Norbert Himmler Was der neue ZDF-Intendant kann – und was nicht

Er förderte Jan Böhmermann, prägte ZDFneo und will Netflix Paroli bieten. Jetzt muss der künftige Intendant Norbert Himmler das ZDF gegen Angriffe aus der Politik verteidigen. Ist er dafür der richtige Mann?
Eine Analyse von Christian Buß
Künftiger ZDF-Intendant Norbert Himmler

Künftiger ZDF-Intendant Norbert Himmler

Foto: Jan Woitas / picture alliance / dpa

Auf dem Mainzer Lerchenberg gilt die Kronprinzenregelung. Auch weiterhin. Im Hauptsitz des ZDF tritt nach dem geordneten Abschied des Intendanten der amtierende Programmdirektor die Regentschaft an. So geht es seit vielen Jahren, so ist es auch heute wieder. Auf Thomas Bellut, Programmdirektor zu Mainz von 2002 bis 2012 und eben dort Intendant von 2012 bis 2022, folgt Norbert Himmler, seit 2012 Programmdirektor im rheinhessischen Funkhaus.

Dabei war die geordnete Thronfolge ein paar Wochen lang so schön durcheinandergeraten. Zu dem seit Belluts angekündigtem Abschied als potenzieller Nachfolger geltenden Himmler, der dem sogenannten schwarzen Freundeskreis im ZDF-Rundfunkrat nahesteht, stieß vor Kurzem auf Vorschlag des »roten Freundeskreises« die ARD-Journalistin Tina Hassel  als Kandidatin für den ZDF-Chefposten dazu. Eine spannende Kombi, die noch mal gehörig Dynamik in die gerade tobende Debatte über die Zukunft und Berechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks brachte.

Und das vielleicht gar nicht so sehr wegen der offensichtlichen parteipolitischen Farbenspiele um die Kandidaturen, sondern aufgrund der Arbeitsprofile von Hassel und Himmler. Die könnten kaum unterschiedlicher sein.

ARD-Hauptstadtstudio-Leiterin Tina Hassel

ARD-Hauptstadtstudio-Leiterin Tina Hassel

Foto: Metodi Popow / imago images

Hassel, 57, ist seit gut 30 Jahren in verschiedenen Positionen als Journalistin für die ARD unterwegs. Sie berichtete als Korrespondentin aus Washington und Paris. Sie moderierte den »Weltspiegel« und profilierte sich zuletzt als Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios als smarte Interviewerin. In Twitter-Kommentaren bezieht sie schon mal Stellung weit ab von dem, was viele im öffentlich-rechtlichen Rundfunk für schicklich halten. Hassel verkörpert die Figur der weltläufigen, kämpferischen, meinungsstarken Journalistin. Die Erneuerung des ZDF hätte es bei ihr wohl auf die harte Tour gegeben.

Bürokratisch beschlagener Manager

Himmler, 50, arbeitete sich vom freien Mitarbeiter der »heute«-Redaktion über verschiedene Positionen und Leitungsfunktionen im Fiction-Bereich in die Programmdirektion hoch, der er nun schon über neun Jahre vorsteht. Er wurde in Mainz geboren und musste die ZDF-Stadt für seine Karriere eigentlich nie verlassen. Er setzte hinter den Kulissen wichtige Leuchtturmprojekte um, holte etwa Jan Böhmermann ins ZDF-Hauptprogramm oder zuletzt mit der ARD-Moderatorin Sabine Heinrich  eine – Sensation bei den Öffentlich-Rechtlichen! – Frau unter 60 in die Samstags-Primetime des ZDF. Himmler verkörpert die Figur des vermittelnden, bürokratisch beschlagenen Managers. Die Erneuerung kommt, wenn sie denn kommt, bei ihm auf sanften Pfoten daher.

Bei einem ersten Wahlgang für die ZDF-Intendanz erhielt Hassel 24 Stimmen und Himmler 34. Keiner erzielte also die vorgeschriebene Dreifünftelmehrheit. Bei einem zweiten Wahlgang erhielt Hassel 28 und Himmler 32 Stimmen. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das schließlich damit endete, dass Hassel ihren Verzicht erklärte.

Dass die Wahl für die Intendanz am Freitagvormittag am Ende für öffentlich-rechtliche Schleichverhältnisse ein geradezu atemberaubendes Duell wurde, deutet darauf hin, dass möglicherweise eine Mischung aus beiden Profilen das Optimum wäre, um das ZDF durch die schwierige Zukunft zu führen. Denn sowohl der deutsche als auch der internationale Fernsehmarkt finden sich momentan in einem massiven Umbruch; Druck und Konkurrenz kommen aus verschiedensten nahen und fernen Ecken.

