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Überlebensgroß Herr Gross

aus DER SPIEGEL 43/1990

Der Autor Roger Willemsen, 35, lebt in London. Bei Tiamat in Berlin ist gerade sein Buch »Kopf oder Adler. Ermittlungen gegen Deutschland« erschienen.

Köstlich ist der Klassenkampf - jedenfalls wenn man ihn von oben nach unten betreibt, die Farbe des Anzugs auf die Wagenpolsterung abgestimmt und die bei der Haute Finance genossene Haute Cuisine im Frankfurter Allgemeine Magazin hochsprachlich wieder abgesondert hat, tief beeindruckt vom einen wie vom anderen und am meisten von sich selber.

Wäre ihm Beckenbauers Autobiographie nicht zuvorgekommen, »Einer wie ich« hätte das Buch des Unvergleichlichen heißen müssen, der sich als publizistischer Vorgesetzter an die Verteidigung der »Machteliten« gegen das Vulgus macht, gegen »die Dummen«, die »kleinen Leute« und »entmenschten Charaktere«, die »orang-utanhaften Menschen«, die »grämlichen Volksfürsorger«. Minderheiten? Nichts als »soziale Parasiten«! Gesellschaftskritik? Da sei Gross vor, das Sprachrohr der biederen Unmenschlichkeit.

Das FAZ-Magazin hat Johannes Gross, dem Capital- und Impulse-Herausgeber, Fernsehtalker, Einmischer und Mitmischer, eine Bütt für prosaische Kleinkunst aufgebaut, ein »Notizbuch«.

Alle paar Wochen berichtet »der Meister«, wie eine Zeitung schreibt, der Gemeinde in zwanglos verkrampfter Sprache aus Küche und Kirche, Bank und Boudoir. Die Losung, die er fallenläßt, wird hernach von der Deutschen Verlags-Anstalt zum Buch versammelt, das heißt, was da erscheint, sieht zwar aus wie ein Buch und kostet auch soviel, hebt aber an mit dem Satz: »Für das neue Notizbuch möchte ich''s wiederholen: Dies ist ein Notizbuch, kein Buch*.«

Doch Vorsicht! Hier macht sich ein ganz Großer klein: Schließlich habe er Erfolg, obgleich er nur durch seine Prosa »auf Interesse Anspruch machen« dürfe, außerdem habe ihn kein Geringerer als Ernst Jünger den »Chamfort unserer Zeit« genannt**.

Und hat ihn nicht etwa der eigene Verlag gleich dreimal mit Lichtenberg verglichen - womit wohlgemerkt der Göttinger Aphoristiker gemeint ist, der geschrieben hat: »Wenn ein Affe (in einen Spiegel) hinein guckt, kann kein Apostel heraussehen.«

Was Wunder, ist doch der Witz von Johannes Gross messerscharf: »Signal wird neuerdings mit ck geschrieben«, seine Zeitcharakteristik pointiert: »Der Ausdruck ,Dummbart'' stimmt meistens«, sein Esprit funkelnd: »Man muß nicht integer sein, um Integrationsfigur zu werden«, seine Kunstbetrachtung selbstkritisch: »Es ist den brotlosen Künsten eigen, daß sie mehr Brot bringen können als die Brotberufe«, und seine Rassenlehre unbestechlich: »Grobe Gesichter, aber versöhnliche Beine. Eine durchaus nicht abstoßende, in nördlichen Gegenden häufige Kombination«.

Köstlich, ganz köstlich! Gut, daß solche Pretiosen nicht verlorengehen, und wir die neu-lichtenbergsche Aphoristik, die mit »Der Gabelstapler stapelt keine Gabeln« so vielversprechend begann, auf gleichem Niveau fortgesetzt wissen.

Was Gross als Feinschmeckerprosa empfiehlt, ist der Witz, der an der Fußleiste geerntet wird, das Wörtlichnehmen der Worte und substanzlose Ziselieren von Nebbichkeiten, dargeboten in zopfigstem Geheimratsdeutsch. Gross lehnt ab: »Da mußt'' ich mich versagen«, er läßt sich gehen: »wie es die Stimmung erheischt«, ein Schlüssel paßt nicht: »ihr eigener Schlüssel vermocht''s nicht«, jemand frißt bei McDonald''s: »der sonst an Fast-Food sich labt«.

