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GESUNDHEIT Über den Tellerrand

Zur bisher größten Tagung westdeutscher Selbsthilfegruppen trafen sich 3000 chronisch Kranke, Behinderte und Außenseiter in Hamburg. *
aus DER SPIEGEL 48/1983

Alleine machen sie dich ein, deshalb brauchst du die anderen.« Dieser Zuruf einer jungen Rollstuhlfahrerin sprach den Tagungsteilnehmern offensichtlich aus der Seele: Nahezu 3000 Menschen hatten sich am vorletzten Wochenende in Hamburg zu der bisher größten Zusammenkunft westdeutscher Selbsthilfegruppen versammelt.

»Gemeinsam sind wir stärker«, lautete das Motto, unter dem sich in der Hochschule für Wirtschaft und Politik Rheumatiker und Anfallskranke trafen, Diabetiker, Neurotiker und Dialysepatienten, Infarktbehandelte, Eßsüchtige, Sprachgestörte. Über die Erfahrungen

mit ihren insgesamt 60 Organisationen wollten sie berichten, sich über Patientenrechte und Versorgungsmöglichkeiten informieren oder auch nur einfach, so ein Teilnehmer, »über den Tellerrand der eigenen Gruppe gucken«.

Weshalb trotz enorm ausgeweiteter medizinischer und sozialer Dienste in den vergangenen Jahren immer mehr Selbsthilfegruppen entstanden sind, hatten die Veranstalter des Treffens, Medizinsoziologen und Psychologen am Universitätskrankenhaus Eppendorf, in einem vierjährigen Forschungsprojekt zu erkunden versucht. Sie befragten Hunderte von Selbsthelfern nach ihren Motiven, Gruppen zu gründen oder ihnen beizutreten. Studien über die Einstellung von Ärzten und Sozialarbeitern zu den Laienvereinigungen ergänzten die Untersuchung.

»Benachteiligte und Stigmatisierte«, so Projektleiter Privatdozent Alf Trojan, wollten nicht länger einsam leiden. Gegenüber den »Professionellen«, Ärzten und Bürokraten, könnten sich chronisch Kranke und Außenseiter besser behaupten, wenn sie eine gut informierte Gruppe im Rücken hätten.

Gesundheitliche und soziale Probleme waren schon in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts auf diesem unkonventionellen Wege angegangen worden. Als »Selbsthülfe« galten damals alle Einrichtungen, die nicht staatlich organisiert und finanziert waren, vor allem in der Armen- und Krankenpflege.

Die Geschichte der modernen Selbsthilfegruppen begann 1935, als sich in den USA die erste Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker bildete. Allmählich faßten dann neue Gesundheitsbewegungen von Laien Fuß in allen Industriestaaten - kaum ein Lebensbereich, für den nicht die entsprechende Gruppe gegründet wurde. Die 70er Jahre seien »das Jahrzehnt der Selbsthilfe« gewesen, hieß es in der Neujahrsausgabe 1980 der »New York Times«.

Auf mehr als 500 000 wurde damals schon in den USA die Zahl der Selbsthilfegruppen geschätzt.

Etwa 10 000 Zusammenschlüsse von Selbsthelfern, so rechnet Medizinsoziologe Trojan, gibt es derzeit in Westdeutschland. Wie vielgestaltig dieses System von Laiengruppen ist, zeigte sich auf der Hamburger Tagung.

Da erschienen die »Grauen Panther«, eine militante Organisation von Alten, und der »Arbeitskreis Päderastie«, »Schwusel«, der »Verband zur lesbisch/ schwulen Emanzipation junger Menschen«, ferner die »Arbeitsgemeinschaft Homosexuelle und Kirche«, die »Aktion Hamburger Tagesmütter/-väter«, ein Transvestiten-Club und der Verein »Intervention«, tätig »gegen die Diskriminierung von Minderheiten«.