Momentan diskutieren die Ministerpräsidenten eine Novelle des Medienstaatsvertrags, die die Befugnisse der Öffentlich-Rechtlichen neu regeln soll. Es geht im Kern darum, dass ARD und ZDF in die Lage versetzt werden, schneller und flexibler auf die Anforderungen der Digitalisierung und des immer segmentierteren Fernsehmarkts reagieren zu können. Als Chef von ZDFneo zeigte Himmler ein gutes Gespür, schlank und schnell neue Formate auszuprobieren, auch Böhmermann konnte hier seine Zugkraft entwickeln. Der ZDF-Manager weiß neue Kanäle aufzubauen und Synergien zu nutzen; bei der gerade angeschobenen Vernetzung zwischen der ARD- und der ZDF-Mediathek spielte er eine wichtige Rolle.

Paroli für Netflix

Bei dem Großprojekt mag auch die mächtige Konkurrenz von Streamingplattformen wie Netflix eine Rolle gespielt haben – denen Himmler als Programmdirektor mit ambitionierten Serienproduktionen und Kooperationen im gewissen Maße schon Paroli bieten konnte. Unter seiner Mitwirkung wurde gerade mit der Serienverfilmung von Frank Schätzings Bestseller »Der Schwarm« das möglicherweise größte europäische Fernsehprojekt aller Zeiten  gestartet. Die Produktionskosten könnten am Ende gar das Mammut-Budget der ersten »Babylon Berlin«-Staffeln toppen.

Bislang keine Antwort hat Himmler allerdings auf die neue Konkurrenz von Privatsendern wie RTL und ProSieben , die momentan gesellschaftliche Stoffe wirkungsvoll als Event-Themen aufbereiten und in die Info-Offensive gehen. Bei ihrer Bewerbungsrede am Freitagmorgen machte Himmlers Konkurrentin Hassel deutlich, wie wichtig es sei, »Aufmerksamkeitsraketen« im Stil des siebenstündigen Pflege-Specials von Joko und Klaas bei ProSieben auch in der Primetime des Zweiten abzufeuern. Hassel konnte sich solche vollmundigen Ankündigungen leisten – ihre Kandidatur wurde von vielen Rundfunk-Insidern auch als Warm-up für andere große öffentlich-rechtliche Aufgaben gedeutet. Zum Beispiel wäre sie eine ideale Kandidatin, falls WDR-Intendant Buhrow vor 2025 abtritt.

Ihr Gegenspieler Himmler konnte da nicht so peppig-progressiv bei seiner Bewerbung auftrumpfen. Dass ZDF-Gewächs Himmler bereit ist, für dringliche Stoffe derart rigoros in die eiserne Struktur der Linearprogrammierung einzugreifen, darf bezweifelt werden. Damit würde er zu viele alte Kolleginnen und Kollegen vor den Kopf stoßen – und, noch fataler, auch die Marktführerschaft des Hauses gefährden, die er sich zum Teil als eigenes Verdienst anrechnen kann.

Klotzen mit schwierigen politischen Themen

Trotzdem: Statt in den Sparten oder der Mediathek zu krümeln, muss Himmler in der Primetime mit schwierigen politischen Themen klotzen. Auch um Relevanz unter Beweis zu stellen in einer Zeit, da diese von immer größeren gesellschaftlichen Kräften infrage gestellt wird. Es mehren sich zum Beispiel die Stimmen auch in den bürgerlichen Lagern um CDU und FDP, die eine Zusammenlegung von ARD und ZDF fordern.

Ob Himmler dazu taugt, als öffentlicher Frontmann des ZDF solche Angriffe zu kontern, muss sich noch zeigen. Sein Vorgänger Bellut führte die Anstalt rundfunkpolitisch recht geschmeidig durch die Finanzierungs- und Legitimierungsdebatten der letzten Zeit. Er konnte seine Sparbemühungen gut verkaufen, aber auch klare Ansagen gegen jene richten, die seinen Laden am liebsten abwickeln wollen. Belluts Hintergrund als politischer Journalist mag bei solchen öffentlichen Kontroversen geholfen haben.

Auf diesem Gebiet aber ist Himmler bislang blank. Umso wichtiger ist die Frage, wer ihm in der Programmdirektion folgt. Als chancenreichste Anwärterin – gerade nach dem Ausstieg von der ähnlich profilierten Hassel im Run auf die Intendanz – gilt Bettina Schausten. Die derzeitige stellvertretende ZDF-Chefredakteurin wurde zwischenzeitlich auch schon als Kandidatin für den obersten ZDF-Posten gehandelt, könnte nun aber Himmlers Programmdirektion übernehmen – auch um von dort aus jene harten programmatischen Debatten zu führen, für die dem Pragmatiker Himmler möglicherweise das Zeug fehlt.

Der Kronprinz hat sich durchgesetzt, ohne einen klugen weiblichen Kopf an seiner Seite wird er wahrscheinlich nicht regieren können.