"ZDFdonnerstalk" Morgenmagazin am Abend

ZDF/ Svea Pietschmann

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Dunja Hayali könnte nicht nur als Urlaubsvertreterin ihre Kollegin Maybrit Illner in jeder Hinsicht ersetzen. Leider will ihr "ZDFdonnerstalk" zu viel in zu wenig Zeit.

Im Sommer machen wir uns alle gerne ein wenig frei und öffnen wenigstens die oberen drei Hemdknöpfe. Das gilt auch fürs Fernsehen, wo die "ZDF-Morgenmagazin"-Präsentatorin Dunja Hayali nun für vier Wochen so etwas wie ein "Abendmagazin" moderieren darf. Eine lockere Stunde, in der mal dieses, mal jenes Thema gewissenhaft abgefrühstückt wird. Ganz früh und ganz spät ist das mit der Aufmerksamkeitsspanne so eine Sache, da will man die Leute nicht überfordern.

Was schade ist, weil Hayali gleich mit dem ersten Thema beweist, dass sie Überforderung kann. Es geht um die "Bedenken" mancher "besorgter Bürger" gegen den "Abschaum", der die Dreistigkeit hat, hierzulande Asyl zu beantragen. Um in den kostenlosen Genuss von Smartphones oder Spülmaschinen zu kommen, verlassen Menschen ihre spülmaschinenfreie Heimat und landen schließlich in Marzahn.

Hayali geht auf die Menschen zu

Anders als die handelsüblichen Talktanten und -onkel dirigiert Hayali nicht nur vom bequemen Sesselchen aus die Turniere der entsprechenden Meinungsritter - sie geht auf die Menschen zu. Und wenn sie sich bei den pöbelnden Demonstranten vor der geplanten Unterkunft in Marzahn eine Abfuhr holt, dann ist das so. Dann holt sie sich anderswo eine weitere Abfuhr oder doch noch eine Auskunft, von einer besorgten Dame in der Schlange: "In Köpenick hat der Lidl zugemacht, weil da nur geklaut wurde - habe ich gehört".

Sie sucht so lange, bis ihr ein goldener Moment glückt. In einer Einfamilienhaussiedlung stöbert Hayali einen Eigenheimbewohner auf, der unter dem Arm einen Halogenscheinwerfer trägt. Original verpackt, eben gekauft. Für den Bewegungsmelder daheim, denn "da hinten ist dunkel, da kann sonst jeder rein". Hayali ist dabei so fair, wie sie es als Partei nur sein kann.

"Woher diese Angst?", fragt sie schließlich, zurück im Studio, den AfD-Vize Alexander Gauland und den "Polit-Blogger" und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnisten Sascha Lobo. Der ist bis unter die Zähne bewaffnet mit Argumenten und rechtschaffener Empörung, Gauland dagegen schaut meistenteils müde und missbilligend zu Boden. Dennoch entwickelt sich zwischen den Widersachern ein sehenswerter Schlagabtausch, dem eigentlich nur ein Wasserglas im Weg ist. Wenn Gauland sich nach dem Glas beugt, müssen Hayali und Lobo sich recken und strecken, weil der Mann dann im Weg ist.

Dass Lobo in jedem zweiten Satz etwas Zitierfähiges hervorbringt ("Das Problem ist nicht, dass Sie am rechten Rand fischen, sondern dass sie der rechte Rand sind!"), kommt dem Format entgegen. Denn gerade, als sich die Debatte erstmals im Kreis zu drehen droht, bricht Hayali die Veranstaltung auch schon ab.

"Wir müssen das Thema jetzt leider zumachen!", denn schon nach gefühlten fünf Minuten wartet das nächste Thema, das mit dem ersten Thema zusammenhängt und zu dem Lobo sicher ebenfalls Zitierfähiges beizusteuern wüsste, wäre er noch im Spiel.

Revuehafte Wohlgefälligkeit mit Monica Lierhaus

Die Überleitung ist dennoch famos. Hayali lässt Menschen im Publikum die verbale Gülle vorlesen, die im Internet über ihr ausgeschüttet wird - und macht auf diese Weise die ordinäre Routine im Netz ("Du kleine Hure mit jüdischen Wurzeln, ich hoffe, du wirst geschlachtet wie ein Schwein", und so weiter ) sinnlich erfahrbar.

