Zur Ausgabe
Artikel 68 / 98

SOZIOLOGIE Typus P

Wie perfekt die deutsche Nachkriegssoziologie ihre braune Vergangenheit verdrängt hat, belegt eine neue Untersuchung. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Wenn es die Gesellschaft betrifft, dann bemühen sich deutsche Soziologen streng und unerbittlich um Aufklärung. Sollen sie aber die Rolle, die das Fach während der NS-Herrschaft gespielt hat, untersuchen, breiteten sie bislang den Mantel des Vergessens aus. Da geht es den Soziologen nicht anders als ihren Kollegen aus der Juristerei, der Philosophie oder Psychiatrie. Soziologie zwischen 1933 und 1945 - war da was?

Es war. Erst sehr spät beginnt die Soziologie, ihre braune Vergangenheit aufzuarbeiten. Der in dieser Woche beginnende 24. Deutsche Soziologentag in Zürich will sich mit diesem Thema beschäftigen. Neuere Untersuchungen _(Christoph Cobet (Hrsg.): »Einführung in ) _(Fragen an die Soziologie in Deutschland ) _(nach Hitler 1945 - 1950«. Verlag ) _(Christoph Cobet, Frankfurt; 148 Seiten; ) _(48 Mark. )

wie die von dem Frankfurter Antiquar und promovierten Germanisten Christoph Cobet herausgegebene Aufsatzsammlung dürften für Diskussionsstoff sorgen. Sie belegen, daß das Fach entgegen späteren Schutzbehauptungen unter Hitler gedieh, daß in der Nachkriegszeit hochgeschätzte Wissenschaftler fest in die Nazi-Herrschaft eingebunden waren.

Über die »normale« wissenschaftliche Forschungsroutine hinaus legten sich einige Soziologen für die NS-Herren besonders ins Zeug. Entgegen seinen späteren Behauptungen war der 1984 gestorbene Soziologenstar Helmut Schelsky - seine Untersuchung über die Jugend der fünfziger Jahre ("Die skeptische Generation") machte Furore - aufs Engste mit dem Regime liiert.

Der fachfremde Soziologiegeschichtler Cobet zitiert Recherchenergebnisse, nach denen Schelsky bereits 1932 in die SA eintrat, von 1934 an Mitglied des SA-Lehrsturms 107, Leipzig, war und ein Jahr später als Mitarbeiter im »Amt Rosenberg« an Empfehlungslisten für wissenschaftliche Publikationen mitwirkte. Als »sozialistische Tat« hatte der große Soziologe 1934 »die Unfruchtbarmachung von unheilbar belasteten Menschen« gefeiert.

Wirklich unheilbar erscheint, wozu sich Vertreter des Fachs, die nach dem Krieg in akademischen Ehren ergrauten, so hergaben. Der Hamburger Ordinarius ANdreas Walther etwa entwickelte Rasterverfahren für die faschistische Stadtsanierung. Mit dieser Technik im Sinne einer ausmerzenden Soziologie sollte es gelingen, »Volksschädigendes nicht länger schwächlich zu dulden, sondern unter Kontrolle zu nehmen und unschädlich zu machen«. In der Tat, das war »eine grundsätzliche neue Einstellung auch zur Großstadtsanierung«, wie Walther damals stolz bekundete.

Willfährig halfen Soziologen auch dabei, den Rassenwahn der Nazis pseudowissenschaftlich zu untermauern. Der sogenannte Volkstumssoziologe Wilhelm Brepohl untersuchte in der Zeit von 1936 bis 1939 das polnische Element im Ruhrgebiet. Allen Ernstes entwickelte er Merkmalskataloge für einen sogenannten Typus P, Kürzel für »Typus Polak«. Der sollte den politischen Unsicherheitsgrad polnischstämmiger Ruhrgebietsbewohner wissenschaftlich bestimmen.

