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KATASTROPHEN Überleben oder untergehen

In seinem vielbeachteten Buch »Kollaps« erzählt der US-Wissenschaftler Jared Diamond atemraubend anschaulich vom Untergang vergangener Gesellschaften und Kulturen - und macht so die gegenwärtigen Gefahren eindringlicher deutlich als professionelle Warner. Von Anthony Doerr
Von Anthony Doerr
aus DER SPIEGEL 50/2005

Doerr, 32, wuchs auf einer Farm in Ohio auf. Nach seinem Debüt »The Shell Collector« veröffentlichte er mit »Winklers Traum vom Wasser« (Verlag C. H. Beck) einen Roman, der besonders wegen seiner magischen Naturbeschreibungen - von der Schneeflocke bis zur lebensbedrohenden Flut - beeindruckte.

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Vor rund 1400 Jahren ließ sich eine Hand voll Indianer, die sogenannten Anasazi, in einer Ecke des heutigen amerikanischen Bundesstaates New Mexico nieder, in einer Gegend namens Chaco Canyon. Im Laufe der darauffolgenden fünf Jahrhunderte errichteten sie ein kleines Imperium. Sie bauten Dämme, Handelsnetze und fünfstöckige Großhäuser mit 600 Räumen. Sie schufen die höchsten Gebäude, die es in Amerika zu sehen gab - bis zum Bau von Chicagos Hochhäusern in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts.

Die Bevölkerungszahl stieg. Die Urwälder schrumpften. Die Fruchtbarkeit der Erde ließ nach. Bald wurde die Stadt im Chaco Canyon von umliegenden Außenposten am Leben erhalten, die die Waren über komplizierte Straßennetze ins Zentrum lieferten. Mais, Tonwaren, Holz, Steine für Werkzeuge, Türkise für Schmuck - nahezu alles, was in der Chaco-Gesellschaft verwendet wurde, musste eingeführt werden, auch Luxusgüter wie Kupfer, Papageien und Muscheln zur Dekoration.

Manche Häuser im Chaco waren größer und sorgfältiger gebaut als andere. Die Bewohner dieser Häuser aßen mehr Fleisch, hatten eine niedrigere Säuglingssterblichkeit und wurden mit mehr Schmuck beigesetzt. Es bestand eine Hochkultur mit reichen und armen Menschen, die geografisch um ein kulturelles und religiöses Zentrum angeordnet und von den Waren und der Arbeitskraft der umliegenden Gebiete abhängig war. Die Menschen hatten massive Umweltprobleme, mussten lebenswichtige Rohstoffe (vor allem Holz) von immer entfernteren und ungünstigeren Orten importieren, und sie hatten mit Klimaveränderungen zu kämpfen.

Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?

Sehen Sie, Schriftsteller, die sich um die Umwelt Gedanken machen, stehen vor einem Problem: Es ist schwierig, die Aufmerksamkeit der Leser zu gewinnen. Natürlich können wir Interviews mit Wissenschaftlern führen, schwindende Gletscher fotografieren, ökologische Schäden inventarisieren: 1. Eine riesige Mehrheit der Korallenriffe unserer Erde könnte bis zum Jahr 2050 tot sein. 2. Mehr als 100 Millionen Menschen könnten bis 2020 an Krankheiten sterben, die eine Folge des Mangels an sauberem Wasser sind. 3. Das Artensterben findet heute in einem schnelleren Tempo statt als das Sterben der Dinosaurier.

Und so weiter und so fort. All das sollte eigentlich völlig verblüffend sein, aber ganz ehrlich: Was bewirken solche Litaneien noch bei uns? Sind sie uns, zwei Stunden nachdem wir die Sonntagszeitung aus der Hand gelegt haben, noch gegenwärtig? Oder werden sie einfach Teil des Hintergrundrauschens aus Terrorwarnungen und mutlos machenden Schlagzeilen, ein paar weitere Meldungen, die am unteren Rand unseres Bildschirms vorbeirollen?

Wer über die Umwelt schreibt, läuft ständig Gefahr, als Kassandra dazustehen, eine Katastrophenseherin, deren Schreie auf taube Ohren stoßen. Der Himmel stürzt ein! Fahrt Autos mit Hybridantrieb! Niemand will sich eine Schmährede anhören. Es ist inzwischen 13 Jahre her, dass 1500 Wissenschaftler, darunter viele Nobelpreisträger, in ihrer Warnung an die Menschheit mahnten: »Viele unserer derzeitigen Praktiken könnten, wenn wir ihnen nicht Einhalt gebieten, ... die lebendige Welt dermaßen verändern, dass sie nicht in der Lage ist, das Leben, wie wir es kennen, weiterhin aufrechtzuerhalten.«

Und was hat sich geändert? Wenn am ökologischen Verfall irgendetwas neu ist, dann die Geschwindigkeit, mit der er vonstatten geht.

Ist es eine Frage der Unkenntnis? Verleugnung? Vielleicht liegt das Problem teilweise in der Art und Weise, wie es dargestellt wird. Vielleicht müssen wir bei der Darstellung unserer Probleme kreativer sein. Nicht unbedingt dramatischer, aber einfallsreicher. Auftritt Jared Diamond.

