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BÜCHER / DEMNÄCHST IN DEUTSCHLAND u. a.

aus DER SPIEGEL 5/1969

Günter Graß schreibt einen neuen Roman, und Uwe Johnson schreibt einen neuen Roman. Günter Herburger hat einen neuen Roman geschrieben, und Dieter Wellershoff hat einen neuen Roman geschrieben. Und Rudolf Hagelstange schreibt einen, und Peter Härtling hat einen geschrieben. Und Faecke hat und Fuchs hat. Und Hans Werner Richter auch.

Die Literatur ist tot -- wer sagt das? 1968 sei für die deutsche Literatur ein Jahr »dürftiger Ernten« gewesen, so bilanzierte kürzlich die »Welt der Literatur": »Es gab nur ein einziges Buch, dem man Attribute sichern konnte: die 'Deutschstunde' von Siegfried Lenz.« Der Bestseller, mit dem der Hamburger Autor »zum erstenmal richtig die Mainlinie überschritten hat« (Hoffmann-und-Campe-Verlagsleiter Knaus), erreichte in der letzten Woche die 100 000-Auflage.

1969 ist, aller Totbeterei zum Trotz, in der deutschsprachigen Belletristik zumindest die Aussaat üppiger.

»Hundejahre«-Autor Günter Grau, der sich zum Wahlkampf 69 bereits eine Wohnung in Bonn gemietet hat, legt derzeit im Tessin letzte Hand an seinen neuen (dritten) Roman mit dem Titel »Örtlich betäubt«. Im Herbst, wenn Grau wieder für die ES-PE-DE eintreten wird, soll das Buch, dessen Handlung bis ins Berlin von 1967 reicht, bei Luchterhand erscheinen.

Suhrkamp-Autor Uwe Johnson ("Zwei Ansichten"), von zweijähriger Gastarbeit Im New Yorker Verlag Harcourt, Brace & World zurück, arbeitet in Berlin an einem neuen Erzählwerk, in dem Gesine Cresspahl, das Mädchen aus dem Erstling »Mutmaßungen über Jakob«, wieder vorkommt -- in New York.

Der in Berlin lebende Günter Herburger ("Eine gleichmäßige Landschaft"), letzthin vor allem als Film- und Fernsehautor ("Tätowierung«, »Die Söhne") erfolgreich, präsentiert bei Luchterhand im Februar seinen laut Klappentext von »latenter Aggressivität beherrschten« Roman »Die Messe« (= Möbelmesse), dessen Urfassung Cheflektor Dieter Wellershoff für Kiepenheuer & Witsch nicht akzeptieren wollte.

Kiepenheuer & Witsch-Autor Wellershoff ("Ein schöner Tag") offeriert seinen Zweitroman »Die Schattengrenze«, der das »Muster des modernen Kriminalromans aus der Perspektive des gejagten Täters aufnimmt«.

1969 bringt neue Romane von Ulrich Becher ("Murmeljagd«, im Frühjahr bei Rowohlt) und Rudolf Hagelstange ("Altherrensommer«, Herbst, Hoffmann und Campe) von Hans-Christian Kirsch ("Deutschlandlied«, Frühjahr, Limes) und Walter Matthias Diggelmann ("Die Vergnügungsfahrt"« Herbst, 5. Fischer). von Peter Faecke ("Als Elizabeth Arden 19 war«, Herbst, Luchterhand) und Peter Härtling ("Das Familienfest«, Herbst Goverts), von Milo Der ("Die weiße Stadt«, Herbst, Hoffmann und Campe) und Günter Bruno Fuchs -- und in diesem Roman ("Der Bahnwärter Sandomir«, Herbst, Hanser), so versichert Hanser-Lektor Kolbe, »kommt nun das Wort Schnaps wirklich nicht vor«.

Es fehlt weder an Debütanten und Neutönern noch an Oldtimern und Großunterhaltern auf der deutschen Literatur-Szene 69.

Rowohlt lanciert den Wiener Oswald Wiener ("Die Verbesserung von Mitteleuropa"), Suhrkamp einen Klagenfurter namens G. F. Jonke ("Geometrischer Heimatroman")« Hanser den Frankfurter Wolf Wondratschek ("Früher begann der Tag mit einer Schußwunde"), 5. Fischer einen Tübinger namens Jürgen Alberts ("Nokasch u. a."), Diogenes den Wiener Manfred von Conta ("Der Totmacher"). Und wie schnell heute die Avantgarden arrivieren, zeigt im April Suhrkamp mit einem »Peter-Handke-Reader« in der auflagenstarken und preiswerten »Bücher der Neunzehn«-Reihe.

Aber auch Ascona trägt das Seine bei: Henry Jaeger ("Das Freudenhaus") beschreibt in seinem fünften Roman, »Der Club« (Frühjahr, Droemer), die »sexgeschwängerte Geselligkeit« von »Arrivierten« in Ascona; und Ascona-Einwohner Hans Habe ("Ilona") erzählt in »Das Netz« (Frühjahr, Walter) von der Ermordung eines Callgirls in Rom.

Noch ohne Titel verheißt Luchterhand für den Herbst einen neuen Roman vom »Gruppe 47«-Papa Hans Werner Richter. Ohne Titel ist auch noch der neue Roman des von Kennern hochtaxierten Münchner Autors Ernst Augustin ("Der Kopf") -- und in welchem Verlag er erscheinen wird, scheint auch noch ungewiß zu sein; zwei Häuser machen sich Hoffnung.

Die schwerstwiegende belletristische Novität schließlich kommt aus dem Heidedorf Bargfeld bei Celle. Am letzten Tag des letzten Jahres hat Arno Schmidt ("Kaff auch Mare Crisium") dort nach mehrjähriger Schreib- und Zettelkasten-Arbeit sein Größtwerk fertiggestellt. Titel: »Zettels Traum«. Umfang: weit über 1000 Großseiten mit jeweils drei Textkolumnen. Das Super-Opus wird zunächst wohl nur (bei Stahlberg) photomechanisch reproduziert.

»Romane«, sagt Verleger Klaus Wagenbach, der keine verlegt, »das ist doch nur noch etwas für den bürgerlichen Bücherschrank. Das Wesentliche geschieht doch heute in der Kurzprosa und in der Lyrik.«

»Fast so oft wie Gott wird der Roman für tot erklärt«, schrieb in diesen Tagen Amerikas »Time« -- und kündigte für 1969 neue Romane von Vladimir Nabokov« Lawrence Durrell, Philip Roth und Saul Bellow an. Und von vielen anderen mehr.

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