In dieser Welt der Fälschungen wird Pornographie charakterisiert durch »Liebeshandreichungen« und Kohls Kopffront zum »Angesicht« veredelt. Das heißt mit Kondom denken und schreiben, und auch wo nicht gedacht wird, geschieht es in erlesener Prosa: »Über den Sinn des Lebens läßt sich nicht viel sagen, über den Sinn des Endes des Lebens gar wenig.«

Sprache ist hier nur Symptom. In der dünnen Luft seines Habitats, bei den Herrenabenden der »Machteliten«, pflegt man offenbar eine Ästhetik des Einzelgängers, zivilisierte Homophobie gegen Andersgebildete. Vorbildlich an der Sprache von Johannes Gross ist in dieser Hinsicht nicht, daß sie etwas Wirkliches bezeichnet, sondern daß sie nicht nachgesprochen werden kann und nur dadurch den Schein einer Bildung ** Der Schriftsteller Sebastien-Roch Nicolas _(Chamfort (1741 bis 1794) schrieb ) _("Maximen, Gedanken, Charaktere und ) _(Anekdoten«. * Johannes Gross: »Das neue ) _(Notizbuch. 1985 - 1990«. Deutsche ) _(Verlags-Anstalt, Stuttgart; 290 Seiten; ) _(36 Mark. ) erzeugt, die tatsächlich daraus besteht, Stilblüten mit Ikebana zu arrangieren.

So adelt sich Gross durch die gesunde Einschätzung, letztlich nur selber das eigene Niveau erreichen zu können, und während allenfalls tote Autoren zum Weiterdenken ermuntert werden, verbleichen die jüngst verstorbenen und lebenden im Schlagschatten des Platitüden-Papstes: von dem »vormals bedeutenden Habermas« über die beispiellos dummen Menschen in Umkreis und Nachfolge der »Revolution von 1968« hinein in die Selbstzufriedenheit, »seit Sartres Opportunismus und der biederen Simone de Beauvoir über Foucault, Lacan, Derrida, Merleau-Ponty und den nouveaux philosophes« nix gelesen zu haben, alles »Klugmeierei«, »Bohrer durch dünne Bretter, die glänzend lackiert werden«.

Heureka! Auf niederstem Niveau sicher gelandet zum Schulterschluß mit dem sonst verhaßten Philister, der auch stets beurteilt, was er nicht kennt, weil er nur so überlegen bleibt. Nur so gelingt es einem, der mehr geschrieben hat, als der Kopf hergab, Ignoranz zum Superioritätsbeweis hochzufälschen. Aber wenn er dann noch Adornos Satz, nach Auschwitz sei kein Gedicht mehr möglich, durch die Bemerkung würzt: »Die Wahrheit ist die, daß Adorno auch vor Auschwitz kein Gedicht schreiben konnte«, dann lache, wer noch Tränen hat zu lachen.

Die durch Auschwitz entstandene Situation reicht jedenfalls nicht hin, Gross von Scherzchen mit Leichengift abzuhalten, kennt er doch selber wichtigere Imperative: »Einhalt dem Vordringen der Zitrone!«

Wo Gross sein »J''accuse« spricht, meint er entweder die Küche oder die Linke, angefangen von der ÖTV über lauwarme Thermaldemokraten bis zu den sogenannten Alternativen. Es kennzeichnet den Konservatismus, sich über die Wirklichkeit nur ausschnitthaft zu informieren und das zu genießen. Trifft er auf Zerstörung, tritt kognitive Dissonanz in Kraft, die Unfähigkeit, wahrzunehmen, was mit dem eigenen Weltbild unverträglich ist.

In flächendeckender Feindmarkierung überzieht Gross alles mit Vernichtungsprosa, was zum emanzipatorischen Umgang mit Zerstörungen in Vergangenheit und Gegenwart anregt. Das geschah früher in einem martialischen Carl-Schmitt-Alfred-Dregger-Blend, in dem der Abbau des Sozialstaates und der Ausbau von Polizei und Militär angeregt sowie Demonstranten, Linksliberale und Gesellschaftskritiker inkriminiert wurden. An Feminismus, Dritter Welt und Umweltschutz hat sich Gross früher oft die Zähne ausgebissen; offenbar hat er sie am Tatort zurückgelassen. Nur wer Gross kannte, als er noch nicht belanglos schrieb, kann sich freuen, daß er es jetzt tut.

