Thomas Fischer

Debattenkultur Leberwurst, beleidigte!

Thomas Fischer
Eine Kolumne von Thomas Fischer
Eine Kolumne von Thomas Fischer
Das Beleidigen ist ein menschliches Grundbedürfnis. Einst zog man dagegen in den Zweikampf, heute reicht es oft, den Gegner »beleidigt« zu schimpfen. Kleine Anleitung zum Beleidigtsein.
Andrij Melnyk, ukrainischer Botschafter, zu Gast bei Anne Will, 5. Mai 2022

Andrij Melnyk, ukrainischer Botschafter, zu Gast bei Anne Will, 5. Mai 2022

Foto:

Jürgen Heinrich / IMAGO

Begrifflichkeit

Diese Kolumne befasst sich eigentlich nicht mit dem Ukrainekrieg, oder, wie es politisch-historisch korrekt heißen muss, »Putins verbrecherischem Angriffskrieg«. Das »verbrecherisch« in dieser Bezeichnung ist eine Mischung aus juristischer Spitzfindigkeit, zeitbedingter Ethik und archaischer Beschwörung. § 13 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuchs bestimmt, dass mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft wird, wer einen Angriffskrieg führt, der eine offenkundige Verletzung der Charta der Vereinten Nationen darstellt. Die gesetzliche Überschrift von § 13 lautet »Verbrechen der Aggression«. Hieraus ergibt sich, dass ein »verbrecherischer Angriffskrieg« begriffslogisch etwa in der Mitte zwischen einem tödlichen und einem verbrecherischen Mord angesiedelt ist: Das erste ist ein weißer Schimmel, das zweite eine versteckte Subsumtion unter ungenannte Tatbestandsmerkmale, die im Alltag weder geläufig noch von Bedeutung sind.

Die Logik der Vorschrift zeigt uns, dass es auch nicht verbrecherische Angriffskriege geben muss. Eine Sorte davon ist der prophylaktisch humanitäre Angriffskrieg, für den einst Außenminister Fischer zum Entsetzen des Publikums mit roter Farbe beworfen wurde, eine andere der prophylaktisch verteidigende Angriffskrieg, für den nun der Botschafter Andrejew unter dem Jubel des Publikums mit roter Farbe beworfen worden ist. So ändern sich die Zeiten!

Hieraus ist zwar – bevor der nächste Empörungsschock Sie durchfährt! – nicht zu schließen, dass alles gleich sei, wohl aber, dass die Staats- und Militärbürokratie Russlands, welcher »der Westen« den Namen »Putin« verliehen hat, mit der Welt auf völkerrechtlicher Grundlage zu sprechen wünscht. Immerhin! Die Analogien zu Dschingis Khan sind also etwas verfrüht. Stattdessen könnte man, falls einem die tief empfundene Beleidigtheit über das Russische in der Welt Zeit lässt, ein wenig über die Kriegserklärungen Großbritanniens und Frankreichs an Russland vom März 1854 nachdenken, über die faszinierende Eskalationslogik des (hierzulande) sogenannten Krimkriegs und die Belagerung von Sewastopol, die den einen oder anderen auf ebenso bedrückende wie erhellende Weise an die Belagerung von Mariupol erinnern könnte.

Leberwurst

Was ist eine beleidigte Leberwurst? Ist es eine Beleidigung, jemanden so zu nennen? Wie immer kommt es einmal wieder darauf an. Die Leberwurst als solche kann nichts dafür, namentlich weil sie, sofern sie nach jahrhundertealtem Familienrezept außer Fett und geschmacksverstärkenden Ingredienzien auch Teile von Lebern enthält, überwiegend auf solche von Schweinen, Rindern und Kälbern, zu geringeren Teilen auf Leberstücke von allerlei Geflügel zurückgreift. Wie es bei den Leberwurstlieferanten mit der Viersäftelehre des Herrn Galen bestellt ist, weiß ich nicht, obgleich so manchem Kampfstier, Kampfhund und Kampfhahn schon Läuse über die Leber gelaufen sind. Jedenfalls sitzt in der Leber, wie jeder erfahrene Alkoholiker weiß, die Seele des Menschen, also das Gefühl. Heutzutage leidet der westliche Mensch zugleich an permanenter Leberüberfunktion, sprich übertriebener Gefühlssaftausschüttung, und an hierdurch verursachter galoppierender Hyposozialität, sprich Abstumpfung, die sich als sogenannte Empathie tarnt, meist jedoch die Form eines auf die eigene Galle gerichteten Spiegels hat. Wie sonst soll man die Welt, den Spritpreis, die Viren und die mittelschweren Waffen ertragen?

Eine beleidigte Leberwurst (b. L.) ist jemand, der sich aus vermeintlich nichtigem Anlass beleidigt fühlt. Die Bezeichnung ist also ihrerseits eine Herabsetzung, weil sie die Ehrverletztheit des Betroffenen als sozial unangebracht, unverhältnismäßig und unernsthaft denunziert. Man kann die Verletztheit der Leberwurst ihrerseits gering schätzen, weil ihr von Natur aus Unseriösität anhaftet: Der Betroffene »spielt« die b. L. Denn wäre er tatsächlich ernsthaft beleidigt, müsste man eine Diskussion über die Berechtigung beginnen. Und das ist erfahrungsgemäß viel schwieriger, als die meisten denken.

