Margarete Stokowski

Sexualisierte Gewalt Die Unschuldsvermutung gilt nicht nur für Männer

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Die Unschuldsvermutung ist ein rechtliches Prinzip, kein moralisches – aber sexualisierte Gewalt kann auch stattgefunden haben, wo kein Gericht sie bestätigt.
Frau mit Pfefferspray: Dass sexualisiere Gewalt so selten nachgewiesen werden kann, ist ein Problem

Frau mit Pfefferspray: Dass sexualisiere Gewalt so selten nachgewiesen werden kann, ist ein Problem

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Yaraslau Mikheyeu / iStockphoto / Getty Images

Die allermeisten Männer haben keine Ahnung davon, was Frauen alles tun, um sich vor übergriffigem Verhalten von Männern zu schützen. Das können praktische Dinge sein wie: nicht allein im Dunkeln bestimmte Wege gehen, Selbstverteidigung lernen, Pfefferspray in der Jackentasche haben oder Fake-Telefongespräche führen, in der Bahn dicke Kopfhörer tragen, obwohl da gar keine Musik rauskommt, oder einen BH anziehen, obwohl es nicht nötig wäre. Oder es können eher psychische Vorgänge sein: dumme Sprüche ignorieren, sich Situationen schönreden oder Hinweise auf Gefahren ausblenden, um sich nicht permanent ablenken zu lassen.

Sehr viele Frauen tun diese Dinge, es ist ihr Alltag, aber Übergriffe passieren natürlich trotzdem. Manchmal nimmt man ein Taxi, um sicher nach Hause zu kommen, und dann ist es der Taxifahrer, der aufdringlich wird. Es gibt keinen sicheren Schutz vor sexualisierter Gewalt.

Wenn dann etwas passiert und die Frau anderen Menschen davon erzählt, hängen die Reaktionen natürlich von der Schwere der Tat ab, denn es gibt verbale Belästigung, es gibt mittelschwere tätliche Übergriffe, brutale Vergewaltigungen und alles dazwischen. Im Grunde kann sich die Frau aber nur des Mitgefühls ihrer Umgebung und der Öffentlichkeit sicher sein, wenn es sich um einen Fall handelt, in dem sie tagsüber nüchtern und in langer Kleidung nach Hause lief, dabei von einem Fremden überfallen wurde und direkt nach dem Fall zur Polizei ging, Wunden mit DNA-Spuren eines Täters vorweisen konnte, idealerweise gab es noch die Aufnahme einer Überwachungskamera.

In sämtlichen anderen Fällen wird es Misstrauen geben: Warum hat sie es so weit kommen lassen? Welches Verhältnis hatten die beiden zuvor? Welche Signale hat sie dem Täter gesendet? Steht sie auf so was? Warum spricht sie erst Jahre später darüber?

Der Umgang der Öffentlichkeit mit sexualisierter Gewalt ist voller Widersprüche. Einerseits sollen Frauen sich bei unangenehmen Männern »nicht so haben« und über bestimmtem »veralteten« Verhalten stehen, aber wenn sie dann erste Anzeichen der Übergriffigkeit ignorieren und schwere Gewalt erleben, sind sie »naiv« gewesen. Bleibt nur die dritte Option, den Mann beim ersten Anzeichen der Übergriffigkeit explizit und hart in seine Schranken zu weisen. Aber leider weiß man auch, dass zurückgewiesene Männer für Frauen Lebensgefahr bedeuten können.

Eine Frau, die öffentlich von Übergriffen erzählt und den Täter benennt, muss damit rechnen, dass ihr nicht geglaubt wird und sie der Lüge bezichtigt wird. »Unschuldsvermutung« ist ein Zauberwort, das alle Erzählungen, die außerhalb des Gerichtssaals stattfinden, zu Staub zerfallen lassen soll. Aber mit der Unschuldsvermutung ist es so eine Sache.

Denn die Unschuldsvermutung gilt auch für Frauen, die Männern Übergriffe vorwerfen. Man muss erst mal davon ausgehen, dass sie nicht lügen: Wer erklärt, dass eine Frau, die von Übergriffen spricht, lügt und das Ansehen dieser Person zerstören will, wirft der Frau mindestens üble Nachrede vor – und das wäre dann auch eine Straftat, die diese Frau begehen würde.

In den vergangenen Tagen gab es Diskussionen um zwei prominente Fälle, die sehr unterschiedlich sind, aber sich in bestimmter Hinsicht ähneln: In beiden Fällen geht es um den Vorwurf sexueller Übergriffe, in beiden Fällen ist nichts bewiesen, in beiden Fällen sprechen Fürsprecher von »Lynchjustiz« bzw. »Lynch-Stimmung« gegen die jeweiligen Männer.

Im ersten Fall erzählte eine Journalistin und Podcasterin von der Beziehung zu einem Mann, der direkt nach einem Gespräch über ihr Unwohlsein in der Beziehung körperlich übergriffig geworden sei. Er habe sie aufs Bett gedrückt, ihre Hose runtergezogen und angefangen an ihr »rumzuspielen«, bis er aufhörte und sagte, »boah, ich wollt dich jetzt einfach vergewaltigen, aber ich hab's dann doch nicht gemacht«, woraufhin er eine Panikattacke bekommen hätte – »und dann hatte ich Mitleid mit ihm und hab ihn getröstet«.

