Margarete Stokowski

Soziale Medien Twitter ist nicht nur ein Rattenloch

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Viele Feuilletonisten verteufeln die sozialen Medien. Doch so schlimm, wie alle tun, sind die dann auch nicht: Es gibt twerkende Bäume, gute Tätowierer*innen und intelligenten Pimmelcontent.
Menschen im Austausch mit ihren Mobilgeräten

Menschen im Austausch mit ihren Mobilgeräten

Foto: Bernhard Lang / Getty Images

Wenn ich keine Accounts in den sozialen Medien hätte und mich nur übers Feuilleton darüber informieren würde, was auf Twitter, Instagram und den anderen Plattformen so los ist, würde ich denken, es muss die absolute Hölle sein. Das wäre ein bisschen richtig, aber ansonsten ziemlich falsch. Man muss natürlich über das sprechen, was schiefläuft, ich habe selbst erst vor Kurzem einen Essay über den sogenannten »Hass im Netz« geschrieben, leider bin ich da unfreiwillig Expertin geworden. Können Sie gern lesen. Aber nicht jetzt.

Es liegt natürlich in der Logik von Medien, dass über schlechte Nachrichten öfter berichtet wird als über gute Nachrichten. »45.000 Deutsche haben sich gestern mit Corona infiziert« ist eine Nachricht, »72 Millionen Deutsche haben gestern lecker gefrühstückt« ist keine. Aber wir wollten ja übers Feuilleton reden, und da stehen naturgemäß nicht nur Nachrichten im Sinne von »gestern hat Person X im Ort Y dies und das gesagt«, sondern hauptsächlich Betrachtungen zum Zustand von Gesellschaft und Kultur, und da kommen soziale Medien im Schnitt richtig schlecht weg. Unfair, wenn Sie mich fragen!

Aus Feuilleton-Sicht sind soziale Medien größtenteils ein ekliges Rattenloch voller Cancel Culture und Prangerkultur, ein kaltherziger Hass-Marktplatz, an dem man nix mehr sagen darf, als Mann natürlich sowieso nicht, und überhaupt natürlich der Schoß, aus dem die #MeToo-Bewegung kroch, die seitdem kontinuierlich Existenzen vernichtet. Außerdem eine perfide Like-Maschine, die Frauen zwingt, sich die Lippen aufspritzen zu lassen und sich beim Schminken zu filmen. Auf jeden Fall nichts, wo man intellektuelle Herausforderungen erlebt oder einfach nur Spaß haben kann. Aber ganz ehrlich, wenn soziale Medien so wären, wie man im Feuilleton lesen kann, würde sich da niemand mehr einloggen.

Ironie verstehen viele auch außerhalb von Twitter nicht

Vor ein paar Tagen konnte man auf Zeit Online lesen : »Die Logik der sozialen Medien beruht auf einer Ja/Nein-Fassung der Welt, in der dritte Positionen kaum einen Platz haben.« Die Literaturwissenschaftlerin Erika Thomalla schrieb, es gebe dort »wenige Spielräume für neutrale, abwägende, ambivalente oder uneindeutige Äußerungen«, viel Affirmation und Eskalation, man sei irgendwie immer »progressiv oder konservativ, links oder rechts, dafür oder dagegen« und man müsse immer mit einem Zwinkersmiley oder einem Hashtag markieren, wenn man was ironisch meint, damit man nicht falsch verstanden wird.

Das stimmt allerdings nicht so ganz. Es stimmt zwar, dass es Leute gibt, die ironische Aussagen mit einem »#Sarkasmus« markieren, und es gibt Leute, die Angst haben, irgendwann etwas Missverständliches oder Falsches zu machen und dann per Shitstorm gegeißelt zu werden. Aber: Erstens gibt es haufenweise ironische Aussagen auf Twitter, die nicht als solche gekennzeichnet werden, das kann ich als Heavy User Ihnen versichern. Und zweitens ist es zwar richtig, dass Leute ironische Aussagen manchmal ernst nehmen, aber das passiert außerhalb von sozialen Medien halt auch jeden Tag. (Ich habe einmal eine komplett ironische Kolumne darüber geschrieben, was für ein feministischer Held Justin Trudeau doch ist, und es gibt heute noch Menschen, die denken, dass ich den geil und heiß finde. Mann, Leute!)

Und, drittens: Es ist manchmal erst recht lustig zu sehen, was Leute alles falsch verstehen können. Ein paar Tage vor Silvester schrieb einer meiner Lieblings-Twitteraccounts, DJ Lotti : »in eigener sache: mein mann wurde gestern an der grenze zu polen mit 2 tonnen böllern in seinem ford transit erwischt. die anwaltskosten können wir leider unmöglich selber tragen. ich habe deshalb ein gofundme eingerichtet (erstmal 150000€ als spendenziel)«. Es gab leider richtig viele Leute, die das ernst nahmen und sich über uneinsichtige Böllerfans aufregten. Würde man sich mit dem Account ein bisschen beschäftigen, wüsste man, dass »DJ Lotti« nach Selbstauskunft eine 14-jährige schwer erziehbare Jugendliche ist, die gerade die Trennung von ihrem ungefähr zwölften Ehemann durchmacht, sich auf ihre Kandidatur als Oberbürgermeisterin von Stralsund vorbereitet, aber auch demnächst nach Madeira auswandern will, manchmal ihren Schülerpraktikanten die Treppe runterwirft und neulich von Elke Heidenreich verprügelt wurde. Das mit den Böllern könnte natürlich trotzdem stimmen, wir wissen es nicht.