Um Cybermobbing geht es dann am Beispiel von Dieter Matz. Der Fußball-Blogger, erfahren wir im Einspielfilm, wird im Netz übelst beschimpft und nimmt sich das sehr zu Herzen. Hinzu kommt ein Experte, der schärfere Gesetze fordert und ansonsten bedauert, dass man da wenig tun kann.

Nach weiteren fünf gefühlten Minuten wird auch dieses Thema "zugemacht", damit die - gefühlten - restlichen 50 Minuten zusehends in revuehafte Wohlgefälligkeit abrutschen. Zu Gast ist Monica Lierhaus, und darüber ist Hayali "wirklich total froh und glücklich". Es sei Lierhaus' "erster Live-Auftritt seit sieben Jahren", was Lierhaus so nicht stehen lässt: "Leider muss ich dich korrigieren, ich war schon bei Sky!" Hayali: "Wow!"

Nun wird Monica Lierhaus im Fernsehen habituell gerne für die Tapferkeit applaudiert, Monica Lierhaus zu sein. Seit sie neulich ihr Bedauern bekannte, damals dieser zwar lebensrettenden, aber verhängnisvollen Operation zugestimmt zu haben, weht der Wind plötzlich von vorne. Wie kann die nur? Naja, sie kann halt. Sagen, was sie will. Auf der Couch mit Hayali relativiert sie ihre Aussage. Wäre sie jetzt tot, hätte sie "auch viel nicht erlebt, zum Beispiel die WM in Brasilien, oder jetzt den Donnerstalk bei Dir!"

Hayali kann harte und weiche Themen

Aber darum geht es nicht, sondern um Pauline. Das ist das Hündchen von Monica Lierhaus, das niedlich im Studio herumflitzt. Was Lierhaus an Pauline gefällt, will Hayali wissen. "Sie berührt mich, sie kommt zu mir, und dann kuscheln wir, und dann sinkt mein Blutdruck", sagt Lierhaus und präzisiert auf Nachfrage: "Wir liegen oft zusammen auf dem Sofa, und dann tröstet sie mich, wenn's mir nicht gut geht."

Worauf Hayali von ihrer "Emma" erzählt und wissen will, ob denn Pauline ebenso verfressen ist wie ihre "kleine Maus". Aber klar ist die verfressen, sie riecht schon die "Leckerli" in Hayalis Hosentasche, aber ganz besonders mag sie Leberwurst, alle Hunde mögen Leberwurst.

Lierhaus betont, sie sei "froh, froh, froh, extrem froh, dass ich sie habe, sehr froh". Denn Pauline ist, womit wir endlich beim letzten Thema wären, ein Therapiehund. Es folgt eine Reportage, die Lierhaus über einen Assistenzhund gedreht hat, der Diabetes riechen kann, in der Ausbildung 25.000 Euro kostet, von der Krankenkasse aber nicht bezahlt wird.

Anstelle der Krankenkasse fragt Hayali einen niedergelassenen Arzt. Der Arzt behauptet zu wissen, "wie die Krankenkassen ticken", hat aber auch keine plausible Erklärung für deren Herzlosigkeit. Hätte man sie halt mal fragen müssen, oder? Statt dessen fragte Hayali abschließend Lierhaus gewohnheitsmäßig: "Gibt es jemanden, den du gerne interviewen würdest?"

Hayali kann die harten Themen und die weichen Themen. Sie kann sogar mühelos mit mehreren Themen jonglieren. Es sollten halt Themen sein, die dieses Kunststück auch wert sind. Nebenbei noch ein Kaninchen aus dem Hut zaubern, das kann sie nicht.



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52 Leserkommentare
Steve111 24.07.2015
randhesse 24.07.2015
Allewetter 24.07.2015
biogr 24.07.2015
hschmitter 24.07.2015
angelobonn 24.07.2015
thomas.slowhand 24.07.2015
regardlessfreeregardlessf 24.07.2015
Böses Auto 24.07.2015
ogniflow 24.07.2015
franxinatra 24.07.2015
robinchen001 24.07.2015
svensche 24.07.2015
herbert 24.07.2015
werber 24.07.2015
appel&ei 24.07.2015
debreczen 24.07.2015
Gremlin_Monster 24.07.2015
ruzoe 24.07.2015
troy_mcclure 24.07.2015
DougStamper 24.07.2015
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lupenreinerdemokrat 24.07.2015
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rolandengel 24.07.2015
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bild-leser 24.07.2015
Jhelmerichs 27.07.2015

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