Diamonds Buch »Kollaps« - Untertitel: »Warum Gesellschaften überleben oder untergehen« - präsentiert eine ganze Palette von Fallstudien über den Zusammenbruch von Gesellschaften im Laufe der Geschichte, von den alten Maya über die Anasazi bis hin zu den Statuenerbauern der Osterinsel; es ist ein mächtiges, breitgefächertes Buch - und es ist fesselnd*.

Diamond, 68, ist kein Umweltschützer an sich. Er ist Evolutionsbiologe, Geograf und Professor an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Er beobachtet zwar gern Vögel, aber interessiert sich für Umweltprobleme eher wegen »ihrer Auswirkungen auf die Menschen und nicht wegen ihrer Folgen für die Vögel«.

In vieler Hinsicht ähnelt Diamonds Methode derjenigen, die ich als Romanautor wähle: Er wendet sich nicht an den Intellekt oder das Gewissen seiner Leser, sondern an deren Einbildungskraft.

Zahlreiche Wissenschaftler und Politiker reden über die Umwelt, als könnte man sie getrennt von unserem Alltag adressieren - als Tagesordnungspunkt, als Schautafelproblem. Aber das ist der falsche Ansatz. Wir sind unsere Umwelt. Sie ist, wo wir leben, was wir essen, was wir atmen. Natur ist nicht der gefährdete Panda in China, Natur sind die Billionen Mikroorganismen, die sich in unserem Darmsystem befinden. In meinen

Geschichten sind die Menschen untrennbar von der Landschaft, in der sie leben. Sie werden von ihr genauso bewegt, wie sie sich über sie hinwegbewegen. Jeder von uns weiß, dass der Erde immer größere Wunden zugefügt werden. Jeder, der seinen Müll entsorgt, weiß es.

Gehört die Natur uns, oder gehören wir ihr? Das ist eine Frage, die Romanautoren genauso stellen sollten wie Wissenschaftler. Wer »Kollaps« liest, wird aber auch feststellen, dass es zu simpel ist zu sagen, solche Gesellschaften, die ihre Umweltprobleme nicht lösen, seien zum Untergang verurteilt. Umweltprobleme sind nur ein Faktor, der zum Kollaps von Gesellschaften führt - nur einer von vielen.

Diamonds Kernthese ist, dass wir aus Fehlern und Erfolgen vergangener und aktueller Gesellschaften lernen können. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass die Chancen nicht sehr groß sind, dass wir uns ändern. »Zum ersten Mal in der Geschichte«, schreibt er, »droht die Gefahr eines weltweiten Niedergangs. Zum ersten Mal haben wir aber auch die Gelegenheit, schnell aus Entwicklungen zu lernen, die sich irgendwo auf der Welt in anderen Gesellschaften abspielen, aber auch aus dem, was sich dort irgendwann in der Vergangenheit abgespielt hat.«

Vielleicht erahnen Sie jetzt, was aus den Anasazi des Chaco Canyon geworden ist. Ich mache es kurz: Es gab Konflikte. Die Archäologen verfolgen, wie Gemeinden umgesiedelt waren, an Orte, die sich besser verteidigen ließen, manche standen auf Felsklippen, manche hatten Wassergräben und Türme. Sie finden Skelette, in denen Pfeilspitzen stecken. Es gibt Hinweise auf Hungertod und Kannibalismus. Diamond merkt an, dass »Überreste vollständiger, kopfloser Mäuse in menschlichen Koprolithen (eingetrockneten und deshalb erhaltenen Exkrementen)« darauf hindeuten, »dass Menschen die Mäuse auf den Feldern fingen, ihnen den Kopf abschnitten und sie dann im Ganzen schluckten«.

Um das Jahr 1200 nach Christus war der Chaco Canyon verlassen. 800 Jahre später ist er immer noch unbewohnt: eine trockene und unwirtliche Landschaft, bar aller Bäume.

Das Beispiel der Anasazi dafür, wie Umweltzerstörung den Wohlstand einer Hochkultur in seiner Blüte untergräbt, ist kein Einzelfall. Man denke etwa an die Osterinsel, deren Einwohner jeden einzelnen Baum auf der Insel fällten und somit ihren eigenen Untergang besiegelten. Oder an die Wikinger in Grönland, deren Siedlungen vier Jahrhunderte überdauerten, bevor sie ganz plötzlich auf rätselhafte Weise im Strudel des Nichts verschwanden. Des Rätsels Lösung ist im Grunde genommen, dass sie zu viele Bäume gefällt und zu viele Soden für ihre Dächer und Wände gestochen hatten.

