Uffizien-Direktor Eike Schmidt »Will der russische Botschafter in unser Museum, dann darf er das«

Eike Schmidt, deutscher Direktor der Uffizien in Florenz, will weiter russische Kunst zeigen. Er sorgt sich um den kulturellen Austausch – und prophezeit, dass der Markt für Gegenwartskunst unter den Sanktionen leiden wird.
Ein Interview von Ulrike Knöfel
Ausstellungssaal in den Uffizien: »Wir werden natürlich auch gefragt: Wie gehen wir mit russischen Kunstwerken in unserer eigenen Sammlung um?«

Ausstellungssaal in den Uffizien: »Wir werden natürlich auch gefragt: Wie gehen wir mit russischen Kunstwerken in unserer eigenen Sammlung um?«

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Stefano Guidi / Getty Images

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SPIEGEL: Herr Schmidt, einige deutsche Museen setzen ihre Beziehungen nach Russland aus. Wie verhält sich das berühmteste Museum Italiens?

Schmidt: Die Uffizien sind ein staatliches Museum und über das Kulturministerium ans Außenministerium angekoppelt, das vor einigen Monaten sogar eine Generaldirektion für Kulturdiplomatie eingerichtet hat. Wir haben jetzt aus Rom eine Anweisung bekommen, alle institutionellen Beziehungen zu Einrichtungen in Russland auszusetzen, seien es Forschungsprojekte oder Beteiligungen an Ausstellungen. Aber angesichts der wirtschaftlichen Sanktionen und fehlender Flugverbindungen, die auch das Verleihen von Werken unmöglich machen, war der Austausch de facto schon seit dem 24. Februar eingefroren.

SPIEGEL: Ein offizielles Bekenntnis zu oder gegen Kooperationen wäre ein anderes Signal.

Schmidt: Gleich am Morgen des 24. Februar haben wir auf unseren sozialen Medien »Die Folgen des Krieges« von Peter Paul Rubens gepostet, ein aufrüttelndes, monumentales Anti-Kriegsbild aus dem Jahre 1638, das zu unseren Sammlungen gehört. Es war uns sofort klar, dass weder für uns noch für russische Museen derzeit gemeinsame Projekte vorstellbar sind, obwohl wir bezüglich künftiger Vorhaben durchaus im Austausch standen. Noch im Oktober waren drei unserer Kuratoren in Moskau und in Niji Tajil bei Jekaterinburg, um eine Forschungskooperation zur Familie Demidov vorzubereiten, die im 19. Jahrhundert in Florenz die größte Mäzenatenfamilie war. Dazu kommt es jetzt nicht. Dass aber einer meiner Vorgänger gerade gefordert hat, Italien dürfe für mindestens zehn Jahre keine Kunst nach Russland verleihen, halte ich für falsch.

SPIEGEL: Warum?

Schmidt: Wir alle hoffen doch, dass es zu einer Entspannung dieser gefährlichen Situation kommt. Ganz wichtig ist es, dass wir dann den Kontakt suchen. An erster Stelle stehen die Staatspräsidenten mit ihren roten Telefonen, danach ist die Kultur schon fast das erste Netz, das wieder gesponnen werden kann und oft ist es auch das letzte, das noch hält.

SPIEGEL: Die Kultur als verbindende Kraft – ist das nicht eine Illusion? Sie hat ja diesen und auch andere Kriege nicht verhindert.

Schmidt: Momentan kann sie nicht viel ausrichten, aber es kommen hoffentlich andere Zeiten. Wir werden natürlich auch gefragt: Wie gehen wir mit russischen Kunstwerken in unserer eigenen Sammlung um? Bringen wir die Selbstportraits von Boris Kustodiev oder gar dem Bjelorussen Marc Chagall ins Depot? Das machen wir nicht, denn das sind Schätze, die für einen Austausch stehen, für einen gemeinsamen Boden. An einer Mailänder Universität sollte, so wurde gefordert, ein Seminar über Dostojewski gestrichen werden, nur hat der Schriftsteller, der noch dazu Pazifist war, eben nichts mit dem Krieg zu tun. Die Kultur auf diese Weise zu kappen, hilft meines Erachtens gar nicht.

Uffizien von der Seite des Flusses Arno aus: »Wirtschaftlich wird sich auch das Fehlen russischer Besucher nur geringfügig bemerkbar machen.«

Uffizien von der Seite des Flusses Arno aus: »Wirtschaftlich wird sich auch das Fehlen russischer Besucher nur geringfügig bemerkbar machen.«

Foto: REDA&CO / Universal Images Group / Getty Images

SPIEGEL: Anfang Januar haben Sie im Palazzo Pitti, der zu ihrem Museumsverbund gehört, eine neue Dauerausstellung mit russischen Ikonen eröffnet. Der Botschafter Russlands hielt eine Rede. Wäre das alles heute, zwei Monate später, noch denkbar?

