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Auktionen Überaus glücklich

Bürgerliche in Bluejeans und Windjacken drängelten sich bei der Versteigerung von Inventar aus dem Fürstenhaus.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Bei dickeren Brocken muß der Auktionator in der früheren Reithalle des Fürstenhauses Thurn und Taxis zu Regensburg schon mal etwas nachhelfen.

Einen Berliner Sekretär aus dem vorigen Jahrhundert mit vergoldeten Löwenfüßen, Karyatiden, sechs Geheimschüben und korinthischen Alabastersäulen möbelt er mit verhaltener Stimme auf: an geheimer Stelle ein eingelegter Adler, nicht identifizierte Initialen, wahrscheinlich mal im Besitz eines Preußenkönigs, mit Thurn und Taxis verschwägert.

Zäh und in bewußt kleinen Hunderter-Schritten geht es aufwärts. Durch Wiederholung des jeweiligen Preisstands in deutsch, französisch, englisch und italienisch verschafft Simon de Pury, Chairman des Kunst- und Auktionshauses Sotheby's, den erhitzten Interessenten Luft zum Nachfassen.

Statt des altbackenen »Zum ersten«, »Zum zweiten« flüstert er nur ein spannungssteigerndes »Ich will jetzt verkaufen« - und nach einer letzten Kunstpause fällt der Hammer: 85 000 Mark statt der veranschlagten 40 000.

Während bei den vierstelligen Ausrufpreisen nur selten eine Verdoppelung gelingt, geht es bei den kleinen Objekten stets ohne großes Zutun steil nach oben. Eine weckerartige österreichische Uhr geht spielend von 600 auf 2500 Mark, ein Buchregal mit japanischen Anklängen wird mit 600 Mark ausgerufen und mit 2200 Mark zugeschlagen.

Ein roter Damast-Fauteuil mit säbelförmigen Beinen auf Rollen wird durch den Versteigerungserlös von 4000 Mark (Ausrufpreis: 800) wohl für längere Zeit gegen die Gefahr immunisiert, aus kleinbürgerlicher Umgebung in den Sperrmüll zu wandern.

Die Vorlieben im Niedrigpreisbereich korrelieren mit der Kassenlage des Publikums, das sich gerade mal den Katalog für 60 Mark oder ein Thurn-und-Taxis-T-Shirt für 39 Mark leisten möchte. Die wie ein Volksfest ausgerichtete Auktion atmet für sie ein genußreiches Mitleid mit der Fürsten-Witwe: Sic transit Gloriae mundus.

Kinder krabbeln und krähen zwischen den Stuhlreihen. Windjacken und Bluejeans überwiegen bei den Besuchern. Kleinhändler in Lodenjoppen heben sich noch wohltuend ab von den schwergewichtigen Mitbietern, die oft an Möbelträger oder Alteisenhändler gemahnen.

Eher selten sieht man aufgetakeltes Weibsvolk, mediterran-bronzefarben bemalt und mit Silberstickerei übersät wie ein hochpreisiges Ausstellungsstück. Ganz alte Damen, das graue Haar frisch onduliert, nähern sich noch am ehesten dem im Emmeram-Schloß geltenden spanischen Hofzeremoniell.

Am edelsten gewandet sind durchweg die 100 Sotheby's-Mitarbeiter, die für zwei Millionen Mark die Versteigerung vorbereitet haben und neun Tage lang in Gang halten sollen. Sensationen wie vor fünf Jahren bei der Versteigerung des Andy-Warhol-Nachlasses in New York, als ein von Marcel Duchamp zum Kunstwerk erklärtes Pissoir-Becken unversehens von 3000 auf 115 000 Mark abhob, erwarten sie sich in der oberpfälzischen Hauptstadt nicht.

Mariae Gloria von Thurn und Taxis, die sich trotz acht reservierter Stühle nicht im Bietervolk blicken läßt, erhofft sich von der Versteigerung einen Erlös von 14 Millionen Mark. Sogar auf ihre für sie extra angefertigten Harley Davidsons will die stürmische Hausherrin dafür verzichten. Das Geld ist zur Auffüllung der fürstlichen Kassen dringend nötig.

Denn kaum war vor drei Jahren der todkranke Fürst Johannes - ein frisch implantiertes Frauenherz hatte nicht mehr anspringen wollen - so richtig unter der Erde, da fing sein auf einige Milliarden Mark geschätztes Imperium auch schon an zu bröckeln und zu wackeln.

Zuerst versuchte sich die unversehens etwas klamme Witwe Gloria, Vermögensverwalterin des unmündigen Erbprinzen Albert, mit dem zu behelfen, was im Fürstentum wirklich reichlich vorhanden ist: über 30 000 Hektar an Wäldern und Feldern.

Doch die Offerten aus den Besitztümern klangen zuweilen wie Menetekel - so etwa die Flurnamen eines vor einem Jahr verkauften Areals von acht Tagwerk aus dem fürstlichen Forstamt Wörth: »Noth«, »Jammer« und »Elend«.

Heraufbeschworen hatte die finanzielle Düsternis der Freistaat Bayern, der vom Fürstenhaus 65 Millionen Mark Erbschaftsteuern kassieren will. Das ging ans Eingemachte des 500-Zimmer-Schlosses in Regensburg.

Die wertvolleren Stücke, darunter ihr Hochzeitsdiadem (Erlös: 935 000 Mark), schickte die Fürstin im Herbst letzten Jahres auf Sightseeing-Tour durch die Welt und ließ sie, ebenfalls von Sotheby's, in Genf versteigern. Binnen weniger Stunden waren die Pretiosen vor hochkarätigem Publikum - darunter der Pudding-Industrielle Oetker, Ira von Fürstenberg und Prinz Aga Khan - verkauft. Über den Gesamterlös von 21 863 930 Mark zeigte sich die in Genf abwesende Fürstin »überaus glücklich«.

Das teuerste Stück in Genf war eine Tabatiere Friedrichs des Großen für 2,5 Millionen Mark. Die bescheideneren Exemplare aus der Schnupftabakdosen-Sammlung des Fürsten sowie allerlei Kirchengerätschaften und eine große Gewehrsammlung tauschte der Freistaat Bayern gegen 44 Millionen Mark Erbschaftsteuer.

Überdies bleiben die wertvollen Stücke alle im Regensburger Schloß. Denn die bayerische Staatsregierung will dort alsbald eine Filiale des Bayerischen Nationalmuseums errichten und mit den 2200 frisch erworbenen Altertümern bestücken.

Der noble Umgang mit dem heimischen Adel und Uradel hat in Bayern Tradition. Wenige Jahre nach der Revolution von 1918 und dem Ende der bayerischen Monarchie zum Beispiel wurden die Wittelsbacher reumütig wieder mit allem versorgt, was ein Königshaus so braucht.

Nach dem Gesetz über den Wittelsbacher Ausgleichsfonds werden die zahlreichen Prinzen und Prinzessinnen von Bayern ausreichend mit Geld aus Mieteinnahmen und Fabrikerlösen versorgt. Außerdem stehen ihnen ungewöhnliche und nur selten wahrgenommene Privilegien zu: Sie dürfen die Geschmeide aus der Schatzkammer der Münchner Residenz tragen, in Schlössern übernachten, in ihren alten Revieren jagen und im (inzwischen ziemlich verdreckten) Nymphenburger Kanal baden. Y

Nobler Umgang mit dem heimischen Adel hat in Bayern Tradition

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