Oder man denke an die Maya, deren Bevölkerungszahl die verfügbaren Rohstoffe überflügelte, während sie gleichzeitig durch Misswirtschaft den Nährstoffgehalt ihrer Böden zerstörten. Diamond weist darauf hin: »Man sollte ... nicht glauben, das Risiko eines Zusammenbruchs bestehe nur für kleine, aber anständige Gesellschaften in besonders fragilen Regionen; die Maya sollten uns eine Warnung sein, dass ein solches Schicksal auch die am höchsten entwickelten, kreativsten Gesellschaften ereilen kann.«

Diamonds Argument räumt vor allem mit dem beharrlichen Irrglauben auf, bei eingeborenen Völkern der Vergangenheit habe es sich entweder um sanfte, überlegene Geschöpfe gehandelt, die im Einklang mit der Natur lebten, oder aber um minderwertige Wilde, die wie Tiere lebten. Beide Fiktionen sind weitaus weniger interessant als die Wirklichkeit: Der einzige Unterschied zwischen uns und prähistorischen, präkolumbischen oder präindustriellen Menschen waren deren Lebensbedingungen.

Diamond beschreibt diese Bedingungen ausführlich genug, so dass man nicht umhinkommt sich vorzustellen, wie man sich als Delfinjäger auf der Osterinsel gefühlt hätte oder als mittelalterlicher Bauer auf Grönland oder als letzter König von Copán, der zitternd in seinem Maya-Palast hockt.

Was an dieser Perspektive so besticht und gleichzeitig so verstört: Man begreift, dass diese Gesellschaften verschwunden sind, nicht auf Grund irgendeiner äußeren Katastrophe - einer gewaltigen Flut, eines Vulkanausbruchs - oder weil die gesamte Gemeinschaft eines Tages beschlossen hätte, ökologischen Selbstmord zu begehen; sondern weil rationale Menschen so handelten, wie es ihnen rational erschien. Sie versuchten lediglich, so zu leben, wie ihre Vorfahren es getan hatten. Diamond nimmt durchaus auch die gegenwärtigen Umweltprobleme ins Visier, in Montana genauso wie in China oder Ruanda. Seine Untersuchung Ruandas ist faszinierend. Den Genozid von 1994 als rein ethnischen Konflikt zu sehen - Hutu gegen Tutsi -, sei eine grobe Vereinfachung, meint Diamond.

Warum sind die Verbrechenszahlen vor den Tötungen von 1994 eskaliert? Warum haben Hutu nicht nur Tutsi, sondern auch andere Hutu umgebracht? Er weist auf eine eskalierende Reihe von ökologischen Problemen hin, die den Ereignissen von 1994 vorausgingen. Kahlschlag der Wälder, Dürre und Erosion des Mutterbodens. Mehr Menschen, weniger fruchtbares Ackerland. Dazu gebe man noch eine drastische Erhöhung der Anzahl von Auseinandersetzungen um Land, und schon hat man die Zutaten für ein explosives Gemisch. Die meisten Menschen seien »verarmt, hungrig und verzweifelt« gewesen, schreibt Diamond, »aber manche waren verarmter, hungriger und verzweifelter als andere«. Was bei diesem erschreckenden und extrem detaillierten Buch vielleicht überrascht, ist die Tatsache, dass sich »Kollaps« einer solch großen Beliebtheit erfreut. Die US-Ausgabe, die ich für diese Besprechung gelesen habe, ist bereits in der 14. Auflage erschienen.

Es ist nicht der flotte Stil, der Diamonds Buch so beliebt macht. Es ist das Thema selbst. Dieses ist der Rohstoff für die Phantasie: die Fehden der Wikingerhäuptlinge, der Sturz von Edelmännern, die Mentalität des überfüllten, unterversorgten Rettungsbootes. Man liest darüber, wie der Mutterboden der ruandischen Bauernhöfe in die Flüsse gespült wurde, oder von Bewohnern der Osterinsel, die auf einer entwaldeten Insel versuchten, Seile herzustellen, um eine Zehn-Tonnen-Statue aufzustellen, und die Spannung, die man dabei verspürt, ist, als würde man zusehen, wie immer mehr Fässer mit Schießpulver gefüllt werden.

Es geht in »Kollaps« um Siedepunkte, um den Zerfall der Obrigkeit; man liest von der Osterinsel im Jahre 1500 und denkt an Los Angeles 1992 oder Paris 2005. Diamonds Studenten fragen sich, so erzählt er, ob die Menschen sich in 100 Jahren über unsere heutige Blindheit ebenso wundern werden, »wie wir uns über die Blindheit der Bewohner auf der Osterinsel wundern«.

In einer globalisierten Welt sind die Probleme von abgelegenen, entwaldeten und übervölkerten Ländern auch unsere Probleme. In einer zusammenbrechenden Hochkultur bedeutet Reichsein lediglich, dass man als Letzter verhungert.

Wir öffnen Glückskekse; wir studieren die Linien auf unseren Handflächen. Wir besuchen Wahrsager, nicht unbedingt, weil wir wissen wollen, was kommt, sondern weil wir bestätigt bekommen wollen, dass wir doch aus unseren Fehlern lernen können und dass alles letztendlich gut werden wird.

Unsere Kinder werden die Welt erben. Aber, so fragt Diamond vorsichtig und akribisch, welche Welt werden wir ihnen hinterlassen?

* Jared Diamond: »Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen«. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 704 Seiten; 22,90 Euro.

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