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08. Oktober 2013, 15:16 Uhr

"Sonneborn rettet die Welt"

Leimfalle für Dummschwätzer

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Der Mann hat das Talent, andere Menschen schlecht aussehen zu lassen. Das ist für Betroffene unschön, für Fernsehzuschauer aber ein Glücksfall. Jetzt hat der Spartenkanal ZDFneo Martin Sonneborn drei Reportagen drehen lassen, in denen der Satiriker die Welt retten darf.

Eigentlich passen Martin Sonneborn und das Fernsehen nicht gut zueinander. Das Fernsehen liebt ja eher den entspannten Moderatorentyp, selbst in der Satire, und moderat zu sein, ist das Letzte, was man Sonneborn nachsagen könnte. Der Ex-Chefredakteur der "Titanic" ist einseitig, verbissen, ungerecht, sein Humor eiskalt. Und wenn der Zwei-Meter-Schlaks hüftsteif durch seine Mini-Reportagen für die "heute-show" des ZDF stakst, weiß man nie, ob er das Ungelenke, Unentspannte bloß spielt.

Es war also kein Selbstläufer, dass Sonneborn und das Fernsehen zusammenfanden, und ohne die "heute-show", die dem ZDF außer Renommee und Quote auch noch junge Zuschauer beschert, wäre ein Format wie "Sonneborn rettet die Welt" vermutlich bis heute nicht einmal im Spartenkanal ZDFneo denkbar. Dass es dennoch geschah, ist ein Segen.

Nun also gibt es dreimal 30 Minuten Sonneborn pur. Und das heißt: Dreimal 30 Minuten lang wird nicht gekuschelt, nicht abgewogen, nicht erklärt. Sondern es wird ganz unverhohlen versucht, Dummheit und Dreistigkeit zu suchen, zu finden und vorzuführen. Es ist entschiedenes, witziges, waches Fernsehen, ein Gegenstück zu den routinierten Stücken der politischen Reportage, deren Standpunktlosigkeit oft genug hinter einem Wust an Erklärgrafiken und Expertengerede versteckt wird.

Wenn Sonneborn auf dem Moped durch Berlin kurvt und in Konzernzentralen beim Pförtner abblitzt, wirkt er mal wie ein Geistesverwandter des italienischen Filmemachers Nanni Moretti, mal wie die dürre deutsche Variante des US-Filmers Michael Moore. Beides politisch exponierte Gestalten, wie es sie unter deutschen Humorhandwerkern kaum gibt.

Sonneborn, der auch für SPIEGEL ONLINE die Satirerubrik SPAM verantwortet, sitzt im Schneideraum einer Hamburger Produktionsfirma und zeigt eine erste Fassung seiner Filme. Das ZDF will eigentlich vor der Ausstrahlung nicht zu viele Details rauslassen, weil es juristischen Ärger vermeiden will mit den Leuten, die in den Filmen schlecht wegkommen. Sonneborn ist das egal.

Die Angst des ZDF ist nicht unbegründet. Sonneborn hat das Talent, andere schlecht aussehen zu lassen, während er eigentlich nur dabeisteht und ein harmloses Gesicht macht. Er ist eine menschgewordene Leimfalle für Dummschwätzer aller Art.

In "Sonneborn rettet die Welt" (erste Folge am 10. Oktober, 22.45 Uhr) trifft es zum Beispiel die Deutsche Bank. Das Filmteam hatte dort ein Interview angefragt und mit der Pressestelle ein bisschen herumgestritten, welche Fragen in einem Interview genehm seien. Nach einigem Mail-Verkehr schickten die Banker außer den erwünschten Fragen auch gleich die Antworten mit. Für jeden seriös recherchierenden Journalisten wäre hier Schluss. Für Satiriker Sonneborn fing der Spaß erst an.

So sieht man jetzt, wie Sonneborn und der Banker durch die Gänge der Deutschen Bank stelzen und das komplett vorgeschriebene Interview proben. Sonneborn liest falsch ab: "Welche Rolle spielen die Bösen darin?" Und wird behutsam korrigiert: "Die Börsen." Ungerührt steht er daneben, wenn der Banker am Beispiel einer elektrischen Zahnbürste erklärt, wozu Banken notwendig sind. Der etwas kameranervöse Banker gibt sich alle Mühe, locker rüberzukommen. Ein Rätsel ist, warum niemand in der Bank Sonneborn erkennt.

Und womit putzen Sie Ihr Waschbecken?

Die drei Filme haben alle den gleichen Plot. Sonneborn lässt sich vom Weltuntergangspropheten Jørgen Randers, der einst den Bericht des Club of Rome mitverfasst hat, Tipps geben, wie die Welt gerettet werden könnte. Es geht um die Finanzkrise, um Umweltverschmutzung und Korruption. Randers schlägt etwa vor, dass jeder EU-Bürger für fünf Tonnen CO2 Emissionszertifikate kauft und verbrennt, um die Preise für Luftverschmutzung in die Höhe zu treiben. Sonneborn rückt dann aus, um die Ideen in die Tat umzusetzen.

Das ist lustig anzusehen. Sonneborn stiftet nicht bloß die Umweltpolitiker Bärbel Höhn und Peter Altmaier zum Zertifikat-Vernichten an - wobei Höhn um den Preis für die Zertifikate feilscht und Altmaier Sorge hat, die Sprinkleranlage könne losgehen. Nachdem der Satiriker beim Klimagipfel in Berlin rausgeflogen ist, bringt er auch ein paar Chauffeure der dort parkenden Dienstlimousinen dazu, sich an der Zertifikatszerstörung zu beteiligen.

Sonneborns Sympathie gehört den Linken, daraus macht er keinen Hehl. Wenn er ein Umsonstkaufhaus besucht oder einen jungen Mann begleitet, der Lebensmittel aus Containern rettet, wird er ganz mild. Leider geht er auch mit Gregor Gysi so behutsam um.

Mit zum Schönsten der drei Filme gehören die Szenen, in denen sich Sonneborn unters Volk mischt. Wenn er Reichen beim Shoppen in Berlin-Charlottenburg dieselben Fragen stellt wie Passanten im sozial schwachen Berlin-Neukölln: wo sie ihr Geld verstecken, ob sie einen Staubsaugerbeutel wechseln können, womit sie ihr Waschbecken putzen.

In der Folge, in der es um Korruption geht, schleicht sich Sonneborn in eine Besuchergruppe beim mittlerweile aus dem Bundestag ausgeschiedenen CSU-Abgeordneten Wolfgang Götzer ein, der jahrelang mit verhinderte, dass Deutschland das Anti-Korruptions-Abkommen der Uno ratifiziert. Im Parlament konnte er in dieser Sache durchaus schlagfertig auftreten. Als er das jedoch vor seinen Besuchern erklären soll, unter denen betont arglos der Satiriker sitzt, rudert Götzer hilflos mit den Armen und findet kaum Worte. Sonneborn erkennt er nicht. Ein Fehler, den er kein zweites Mal machen wird.


"Sonneborn rettet die Welt", 10. Oktober, 22.45 Uhr, ZDFneo

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