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Pop Ui, Ui, Ui

Die »Eels« debütieren mit exzellenten Rocksongs - und sind der erste Coup des jungen US-Labels »Dreamworks«.
aus DER SPIEGEL 48/1996

Der Mann nennt sich »E«, und das macht sein Leben nicht einfacher. Denn wo immer »E« sich vorstellt, fragen Leute zurück: »Wie buchstabiert man das?«

Bald wird niemand mehr Mark Everett, 30, nach seinem Künstler-Kürzel fragen müssen, denn E ist auf dem besten Weg, berühmt zu werden: Das Plattenlabel seiner Band »Eels« heißt »Dreamworks Records«. Die Firma gehört zum Dreamworks-Konzern, dessen Gründung vor zwei Jahren als Sensation der Showbranche galt, weil ihre Inhaber Steven Spielberg, David Geffen und Jeffrey Katzenberg den Ruf haben, alles in Platin zu verwandeln, was in ihre Nähe kommt.

Zu den ersten, die zeigen müssen, ob die Aufregung der Fachleute berechtigt war, gehören die Eels. Ihr Debüt-Album »Beautiful Freak« erschien vor ein paar Wochen; ihre ersten Konzerte in Deutschland, dem drittgrößten Plattenmarkt der Welt, haben sie mit Bravour und jeder Menge Jubel absolviert.

»Ui, Ui, Ui, soviel Rummel kann schnell böse Folgen haben«, murmelt E und sieht dabei nicht wie ein kommender Popstar aus. Niemand hat ihm verraten, daß man 1996 die Haare nicht in Bonbonfarben tragen sollte, wenn man nicht ausgelacht werden will. Aber vielleicht haben sich die Geschmackskontrolleure bei Dreamworks ja auch gedacht, daß einer ausschauen kann, wie er will, wenn er Talent hat.

E ist ein hervorragender Songschreiber, und auch das erste Album der Eels ist exzellent: moderne und einfallsreiche Popmusik ohne elektronische Modescherze. E aber gibt sich immer noch skeptisch. Zu oft sind die Dinge schlecht für ihn ausgegangen. Und wenn er seine Geschichte erzählt, sieht er nicht aus wie einer, der mit einem guten Ende rechnet.

»Nur die Musik hat mich bis jetzt am Leben gehalten«, behauptet er. Der Ärger habe schon begonnen, als er in Virginia geboren wurde. Seine Familie bestand aus Junkies und anderen Verzweifelten, sagt E. Den Halt, den er in seiner Umgebung nicht bekam, fand der Junge in der Musik. Seit seinem sechsten Lebensjahr schreibt er Lieder - bis heute einige tausend -, und mit 18 ermunterte ihn eine Freundin, Demobänder an Plattenfirmen zu schicken. »Ich schleppte den überwiegenden Teil meines Lebens irgendeine Kassette mit mir herum, und wer mich kennenlernte, ging garantiert mit ein paar meiner Songs nach Hause.«

Die Plattenfirmen teilten seine Euphorie leider nicht. Trotzdem zog E in die Entertainment-Hauptstadt Los Angeles, »um sich die Absagen persönlich abzuholen«, und bekam seine Chance: Als E veröffentlichte er zwei Soloplatten bei einer großen Plattenfirma. Die Kritiker fühlten sich durch seine verspielten Popsymphonien an den Beach Boy Brian Wilson oder an John Lennon erinnert. Die Konsumenten ließ das kalt, und so stand E bald wieder ohne Vertrag da.

Er fiel in Depressionen und landete beim Psychiater, und das wäre vermutlich das Ende der Geschichte gewesen, wenn nicht ein freundlicher Dreamworks-Talentjäger ihn und die beiden Jungs, mit denen er gerade musizierte, als Band in ein Studio geschickt hätte.

Die meisten Songs der Eels-CD hat E allein geschrieben, gesungen und produziert. Seine Texte erzählen viel von den Momenten, in denen der allezeit einsame Großstadtheld vom Glück verlassen wird: Von »Your Lucky Day in Hell« bis »My Beloved Monster« reicht der Katalog der Pop-Horrorvisionen.

»Ich bin ein leidenschaftlicher Pessimist«, behauptet der Künstler. Und das will er bleiben - zumindest so lange, bis er seinen Künstlernamen nicht mehr buchstabieren muß.

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