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Wende-Melodram im ZDF: Eine deutsch-deutsche Liebe

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Wende-Melodram "Zwischen den Zeiten" Liebe, eingemauert

Die Maueröffnung als Komödie, die Maueröffnung als Melodram: Nach dem ARD-Wendespaß "Bornholmer Straße" fährt das ZDF für "Zwischen den Zeiten" große Gefühle, komplexe Moral und Joy Division auf.

Was bleibt, sind Papierschnipsel. Millionen von Papierschnipseln. In großen Säcken werden sie bei Annette Schuster (Sophie von Kessel) angekarrt. Als technische Leiterin am Berliner Fraunhofer Institut überwacht sie die Zusammensetzung von Stasi-Akten, die kurz vor der Wende geschreddert wurden. Die gebürtige Westdeutsche rekonstruiert also Lüge, Verrat, Verbrechen.

Den eigenen Verrat hat Annette weitgehend verdrängt. Bis sie eines Tages dieses Bild von einem Jungen im Parka in den Händen hält, das von Stasi-Fotografen Mitte der Achtzigerjahre an einem Grenzübergang aufgenommen wurde: Es ist der DDR-Bürger Michael Rosch, mit dem sie als Schülerin eine kurze, aufwühlende Romanze hatte.

Bei einer Klassenreise nach Ost-Berlin hatte Annette den ketterauchenden Jungen kennengelernt und einige Tage mit ihm verlebt; Joy Divisions schwarz schimmernde, fatalistische Liebeshymne "Love Will Tear Us Apart" drehte sich die ganze Zeit auf dem Plattenteller und gab die Stimmung vor. Das Ende hatte das Wessi-Mädchen wohl schon unterbewusst einkalkuliert. Anders der Ossi-Junge, der sich bei der Rückfahrt seiner Flamme in die BRD in deren Reisebus versteckt hatte - und dann von ihr an der Grenze zum Aussteigen gezwungen worden war.

Weepie mit Anspruch

25 Jahre später nun sucht Annette, eigentlich fest liiert mit einem Kollegen (Marcus Mittermeier), aber angetrieben von der unaufgelösten ersten Liebe, Michael (Benjamin Sadler) noch einmal auf: Was ist in Ost-Berlin damals passiert? Ist man an dem anderen schuldig geworden? Und wie ist der andere mit dem Verrat umgegangen?

Das deutsche-deutsche ZDF-Liebesdrama "Zwischen den Zeiten" feiert an diesem Sonntag in der Reihe "Herzkino" Premiere, wo sonst die Koma-Romanzen von Rosamunde Pilcher gezeigt werden, wo gelegentlich aber auch das als Weepie verschriene Genre etwas freigeistiger geweitet wird. Aber ist es tatsächlich möglich, von schuldhaften Verstrickungen und echter schwerer Schuld vor dem Hintergrund eines Melodrams zu erzählen? Sehr gut sogar. Der forciert emotionale Rahmen sorgt in diesem Fall paradoxerweise für eine etwas offenere Betrachtung des Themas, wie sich der Mensch in autokratischen Systemen zu behaupten versucht.

Annette, inzwischen Mutter eines erwachsenen Sohnes, aber noch immer ohne Lebensmitte, trifft bei der ersten Begegnung nach 25 Jahren auf einen seltsam verwaist wirkenden Michael, der erfolgreich als Arzt arbeitet, aber alleine in einer restaurierten Seehütte lebt. Ist er ein desillusionierter Ex-Dissident? Oder hatte er sich damals, nachdem er verhaftet worden war, mit dem System arrangiert?

Widerstand und Anpassung

Annette und Michael, das muss im Melodram so sein, finden gegen jede Vernunft und Logik wieder zusammen. Der Genretopos der bedingungslosen Liebe wird in "Zwischen den Zeiten" (Buch: Sarah Schnier, Carl-Christian Demke) dazu genutzt, einen ebenso bedingungslosen Raum zu schaffen, in dem offen Lüge und Verrat verhandelt werden können - und in dem auf diese Weise viel differenzierter vom Standhaftbleiben und vom Mitmachen erzählt wird als in herkömmlichen TV-Mauer-Weepies vom Schlage "Die Frau vom Checkpoint Charly".

"Zwischen den Zeiten" fußt auf einem komplexeren Konzept von Schuld. So wie es etwa Roland Jahn, der aktuelle Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, in seinem gerade erschienenen, biografisch aufgeladenen Buch "Wir Angepassten - Überleben in der DDR" entwickelt hat. Jahn, der in der DDR immer wieder mit der Obrigkeit aneinandergeraten ist, weist in dem Werk darauf hin, dass es keinen allgemein gültigen Maßstab über das "richtige" Verhalten in einer Diktatur gebe. Wer überleben will, muss für sich die richtige Mischung aus Widerstand und Anpassung finden.

Mit Relativierung hat das nichts zu tun, es geht vielmehr darum, den schwierigen individuellen moralischen Abwägungsprozess nachvollziehbar zu machen. Ein anstrengendes, ein unplakatives, ein unheroisches Unterfangen.

Das aber ausgerechnet in dem Mauermelodram "Zwischen den Zeiten" funktioniert. Regisseur Hansjörg Thurn hat zuvor Biografiefilme wie "Beate Uhse - Das Recht auf Liebe" gedreht, aber auch Mittelalter-Mumpitz wie die "Wanderhure". Hier nun schließt er an die besseren DDR-Aufarbeitungsfilme an. Etwa an das Dissidentendrama "12 heißt: Ich liebe Dich", in dem sich eine Gefangene in ihren Stasi-Peiniger verliebt. Oder an den Stasi-Psychothriller "Es ist nicht vorbei", in dem der abgewickelte Überwachungsstaat grausam in der gesamtdeutschen Gegenwart nachwirkt.

Auch ist die grimmig-gefühlige ZDF-Produktion "Zwischen den Zeiten" eine wunderbares Konstrastprogramm zu dem ARD-Film "Bornholmer Straße", der am Mittwoch mit sardonischem Humor aus der Perspektive eines Grenzers vom 9. November 1989 erzählte. 25 Jahre nach dem Mauerfall sind offensichtlich noch reichlich Geschichten über Schuld, Integrität und die verschiedenen Mischzustände dazwischen im untergegangenen realen Sozialismus zu erzählen.

Oder um im Bild von "Zwischen den Zeiten" zu bleiben: Da liegen noch Mengen von Schnipseln rum, die zusammengesetzt sein wollen.


"Zwischen den Zeiten", Sonntag, 20.15 Uhr, ZDF. Im Anschluss, um 22.15 Uhr, läuft eine Dokumentation zum Thema.

TV-Tipp: Sondersendung zum Mauerfall am Sonntag,9. November, 22.45 Uhr, RTL
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