Übriggeblieben sind larmoyante Einlassungen zum Feminismus, das sei die Bewegung, die erwartet, daß man die Tür aufhält, sich aber nicht bedankt; zur Umweltbewegung, die »Katastrophen vorhersagt, die nie eintreten«, in Wirklichkeit aber schon übertroffen sind, und zu allen »Fürsprechern von Sonderinteressen, Verständnisträgern für Minderheiten«, »Betroffenen an (sic!) jedwedem Leid jenseits der eigenen Zuständigkeit«. Also wohl jene, die erkannt haben, daß die multiplen Ursachen etwa der Umweltzerstörung und des Sterbens in der Dritten Welt den Begriff der »Zuständigkeit« ad absurdum geführt haben, selbst wenn es sie gäbe.

Geblieben ist einzig der Biß gegen die »falschen Pazifisten«, deren Überzeugung er früher schon als »Feigheit mit Sozialprestige« bezeichnet hat und heute noch ebenso verweichlicht und untapfer findet. Schon die Nazis, weiß Gross, führten keinen »totalen Krieg«, schließlich führten sie die deutsche Mutter nicht in die Fabriken. Folgerung: »Die Neigung zum Schongang durchs Leben hat angehalten, nur die heroische Pose ist entfallen; dafür gibt es die Neue Weinerlichkeit.«

So kann man von den Nazis, die ihren Krieg wahrlich im Schongang führten, nicht einmal echten Heroismus lernen, von Gross aber, der mit der publizistischen Viertonhupe durchs FAZ-Magazin fährt und Kriege feiert, wie man das Nutzwild der Wirtschaft für die Front präpariert.

Anders als bei den »Leicht- und Linksgläubigen« wird bei Gross Deutschland schön, sobald er es erblickt, und die Realität der BRD transzendiert in eine Welt, in der sich alles Besserwissen erübrigt: Es ist die Welt des Glaubens, wo das »genial-gebildete politische Personal« unter dem Bundesadler frohlockt und man an nichts mehr denkt, das wirklich wäre.

In dieser Sphäre hat Gross den Kapitalismus, der all das Gute so klaglos in seiner Hand zusammenhält, geradewegs mit Gott identifiziert: »Der Kapitalismus« erzeugt »absichtslos auf höchst kunstvolle Weise ein sinnvolles Ganzes«.

In diesem »negativen Gottesbeweis« liegt der Grund dafür, »daß der Kapitalismus bei den Priestern aller Religionen und Ideologien, Sinnsuchern und Sinndeutern keine gute Presse hat«, also bei jenen, die finden, der Kapitalismus erzeuge auf gänzlich kunstlose Weise ein sinnloses Ganzes, in dem alle Zerstörung beschlossen liegt. Auch ihnen aber bringt Gross die Frohe Botschaft: »Nichts ist irreversibel, was Menschen bewegt haben.« Gott Kapitalismus wird auch die Hungertoten wieder aufwecken, die ausgestorbenen Arten werden auferstehen, die Lüfte und die Wasser klar sein, und die Natur wird erlöst, und wenn sie auch gestorben ist, lebt sie doch noch heute.

»Ich weiß wohl«, schwindelt Gross mit fast genau jenen Worten, die schon im ersten »Notizbuch« geschwindelt waren, »daß sich aus dem Notizbuch nichts ergibt; keine bündige Ansicht der Geschichte, keine feste Anschauung von Welt- und Zeitläufen; vom Sinn des Lebens keine Spur; nur eine Seele.«

Geh, all das ist ausreichend bündig, wahr ist aber auch, daß die festeste Anschauung in diesem Buch die Selbstanschauung ist, und die geht in einen einzigen Satz von Tommaso Landolfi: »Es ist wahr«, sagt dort ein Geck, »auch ich mache Pipi, aber aus anderen Gründen.« o

** Der Schriftsteller Sebastien-Roch Nicolas Chamfort (1741 bis1794) schrieb »Maximen, Gedanken, Charaktere und Anekdoten«. *Johannes Gross: »Das neue Notizbuch. 1985 - 1990«. DeutscheVerlags-Anstalt, Stuttgart; 290 Seiten; 36 Mark.

Roger Willemsen
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