Schmidt: Würde der russische Botschafter heute ankündigen, dass er morgen ins Museum möchte, dann dürfte er das. Er wurde ja nicht ausgewiesen und wir würden internationales Recht verletzen, wenn wir ihn nicht einließen.

SPIEGEL: Dürfte er auch eine Rede halten?

Schmidt: So unwahrscheinlich eine solche Anfrage heute wäre, müsste heute darüber auf höchster Ebene des italienischen Außenministeriums entschieden werden. Allerdings wissen alle Seiten, dass derzeit solche Reden und Besuche unangemessen wären. Was aber wichtig ist, ist, dass wir diese Ausstellung geöffnet lassen. Die Ikonen dokumentieren übrigens auch die enge kulturelle Beziehung, die historische Verflechtung zwischen der Ukraine und Russland.

SPIEGEL: Die zu betonen, käme auch Putin entgegen. Der sagt ja: »Die Ukraine gehört zu uns«.

Schmidt: Im Gegenteil, die engen kulturellen und geschichtlichen Verbindungen zwischen beiden Ländern eignen sich im Grunde viel besser als Basis für Verständigung und Frieden. Heute versuchen extreme Nationalisten, das Geschichtsbild zu vergröbern und dadurch zu verfälschen. Wir sind aber verpflichtet, genauer hinzusehen.

SPIEGEL: Wie in vielen anderen Museen waren die Besucherzahlen auch in den Uffzien durch die Pandemie rückläufig. Wie wird sich der Krieg an der Museumskasse bemerkbar machen?

Schmidt: Gerade in der Hochsaison übersteigt die Nachfrage immer unsere Kapazitäten, können wir nicht alle hineinlassen, die hineinwollen, das wird auch in diesem Sommer so sein. Wir werden 2022 zwar noch deutlich weniger Besucher haben als vor der Pandemie, aber es geht klar nach oben, der Aufschwung ist bereits seit Januar spürbar. Seit zwei Jahren fehlen Besucher aus China oder Südostasien fast vollständig. Dafür kommen mehr europäische, auch viele aus Italien selbst. Wirtschaftlich wird sich auch das Fehlen russischer Besucher nur geringfügig bemerkbar machen. Dramatisch ist vielmehr, dass der Austausch der Kulturen dadurch nicht im selben Maße wie früher möglich ist. Und dieses Lernen übereinander ist das, was wirklich zählt.

SPIEGEL: Jahrelang war viel russisches Geld im Kunstmarkt präsent, das ursprünglich britische Auktionshaus Phillips gehört einem russischen Konzern. Aber auch Museen und andere kulturelle Institutionen wurden von russischen Sponsoren unterstützt. Wie werden sich Sanktionen und Distanzierung auswirken?

Schmidt: Viele Russen sind kunstinteressiert, begeistern sich gerade auch für westeuropäische Kunst. Der Markt für Gegenwartskunst wird stärker betroffen sein als der für Altmeister, obwohl russische Käufer auch da noch in den Januarauktionen rege tätig waren. Bestimmte kulturelle Einrichtungen, die von russischen Geldgebern unterstützt wurden, wird es ebenfalls treffen, doch handelt es sich um eine überschaubare Zahl. Zugleich hat sich der Aktienmarkt noch während der Pandemie so vorteilhaft entwickelt, dass andere große Player, die global inzwischen auf verschiedenen Erdteilen verteilt sind, auf dem Kunstmarkt einspringen dürften. Wäre vor 20 Jahren plötzlich das Geld aus Russland ausgeblieben, hätte das für deutlich mehr Nervosität gesorgt.

SPIEGEL: Gibt es Pläne italienischer Museen und überhaupt Möglichkeiten, die von Zerstörung bedrohte ukrainische Kultur für eine Nachkriegszeit zu schützen – in welcher Form auch immer?

Schmidt: Das ist ein ganz großes Versäumnis der letzten Jahre und Jahrzehnte, ganz bestimmt eines seit 2014, dass nichts dergleichen systematisch in die Wege geleitet wurde. Jetzt ist es fast unmöglich. In den Uffizien haben wir eines der frühesten Portraits der Prinzessin Roxelane aus Rohatyn bei Lemberg in der heutigen West-Ukraine. Wir werden das Werk nächste Woche in den Mittelpunkt unserer Aktivitäten zum Weltfrauentag stellen. Sonst bleibt uns fast auch nicht mehr übrig, als die Nachrichten zu verfolgen und zu hoffen, dass Frieden bald wieder möglich sein wird.

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