Warum gibt es im Feuilleton so selten Betrachtungen darüber, was einfach nur unfassbar lustig oder lieb oder schlau ist und aus den sozialen Medien kommt? Es ist ein bisschen witzig, dass den sozialen Medien so oft vorgeworfen wird, alles zu verkürzen und zu polemisieren und nur Schwarz und Weiß zu kennen – und dass das gleichzeitig eine polemische Verkürzung und Schwarz-Weiß-Denken ist.

Auf Instagram gibt es nicht nur Frauen, die ihre beige eingerichteten Lofts fotografieren und dabei Lipgloss verkaufen, sondern auch Livestreams von Lesungen, es gibt differenzierte Buchkritiken, es gibt Seiten voller Fotos von fliegenden Flughörnchen und orientalischen Katzen, die aussehen wie eine Mischung aus Raubkatze und Fledermaus , man kann dort Ukulele lernen oder wie man sich selbst die Haare schneidet.

Über all das Harmlose schreibt niemand Leitartikel

Auf Twitter gibt es nicht nur Shitstorms, es gibt auch Leute, die richtig aufwendige Bildungsarbeit betreiben oder einfach nur über ihre Sorgen und Ängste schreiben, ihre Haustiere fotografieren oder die Bücher posten, die sie gerade lesen. Oder von ihren Krankheiten oder Reitausflügen erzählen. Es gibt einen Account, der »soviet soldiers dancing« heißt  und Videos von tanzenden Soldaten mit Tonspuren von Mariah Carey, Lady Gaga oder »Feliz Navidad« unterlegt. Das ist komplett lustig. Oder: Pimmelgate! Es gibt Fotos von Bäumen, die aussehen, als ob sie twerken  oder den australischen HNO-Arzt, der in einem Video erklärt, wie man sich korrekt den Tupfer in die Nase schiebt, ohne dass es wehtut . Alles komplett harmlos, aber darüber wird Jens Jessen nie einen wütenden Leitartikel in der »Zeit« schreiben.

Das Ding ist: Die Feuilletonist*innen wissen das ja alles. Sie lesen fleißig mit, denn ohne soziale Medien hätten die meisten von ihnen überhaupt keine Ahnung, worüber wir woken Cancel-Kriegerinnen die ganze Zeit so reden. Sie pflügen sich permanent durch den kostenlosen Content, den wir da abliefern, aber schreiben nur darüber, wenn sie einen Skandal wittern oder ein Ventil für ihr Gefühl des Abgehängtseins brauchen. Johanna Adorján hat einen ganzen Roman (»Ciao«) über einen alternden Feuilletonisten geschrieben, der am Ende der Geschichte einen markerschütternden Shitstorm auf Twitter erlebt, das Feuilleton fand den Roman natürlich »herrlich funkelnd«, »man kann ihn nur lieben«, ja klar, weil er alle Klischees über soziale Medien, die Feuilletonist*innen so haben, vollständig bestätigt.

Hier eine unvollständige Liste richtig guter Dinge, die ich in den sozialen Medien erlebt habe: Ich habe dort einige meiner besten Freund*innen kennengelernt, ich habe von sehr guten Büchern erfahren, ich habe ein veganes Pfannkuchenrezept gelernt und dass man den Sandwichtoaster auch mit Backpapier benutzen kann (man muss dann nichts mehr sauber machen!). Ich habe schon richtig oft Tränen gelacht, weil Leute so lustige Sachen schreiben. Ich habe alle meine Tätowierer*innen dort gefunden. Ich habe von Leuten erfahren, dass sie ihr Baby nach mir benannt haben (wie krass ist das?). Ich habe mit einem jungen AfD-Wähler gechattet, der mir Fotos von seinem durchtrainierten nackten Oberkörper schickte, um mich zu überzeugen, auch mal mit einem richtigen Deutschen zu schlafen.

Übrigens: Mein Handy ist kaputt

Oder das: Als ich noch hauptsächlich für die »taz« geschrieben habe, hatte ich sehr wenig Geld und irgendwann ging mein Handy kaputt. Ich weiß gar nicht mehr, was ich dazu geschrieben hatte, aber irgendwie meldete sich auf Twitter ein »taz«-Leser bei mir, der noch ein gebrauchtes iPhone in der Schublade hatte: ob ich das haben will. Klar wollte ich, ich hätte mir nämlich kein neues leisten können, ohne mir irgendwo Geld auszuleihen. Eigentlich soll man als Journalistin keine Geschenke annehmen. Aber wir machen ja alle Fehler! (Aktuell ist mein Handy wieder kaputt übrigens, und es gibt so einen Leser, der mir auf Instagram immer so dermaßen väterliche Tipps gibt, dass ich nur ganz knapp davon entfernt bin, ihm zu sagen, dass mein iPhone immer ausgeht und ein neues mir guttun würde, aber ich reiße mich zusammen.)

Oder neulich, kurz vor Weihnachten, hatte ich einen kleinen Unfall und habe mir richtig schlimm mein Knie geprellt. Eine Woche später war es immer noch schlimm, aber mein Arzt hatte natürlich Urlaub und in die Notaufnahme zu gehen erschien mir übertrieben, also habe ich gefragt, ob mir vielleicht medizinisch ausgebildete Leute folgen, die mir sagen können, was ich tun muss, und zack – schrieb ich Nachrichten mit einem Unfallchirurgen, der mir Tipps gab. Wie schön und lieb ist das denn? Das Knie ist auch besser inzwischen.

Ich hasse Twitter und Instagram auch manchmal. Aber stellen Sie sich mal vor, es wäre Pandemie und wir hätten das alles nicht. Das wäre wirklich die Hölle.

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