Jugend gut verstehen, dass die oftmals nicht wissen auf welchem Sendeplatz das ZDF zu finden ist.
seika 01.09.2011
4. Bäm Kopfschuss, voll ins Knie!
Meine Mitbewohnerin und ich schauen gerade den neusten ZDF-Horrorfilm "Wilde Wellen", weil ein Bekannter von uns die Rolle des Casper spielt. Aus langeweile, weil der Film wirklich niemanden vom Hocker hauen kann, haben wir ein bisschen rumgegoogelt und haben diesen Artikel hier bei Spiegel Online gefunden und aufmerksam gelesen. Insgesamt fanden wir ihn sehr unterhaltsam. Allerdings würden wir den Autor bitten, wenn er sich schon über Schauspieler und Co. lustig machen möchte, doch bitte die Namen wenigstens korrekt zu schreiben. Falsch: http://www.google.com/search?q=daniel+r%C3%B6sler&hl=de&client=firefox-a&hs=kSY&rls=org.mozilla:de:official&prmd=ivnso&source=lnms&tbm=isch&ei=DttfTpzdBYHd4QSn3tFC&sa=X&oi=mode_link&ct=mode&cd=2&ved=0CBAQ_AUoAQ&biw=1366&bih=639 Richtig: http://www.google.com/search?q=daniel+r%C3%B6sler&hl=de&client=firefox-a&hs=kSY&rls=org.mozilla:de:official&prmd=ivnso&source=lnms&tbm=isch&ei=DttfTpzdBYHd4QSn3tFC&sa=X&oi=mode_link&ct=mode&cd=2&ved=0CBAQ_AUoAQ&biw=1366&bih=639#hl=de&client=firefox-a&hs=YnD&rls=org.mozilla:de%3Aofficial&tbm=isch&sa=1&q=daniel+roesner&pbx=1&oq=daniel+roesner&aq=f&aqi=&aql=&gs_sm=e&gs_upl=21107l23425l0l23831l9l8l0l0l0l6l1105l5706l6-5.1l6l0&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.&fp=431324ba25cf79f6&biw=1366&bih=639
achnee-erschonwieder 01.09.2011
5. habe gerade meine Mutti angerufen...
sie ist 77 Jahre alt, ich rufe sie nicht oft an, sie ist unwirsch, möchte nicht telefonieren, sie guckt einen spannenden Film, Tschüss Mutti, ich schalte den TV an, um zu checken, was das für ein Streifen ist: "Wilde Wellen" Ich gucke kein Fernsehen, ich sitze vorm Rechner, das ZDF macht alles richtig.
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