Die meisten Selbsthilfegruppen jedoch, etwa 80 Prozent, engagieren sich auf medizinischem Gebiet. Oft setzen sie dort an, wo die herkömmliche ärztliche Versorgung Mängel aufweist - in der Nachsorge von Krebserkrankungen und nach schweren Unfällen beispielsweise, in der Bewältigung von chronischen körperlichen und seelischen Krankheiten oder auch von Suchtleiden.

Die Interessenvertretungen für »Menschen mit Ausfallserscheinungen« (so die alternative »Tageszeitung") etablieren sich vor allem mit drei Zielen: Die Mitglieder krankheitsbezogener Selbsthilfegruppen, das ermittelten die Hamburger Projektforscher, wollen *___die Interessen aller Betroffenen nach außen vertreten, *___die Einstellung der Betroffenen zu ihrer Krankheit ____verändern helfen, *___die Einstellung derjenigen beeinflussen, die mit der ____Krankheit beruflich zu tun haben.

Immer wieder sind es die Mängel in der Versorgung durch die Ärzte, die zur Gründung einer Selbsthilfegruppe führen. Die Experten träfen »zu viel autoritäre Entscheidungen«, beklagten 82 Prozent der für die Hamburger Studie befragten Selbsthelfer. Auch würden sie in den Arztpraxen nicht hinreichend aufgeklärt und informiert (85 Prozent), die Ärzte nähmen sich zuwenig Zeit (79 Prozent) und seien zu unpersönlich (77 Prozent).

All diese Lücken im professionellen System versuchen die Laienorganisationen zu füllen - sie vermitteln Geborgenheit in der Gruppe, liefern genaueres Wissen über das Leiden und eröffnen Kontakte zu engagierten Medizinern.

Vielen Ärzten, die den Initiativen der Laien anfangs mit Mißtrauen begegnet waren und sie als »Kaffeeklatsch-Runden« abtaten, ist mittlerweile die Selbsthilfe in Gruppen durchaus recht.

Manche Hausärzte, so erklärte Professor Ulrich Kanzow von der Ärztekammer Nordrhein vorletzte Woche auf einer Pressekonferenz über Selbsthilfegruppen in Düsseldorf, schickten ihre Patienten nach der Behandlung selbst zu solchen Gruppen. Nicht selten zögen auch die Mediziner aus den Erkenntnissen in den Gruppen Nutzen.

Profitieren von den unbezahlten sozialen Dienstleistungen der Selbsthelfer möchte offenbar auch Gesundheitsminister Heiner Geißler. In schwarz-rot-goldenen Faltblättern, die seit drei Wochen in allen Postämtern ausliegen, ruft der Minister zur tätigen Nächstenliebe auf. Mehr als eine Million Mark gab Geißler für die Kampagne aus - als Preis für Mitmenschlichkeit winkt eine Auszeichnung in Bonn.

Doch ähnlich wie die Behinderten (siehe Seite 53) wissen die angesprochenen Selbsthilfegruppen solch staatliche Zuneigung wenig zu schätzen. Sie wehren sich dagegen, darin waren sich auf der Tagung alle Gruppen einig, als »billiger Jakob« für Einsparungen im Gesundheitswesen herzuhalten.

Gewaltige Summen würden im Gesundheitswesen vergeudet, kritisierte in Hamburg Ellis Huber, Gesundheitsstadtrat in West-Berlin. So zahlten die Allgemeinen Ortskrankenkassen dort jährlich 250 Millionen Mark für Medikamente, die großenteils sinnlos seien oder gar nicht eingenommen würden. Für häusliche Pflege hingegen würden nur acht Millionen Mark ausgegeben.

Den Selbsthelfern noch mehr als bisher aufbürden zu wollen, meint der alternative Berliner Arzt, sei deshalb »pharisäerhaft und eine politische Unverfrorenheit«. _(Mit dem Emblem der Hamburger ) _(Selbsthilfetagung. )

Mit dem Emblem der Hamburger Selbsthilfetagung.

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