Nachdem verschiedene Leute in sozialen Netzwerken darauf hingewiesen hatten, um wen es sich handle, forderten sie Konsequenzen. Dazu twitterte einer seiner Auftraggeber »Es gibt aus guten Gründen kein juristisches Verfahren gegen […]. Einen Menschen aufgrund von Gerüchten in den sozialen Netzwerken an den Pranger zu stellen, ist eine moderne Form der Lynchjustiz.« Selbstverständlich verurteile man aber »jede Form von sexueller Gewalt«. Wie auch immer es zu diesem Statement kam: Ein Presseanwalt ließ später mitteilen, dass es ein Verfahren gab und dass dieses trotz Beschwerde rechtskräftig mangels hinreichenden Tatverdachtes zugunsten des Mannes eingestellt wurde.

Die Unschuldsvermutung ist ein rechtliches Prinzip, kein moralisches

Der Fall Dieter Wedel ist bekannter und muss hier nicht wirklich erläutert werden. Das Verteidiger-Team des Regisseurs hat vor wenigen Tagen ein SPIEGEL-Interview gegeben: Anwältin Dörthe Korn, Ex-Bundesrichter Thomas Fischer und Anwalt und CSU-Politiker Peter Gauweiler erklärten ihre Strategie für das anstehende Verfahren wegen möglicher Vergewaltigung. Es war von »Lynch-Stimmung« gegen den Angeklagten die Rede, sowie davon, dass es auch darum gehen werde, zu beurteilen, wie glaubwürdig die Zeugen sind, wenn es sich um Schauspieler handelt: »Also Personen, die gerne und schnell in andere Rollen schlüpfen, die aber auch die Gabe haben, überzeugend rüberzukommen in dieser Rolle.«

Auch müsse man bedenken, erklärte Anwältin Korn, dass Frauen bestimmte Dinge anders wahrnehmen als Männer: »Gerade der Sexualbereich ist ja prädestiniert dafür, dass eine Frau möglicherweise bestimmte Dinge als schlimm empfindet, während ein Mann sagt: Ja, es ist halt so.« Interessante Sichtweise, da der Fall, um den es geht, in der »Zeit«  wie folgt beschrieben wurde: Schauspielerin Jany Tempel erzählt, Wedel habe sie im Bademantel in einem Hotelzimmer empfangen, ihr eine erotische Drehbuch-Szene zu lesen gegeben und sie im Folgenden aufs Sofa gedrückt, während sie geschrien habe. Sie sei zur Tür gestürzt, Wedel habe sie aufgehalten, gegen eine Wand gedrückt und aufs Bett geworfen. Die Beschreibungen sind voller Gewalt, die man selbst mit einem schlechten Männerbild nicht als normales Männerverhalten verstehen kann.

Begehen also Leute, die aufgrund solcher Erzählungen den jeweiligen Frauen glauben, was ihnen passiert ist, eine »Vorverurteilung«, wie es im Interview zu Wedel mehrfach heißt?

Die Unschuldsvermutung ist ein rechtliches Prinzip, kein moralisches. Laut Europäischer Menschenrechtskonvention muss jeder einer Straftat Verdächtige so lange als unschuldig behandelt werden, bis rechtskräftig seine Schuld festgestellt wurde. Und nicht er muss seine Unschuld, sondern die Strafverfolgungsbehörde seine Schuld beweisen.

Aber, das ist das Dilemma, gleichzeitig macht man es sich eben extrem einfach, wenn man davon ausgeht, dass nur dort sexualisierte Gewalt stattgefunden hat, wo ein Gericht das bestätigt hat. Zumal man weiß, dass in sehr vielen Fällen überhaupt nicht angezeigt wird.

Das bedeutet nicht, dass man jedem Menschen alles glauben muss. Es bedeutet aber, dass mehr Gewalt passiert als Gerichtsurteile bestätigen können und dass man dementsprechend natürlich Meinungen zu Fällen haben darf. Eine solche Meinung kann zum Beispiel sein: Ich neige dazu, Frauen zu glauben. Oder: Ich sehe die Auftritte oder Filme dieser Person inzwischen mit einem schlechten Gefühl. Oder: Ich wünsche mir, dass dieser Fall eines Tages aufgeklärt wird.

Erinnert sich noch jemand an »Männerwelten«? Viele waren sehr berührt und aufgerüttelt von dieser Ausstellung über sexualisierte Gewalt vor einem knappen Jahr. Das Problem ist: Solange keine Namen genannt werden, gibt es eine breite Öffentlichkeit, die bereit ist zu sagen, wie schlimm es ist, dass Frauen immer noch so viel Gewalt erfahren und dass endlich etwas passieren muss. Sobald allerdings Namen von mutmaßlichen Tätern genannt werden, verschiebt sich die Diskussion auf die Frage, ob hier die Karriere eines unschuldigen Mannes zerstört werden soll.

Dass sexualisierte Gewalt selten nachgewiesen werden kann, ist ein Problem. Aber die Hauptgefahr ist hierbei nicht, dass haufenweise unschuldige Männer im Knast landen. Die Hauptgefahr ist, dass das öffentliche Misstrauen gegen mutmaßliche Opfer und diejenigen, die den Schilderungen glauben, dazu führt, dass Menschen, die Gewalt erfahren haben, es nicht wagen, darüber zu sprechen, weil sie ahnen, welche Macht ihnen dann entgegenschlagen würde.