Schwul? Borniert? Putinfreund?

»Schwuler«: Ist das eigentlich eine Beleidigung? Oder »Lesbe«? Oder »Diverser«? Sobald es um Sexualitätsbezogenes geht, wird es menschlich und kommunikativ schwierig, weil das Sexuelle als »intim« gilt. Tatsächlich verbergen die meisten Menschen ihre eigenen sexualitätsbezogenen Handlungen und Gedanken recht sorgfältig vor (abgestuften) Kreisen der Öffentlichkeit, während zugleich eine anonymisierte Sexualisierung des Alltagslebens allgegenwärtig ist. Kritik an Letzterem oder die Behauptung, hierdurch »beleidigt« zu sein, gilt der hiesigen Bevölkerungsmehrheit als rückständig, illiberal oder feindselig, was sich im konflikthaften Zusammenprall sogenannter Frauenbilder und Männlichkeitsvorstellungen beobachten lässt. Ob die Wiedereinführung der Burka-Vorschrift in Afghanistan zum humanitären Kurzeinsatz einer weiblichen Bundeswehreinheit oder zur Lieferung von überschüssiger Textilausrüstung aus alten DDR-Beständen führen sollte, wäre durchaus eine Sonntagsabend-Talkshow wert.

Aber die »Beleidigung« ist ein sozialpsychologisches Fass ohne Boden, will sagen: unendlich, ungenau, stets in Bewegung. Diese Beschreibung stimmt mit der Alltagsansicht nicht überein, wonach die Beleidigung – etwa wie die »Pornografie«, die »Aggression«, die »Grenzüberschreitung« – ein Gegenstand sei, der sich quasi aus sich selbst erschließe, den man »erkennt, wenn man ihn sieht«. Das stimmt allerdings überhaupt nicht. Im Gegenteil ist »Beleidigung« ein überaus kompliziertes soziales Geschehen. Sexuelles jeglicher Art eignet sich besonders gut zum Beleidigtsein; es geht aber auch mit fast allem anderen. Schon das spricht dafür, dass es einmal mehr in höchstem Maß darauf ankommt.

Viele denken bei dem Begriff »Beleidigung« als Erstes an eine Sanktionierung. »Ist das strafbar?«, lautet die Frage, sobald irgendwer sich von irgendwem »beleidigt« fühlt. Wird die Sache öffentlich (insb.: medial) ausgetragen, bilden sich allerlei Lager. Die einen sind der Ansicht, die Ehre werde viel zu wenig geschützt, die anderen meinen, sie werde weit überbewertet. Dazwischen gibt es Meinungsströmungen, die sich mehr oder minder distanziert vom Geschehen geben: Man solle sich »nicht so anstellen«, »nicht so empfindlich sein«, andererseits sich »nicht alles gefallen lassen« usw. Menschen, die sich gegen »Beleidigungen« rechtlich (oder gar mit Gewalt) wehren, gelten schnell als »ehrpusselig«, was seinerseits eine ziemlich abwertende Zuschreibung ist, siehe »Prozesshansel« usw.

Die »Ehre« ist also ein überaus schillerndes, teilweise gar als etwas unernsthaft angesehenes Rechtsgut. Das ist insoweit erstaunlich, als die meisten Menschen, die man im Alltag kennt, sich fast ununterbrochen über, von oder durch irgendetwas oder irgendjemanden »beleidigt«, gekränkt, zurückgesetzt, übergangen oder sonst nicht mit der gebührenden Achtung behandelt fühlen. Die Minderwertigkeit des schützenswerten Zustands »Ehre« wird fast ausschließlich bei anderen, fast nie bei sich selbst konstatiert. Auch das ist ein Spezifikum des Gegenstands. Sehr beliebt ist es, Menschen, die man zuvor nach Kräften geschmäht hat, beim kleinsten Widerspruch dagegen lauthals als überempfindliche Mimosen zu entlarven.

Alles relativ!

Für eine ordentliche Beleidigung benötigt man drei Personen: einen Täter, ein Opfer und einen Dritten. Diese letztere Person ist besonders wichtig, wenngleich sie nicht unbedingt real und anwesend sein muss; in den meisten Fällen wird sie einfach dazugedacht. Dies allerdings ist unbedingt erforderlich: Denn wo kein »neutraler« Dritter, nutzt die schönste Herabwürdigung nichts. Auch das Opfer ist ja nicht deshalb beleidigt, weil jemand die Laute »bornierter« und »Schwätzer« ausgestoßen hat, sondern weil es weiß, annimmt oder befürchtet, die Welt könne glauben, dass die symbolische Bedeutung dieser phonetischen Signale zutreffe. Anders gesagt: Ohne sozialen Hallraum der Bedeutung gibt es keine Beleidigung. In der Sprache und den sprachersetzenden Zeichen ist dieser Hallraum stets schon mitgedacht; dies ist ja gerade der evolutionär-soziale Sinn des Sprechens.