Im Krieg machte sich Brepohl für die Nazis bei der Erfassung von Fremdarbeitern in den besetzten Gebieten Polens nützlich. Als wäre nichts geschehen, veröffentlichte der Blutsoziologe 1948 - nun Mitarbeiter an der Dortmunder Sozialforschungsstelle - seine Studie zum »Aufbau des Ruhrvolkes im Zuge der Ost-West-Wanderung« einschließlich des Unsinns vom Typus Polak.

Brepohls Rassedenken hat bis in die Gegenwart seine Spuren hinterlassen. Völlig unkritisch gab die »FAZ« in einem Leitartikel vom Februar dieses Jahres angebliche Beobachtungen von Kripo-Beamten im Ruhrgebiet wieder, die diese vor Jahren gesammelt hätten. Danach würden überdurchschnittlich viele Straftäter die Blutgruppe B aufweisen. Die »FAZ": »Liegt etwa Menschen mit der Blutgruppe B Kriminalität im Blut? Das Rätsel löste sich, als man herausfand, daß es sich bei den Straftätern um Nachfahren polnischer Einwanderer handelte.«

Nach dem Krieg, das zeigt die Aufsatzsammlung von Christoph Cobet, verdrängte die belastete Soziologie ihre braune Vergangenheit gleichsam von einer Stunde auf die andere. Leopold von Wiese, der erste Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, ein Mann, der während der Hitlerzeit in Deutschland in innerer Emigration gelebt hatte, erließ 1946 in Frankfurt auf der ersten Tagung der Gesellschaft ein Denkverbot: Die Naziherrschaft sei wie die Pest über die Menschen gekommen,

»von außen, unvorbereitet, als ein heimtückischer Überfall. Das ist ein metaphysisches Geheimnis, an das der Soziologe nicht zu rühren vermag«.

Nach dieser Melodie etablierte sich schnell wieder die akademische Elite, die schon in der Nazizeit das Sagen an den Hochschulen hatte. Von den acht Soziologie-Lehrstühlen, die nach dem Krieg entstanden, waren nur drei von Nazifeinden besetzt.

Mit Beginn des kalten Krieges leisteten die deutschen Soziologen den neuen Herren, den Besatzungsmächten und auch deutschen Regierungsstellen, beflissen wie stets ihre Hilfsdienste und ermittelten, nachdem sie sich mit den Techniken der empirischen Sozialforschung vertraut gemacht hatten, die Stimmungslage in der Bevölkerung, ohne nach deren historischen Ursprüngen zu fragen.

Kritischen Soziologen mit höherem Anspruch an gesellschaftliche Analysen wie den Begründern der Frankfurter Schule, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, schlug denn auch früh Ignoranz entgegen.

Leopold von Wiese etwa rezensierte eines der wichtigsten Bücher der Frankfurter, die Studie über die autoritäre Persönlichkeit, eine blendende Analyse über die gesellschaftlichen und sozialen Ursachen sozialer Vorurteile wie das des Antisemitismus, mit Unverstand und latentem Antisemitismus: »Mag nicht sogar in manchen Fällen das Vorhandensein einer Abnormität bei den Juden auf den nichtjüdischen Teil in ungesunder Weise einwirken? Mit anderen Worten: Sollten wirklich niemals schlechte Erfahrungen mit Juden das Urteil der Befragten beeinflussen?«

Obwohl nun all dies in Zürich zur Sprache kommen wird, glaubt Cobet an die Notwendigkeit, unabhängig vom akademischen Betrieb nicht nur für Fächer wie Soziologie die wissenschaftlichen Kontinuitäten von Ideen der NS-Epoche mit denen der Nachkriegszeit zu dokumentieren. »Die Erforschung der Rolle der Wissenschaft während und nach der NS-Herrschaft ist zu ernst, als daß man sie der Wissenschaft allein überlassen sollte.«

Christoph Cobet (Hrsg.): »Einführung in Fragen an die Soziologie inDeutschland nach Hitler 1945 - 1950«. Verlag Christoph Cobet,Frankfurt; 148 Seiten; 48 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 68 / 98
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.