Deshalb ist es zum Beispiel letzten Endes nicht wirklich sinnvoll, in einem dicken Strafrechtskommentar in der Kommentierung zu § 185 StGB (»Beleidigung«) nach hundert Beispielen aus der Rechtsprechung zu suchen, um zu erkunden, was (»schon«) strafbar ist und was (»noch«) durchgeht. Alles ist relativ, und die Beleidigungen ändern sich mit den Zeiten, den Gesellschaftsschichten und den Gelegenheiten. Vor 30, erst recht vor 50 Jahren war es tatbestandsmäßig, jemanden als »schwul« zu bezeichnen. Heute gilt das, je nach Zusammenhang, eher als Lob, und sogar das OLG Köln musste kürzlich (Az. 15 W 15/22) das Beiwort »Bastard« sowie die allgemein abwertende, sexualitätsferne Bedeutung von »schwul« in der sogenannten Jugendsprache bemühen, um zu einer potenziellen Strafbarkeit zu gelangen. Schöne Beispiele für Bedeutungsänderungen sind »Bulle« (Polizist) oder der gute alte »Stinkefinger«, über den wohl nur noch Polizeihauptmeister im Dienst, Audifahrer oder »Bild«-Redakteure in Erregung geraten. Die Staatsanwälte und Richter, die darüber entscheiden, was strafbar ist, stammen bekanntlich ganz überwiegend aus einer »gehobener Mittelstand« genannten Gesellschaftsschicht, in der man fest davon überzeugt ist, der eigene Geschmack sei zufällig exakt das Zentrum der bekannten Welt.

Sehr interessant sind Zuschreibungen, die nur in der (wirren oder feindseligen) Vorstellungswelt des Täters eine herabsetzende, ausgrenzende Bedeutung haben: »Jude«, »Kommunist«, »Radikaler«. Würde man solche (beleidigend gemeinten) Bezeichnungen als Beleidigung verfolgen, würde man sich die abwegigen Täterbewertungen zu eigen machen.

Wurstsalat

Wenn, nur mal beispielhaft, jemand über einen ausländischen Staatspräsidenten sagt, dass dieser »am liebsten Ziegen ficke«, halten das überraschend viele für einen ausgesprochen gelungenen Scherz. Wenn ein anderer, über dessen Vorfahren man vielleicht nicht schweigen sollte, über einen deutschen Soziologen sagt, dass dessen Vorfahren 10 Millionen Ukrainer ermordet haben, leiten überraschend viele daraus ab, es sei dem Professor aus Elfenbein zwecks Schuldausgleich geboten, 80 Jahre später möglichst viele Russen töten lassen zu wollen. Beides kann man so sehen, muss es aber gewiss nicht. Es könnten auch gravierende Beleidigungen sein. Beides hält sich vermutlich, auf unterschiedliche Weise, selbstverständlich für hochmoralisch.

Dem zuletzt genannten, als Repräsentant eines ernst zu nehmenden Staates ersichtlich ungeeigneten Moralpöbler, 2015 Kranzniederleger am Münchner Grab des in der Westukraine als »Held« verehrten Kriegsverbrechers und Prowidnyk (Führer) Banderas, dessen aus der »OUN« hervorgegangene »UPA« der SS-Division »Galizien« aktiv bei der Ermordung von 800.000 Juden half und eigeninitiativ 100.000 Polen ermordete, hat kürzlich jemand gesagt, er sei »einfach nur borniert«. Der Hallraum für diese akademisch zurückhaltende Rüge war gewaltig und Furcht einflößend wie das »Tal der Dämmerung« auf Herrn Knopfs Reise nach China, und zahllose Reserveoffiziere der Herzen aus den Generalstäben für Wertekunde rieten dem Soziologen, sich, wenn ihm das Leben lieb sei, vom Schlachtfeld zurückzuziehen. Dabei müsste man »Borniertheit« nur zutreffend mit »Engstirnigkeit« übersetzen, und schon wäre der sogenannte Botschafter vielleicht glücklich. Wir wissen es nicht und stellen uns vorerst vor, was wohl den Botschaftern aus Südkorea, Angola oder Rumänien passieren würde, wenn sie sich ähnlich unverschämt aufführten oder einen Ehrenkranz für Rudolf Hess niederlegten.

Nun ja, das ist natürlich alles hypothetisch. Was der beleidigungsinteressierte Leser und Rechtsfreund daraus lernen kann, ist, wie so oft in der Wissenschaft, enttäuschend mehrdimensional. Statt schwere Waffen nur schwere Fragen, statt Stopfleberpastete nur Wurstsalat! Und mit diesem Gericht sind wir nun wirklich in bedrohliche Nähe zur Soljanka geraten, deren baldiges europaweites Verzehrverbot ein, wie ich finde, schönes Projekt für den Vorsitzenden des Europaausschusses des Bundestags sein könnte. Überhaupt sollte das sächsische Nationalgericht ab sofort »Borschtsch mit Quarkkäulchen« werden!